Radsport: Probleme des Radsports: Gefangen im Teufelskreis

Sinnvolles Radsponsoring kostet jährlich so viel wie die Brust des FC Bayern. Radteams werden zunehmend zu Spielbällen von Mäzenen, weshalb der Weltverband die Einführung eines Financial Fair Plays andenkt. Ohne Reformen überleben vielleicht nur mehr die Hälfte der Teams.

Sinnvolles Radsponsoring kostet jährlich so viel wie die Brust des FC Bayern. Radteams werden zunehmend zu Spielbällen von Mäzenen, weshalb der Weltverband die Einführung eines Financial Fair Plays andenkt. Ohne Reformen überleben vielleicht nur mehr die Hälfte der Teams.

"Zu Weihnachten wird das Radteam Cannondale-Drapac nicht mehr existieren", sagte dessen CEO John Vaughters nach der achten Etappe der Vuelta a Espana: "Es sei denn, ein Unternehmen entscheidet sich dazu, das Team schnell zu unterstützen."

Es war eine schockierende Meldung, die den Radzirkus inmitten der zweiten Woche der Vuelta erschütterte. Durch den Absprung eines neuen Partners für die Saison 2018 entstand beim amerikanischen Rennstall eine Finanzierungslücke von sieben Millionen Dollar.

Moneyball-Team des Radsports

Team Cannondale ist mittlerweile bekannt dafür, mit einem vergleichsweise kleinen Budget in der obersten Liga des Radsports mitzumischen. 15 Millionen Euro haben die Amerikaner jährlich zur Verfügung, eine Summe, die vor fünf Jahren, als man mit Ryder Hesjedal einen Giro-Sieger stellte, noch eines der höchsten Budgets der Szene war.

Zum Vergleich: Krösus Team Sky kann laut L'Equipe auf das Dreifache zurückgreifen, und sich unter anderem ein eigens designtes Race Hub leisten, das an die Motorhomes der Formel-1-Teams erinnert. Nicht zuletzt deshalb nennt man Cannondale das Moneyball-Team des Radsports, da sie häufig junge, unerfahrene Talente langfristig an das Team binden. Mit Erfolg: Heuer belegte Rigoberto Uran sensationell den zweiten Platz bei der Tour de France, bei der Vuelta gewann man die Bergwertung.

Fahrer und Betreuer entlassen, Crowdfunding gestartet

Die unmittelbare Konsequenz der Budgetlücke bei Cannondale war, dass alle Verträge für die Fahrer des Teams, aber auch die des gesamten Betreuerstabs, vom Busfahrer bis zum Mechaniker, vorerst aufgelöst wurden.

Es waren zunächst die Fans der Green Argyle, wie sich das Team aufgrund des Karomusters auf ihren Trikots nennt, die einen ersten Versuch der Rettung der Saison 2018 vorschlugen. "Die häufigste Reaktion unserer Fans lautete: 'Versucht es mit Crowdfunding'", teilte das Team wenige Tage später auf seiner Homepage mit. Cannondale fand in Fairly Group, einer Risiko-Consulting-Firma aus den USA, einen strategischen Partner. Jeder gesammelte Euro einer Crowdfunding-Kampagne wird von Fairly verdoppelt.

Doch damit nicht genug: Durch die positive Resonanz der Kampagne konnte zwei Wochen nach der Ankündigung der Probleme mit Education First ein neuer Hauptsponsor für die nächsten Jahre gefunden werden.

Das Team hört nun auf den sperrigen Namen EF Education First-Drapac p/b Cannondale. Es ist der 14. Name seit der Gründung des Teams im Jahr 2003 - ein Sinnbild für die Fluktuation der Sponsoren im Radsport.

Explodierende Gehälter durch private Geldgeber

Doch warum gestaltet sich das Sponsoring im Radsport so schwierig? Der Boom der Ära Lance Armstrong und Jan Ulrich ist vorbei, durch systematisches Doping steckt die Szene nach wie vor in Reputationsschwierigkeiten. Dadurch sind Marketing-Reichweiten begrenzt, zudem lassen hohe Kosten für die Austragung von Rennen wenig Platz für steigende Preisgelder.

Trotz allem sind Gehälter, vor allem die von Top-Stars, in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Einige private Gönner sind im Radsport eingestiegen und haben dazu beigetragen, dass Budgets - zumindest kurzfristig - deutlich anstiegen. Astana, Katusha, Bahrain Merida sowie Team United Arab Emirates werden allesamt von "nationalen Regierungen" unterstützt, hinter BMC Cycling steht der Schweizer Unternehmer Andy Rihs.

Rund 80 Prozent der Budgets werden für die Gehälter der Fahrer und Betreuer verwendet, nur 20 Prozent benötigt ein Team für Fahrzeuge, Reisekosten und sonstige Ausgaben.

Während steigende Investitionen gute Zeichen für den Radsport sind, kommen diese nur bei wenigen an. Die Teams statten profilierte Fahrer mit hochdotierten Verträgen aus, um die größte Aufmerksamkeit für das Team und deren Sponsoren zu schaffen.

Superstars wie Chris Froome oder Peter Sagan kassieren mittlerweile fünf Millionen Euro jährlich. Ein "Wasserträger" verdient gerade einmal die 36.300 Euro, die der Weltverband UCI als Lohnuntergrenze vorschreibt. Wer die Stars haben will, muss deren Gehälter bezahlen. Fehlt einem Team das Geld für einen Superstar, werden weniger Unternehmen gewillt sein, das Team zu sponsern - ein Teufelskreis.

Einnahmenquellen bleiben begrenzt

Im Fußball oder Basketball stehen astronomische Gehälter und Transfersummen an der Tagesordnung. Doch parallel dazu stiegen dort auch Einnahmen durch TV-Gelder, Merchandise oder Eintrittskarten. Im Radsport sind diese Einnahmequellen begrenzt. Straßenrennen sind für jeden Fan frei zugänglich, Einnahmen durch Ticketverkäufe daher nicht möglich.

Die Produktionskosten eines Radrennens übersteigen jene von stationären Sportereignissen bei weitem. Die ASO, Veranstalter von Tour de France, Vuelta, Paris-Roubaix und elf weiteren Radrennen, gab laut Jahresbilanz im Jahr 2012 rund 130 Millionen Euro für die Organisation der Wettfahrten aus.

Parallel dazu machen Mäzene das Radsponsoring für Firmen zu einem unmoralischen Business-Konzept. Team Cannondale hat diese Problematik in den vergangenen Jahren am lautesten thematisiert.

Golden State bringt größeren Mehrwert

CEO Vaughters äußerte sich gegenüber Cyclingtips zu diesem Thema: "Für ein öffentlich gelistetes Unternehmen, das in seinen Entscheidungen nicht durch Enthusiasmus für den Radsport angetrieben wird, macht es keinen Sinn, ähnliche Summen in den Radsport zu investieren wie Teams mit privaten Unterstützern."

Ein weiterer Vergleich mit dem Basketball zeigt, dass Investitionen in den Radsport wenig vertretbar sind: Während ein Radteam ein Jahresbudget von 15 Millionen Euro benötigt, sichert sich etwa die Bank JP Morgan Chase für diesen Betrag lieber die Namensrechte der neuen Arena der Golden State Warriors.

Im Gegenzug wird Chase mit der derzeit erfolgreichsten Franchise der NBA in Verbindung gebracht, im Radsport würde dieser Betrag bestenfalls für ein Team aus dem Mittelfeld reichen.

Bayern München für Telekom lukrativer

Die Deutsche Telekom fungierte von 1991 bis 2007 als Sponsor eines Top-Teams im Radsport. Um wieder auf demselben Level auf die World Tour zurückzukehren, müsste Telekom pro Jahr 30 Millionen Euro investieren. Für dieselbe Summe tragen die Spieler des FC Bayern München das Logo der Telekom nun auf der Brust.

Des Weiteren scheint der Mehrwert eines Rad-Sponsorings schnell verpufft. "Meine Marketingleute haben mir gesagt, wir haben innerhalb der letzten fünf Jahre alle Investoren erreicht, die wir durch das Radsponsoring erreichen können", erklärte der russische Entrepreneur Oleg Tinkoff Ende letzten Jahres. Tinkoff war fünf Jahre Besitzer eines Teams, dem unter anderem Alberto Contador und Sagan angehörten. "Wir werden auf direkte TV-Werbung umsteigen."

Kommt Financial Fair Play im Radsport?

Die aktuellen Entwicklungen könnten den Weltverband UCI dazu zwingen, Regeln ähnlich zum UEFA Financial Fair Play einzuführen. David Lappartient, Präsident des französischen Radverbands, setzt sich am stärksten für Budgetregulierungen ein: "Ich denke, dass uns der Fußball ein gutes Beispiel für Budgetobergrenzen gegeben hat," sagte Lapartient der Associated Press. "Das ist etwas, an dem wir in unserem Sport arbeiten müssen."

Rückendeckung bekommt Lappartient von einem der bestbezahlten Radsportler in der Geschichte, Alberto Contador. "Es sollte eine Obergrenze geben, in etwa bei 15 Millionen Euro für Verträge mit den Fahrern", sagte Contador im Rahmen der Vuelta: "Wenn die Gehälter durch die Decke gehen, wird es immer schwieriger, Sponsoren anzuziehen."

Eine mögliche Reform wäre, eine weiche Gehaltsobergrenze einzuführen: Alle Teams, die diese überschreiten, würden von Ausschüttungen der Preisgelder ausgenommen. Diese würden gleichmäßig an alle anderen Teams verteilt, die die Obergrenze einhalten.

Solch ein System könnte private Gönner davon abhalten, zu hohe Verträge für die Superstars der Szene aufzusetzen. Falls sie dies doch tun, würden kleinere Teams direkt profitieren und die Möglichkeit bekommen, die Superstars selbst zu verpflichten.

Chris Froome hält von Budgetobergrenzen wenig

Interessanterweise äußert sich Froome, aktueller Tour- und Vuelta-Gewinner, kritisch zu solchen Vorhaben: "Meine Teamkollegen haben gezeigt, dass sie das stärkste Team im Radzirkus sind. Ob das alles nur durch unser Budget zu erklären ist? Ich bin mir da nicht so sicher," sagt Froome, Kapitän jenes Team Sky, das das höchste Budget im Peloton genießt.

"Ich denke, so funktioniert der Profisport. Wenn ein Team seine Gelder erfolgreich reinvestiert und den Sport dadurch vorantreibt, würde eine Finanzobergrenze solche Entwicklungen hemmen."

Ein anderer Vorschlag lautet, die Anzahl der Fahrer pro Team zu reduzieren, um so die Kosten einzudämmen. Team Sky hat derzeit 28 Fahrer unter Vertrag, bei Cannondale ist es einer weniger.

Vor kurzem bestätigte die UCI, dass Teams bei großen Rundfahren acht statt wie bisher neun Fahrer einsetzen dürfen. Begründet hat der Verband diese Maßnahme damit, um einerseits die Sicherheit im Peloton zu erhöhen, andererseits die Dominanz einzelner Teams zu erschweren. Die Reform könnte aber auch aus finanzieller Sicht Sinn machen.

Froome: "Lasst uns alle denselben Porridge essen"

Froome reagierte auf all diese Vorhaben nur sarkastisch. "Wir sollten alle die selben Räder fahren, die selben Ausrüster, sollten jeden Morgen den selben Reis und Porridge aus einem großen Topf essen", meinte Froome und fragte: "Wo ziehen wir eine Linie?"

Fakt ist, dass Unternehmen viel lieber in andere Sportarten investieren. Es braucht Vorstandsmitglieder mit einem starken Bezug zum Radsport, damit sich eine Firma für das Sponsoring eines Teams im Peloton entscheidet. Führt die UCI keine Reformen ein, könnte sich das Fahrerfeld in den großen Radrennen dieser Welt schon bald deutlich verkleinern.

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