Radsport:: Cookson in der Kritik, aber dennoch vor Wiederwahl

Die erste Amtszeit von Brian Cookson an der Spitze des Radweltverbandes UCI wird teilweise sehr kritisch gesehen. Dennoch gilt es als wahrscheinlich, dass der Brite wiedergewählt wird.

Die erste Amtszeit von Brian Cookson an der Spitze des Radweltverbandes UCI wird teilweise sehr kritisch gesehen. Dennoch gilt es als wahrscheinlich, dass der Brite wiedergewählt wird.

Das Urteil der besten deutschen Radprofis ist ziemlich vernichtend. "Beim großen Thema Sicherheit hat sich nullkommagarnichts geändert", sagte Zeitfahr-Spezialist Tony Martin am Rande der WM in Bergen sehr deutlich über die erste vierjährige Amtszeit von Brian Cookson. Auch Top-Sprinter Marcel Kittel hat zur Arbeit des Weltverbandspräsidenten eine klare Meinung: "Ich glaube nicht, dass die Probleme kleiner, sondern größer geworden sind."

Der Brite Cookson, dem viele auch das Charisma einer starken Führungspersönlichkeit absprechen, muss wohl dennoch keinen Sturz befürchten. Wenn am Donnerstag beim UCI-Kongress über den Kopf der Radsportwelt abgestimmt wird, gilt ein Sieg des 66-Jährigen über seinen französischen Herausforderer David Lappartient (44) als wahrscheinlich.

"Ich bin zuversichtlich, dass ich genug Unterstützung habe und sicher, dass es positiv ausgeht", sagte Cookson während seiner Wahlkampfinterviews in den vergangenen Monaten. Die Zeit für seinen Konkurrenten sei "noch nicht reif", er spüre im Radsport nicht den Wunsch nach einem Wechsel.

Das war vor vier Jahren in Florenz ganz anders. Der Radsport ächzte unter den aufgedeckten Betrügereien Lance Armstrongs und litt unter seinem skandalumtosten Oberhaupt Pat McQuaid. Dem Iren und seinem inzwischen verstorbenen Vorgänger Hein Verbruggen war eine klebrige Nähe zu Armstrong nachgesagt worden, dabei ging es auch um schwerwiegende Korruptionsvorwürfe. Es war denkwürdig, was sich damals im majestätischen Palazzo Vecchio abspielte, wie sich McQuaid an seine Macht klammerte und letztlich doch wie ein geprügelter Hund abtreten musste.

Damals trat Cookson als großer Hoffnungsträger auf, heute wirkt er eher wie der Ritter der traurigen Gestalt. Naturgemäß für einen hohen Funktionär zieht der Ex-Chef des britischen Verbandes selbst aber eine andere Bilanz als etwa die deutschen Fahrer. Cookson habe die UCI etwa aus einem extrem schlechten Licht herausgeführt und zu einem der "Vorbilder" im Kampf gegen Doping erhoben.

Glaubwürdigkeit und Integrität verbessert

Selbst IOC-Chef Thomas Bach sei begeistert von den Fortschritten und wolle sich daran ein Beispiel nehmen, betonte Cookson im SID-Gespräch. "Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben. Wir haben Glaubwürdigkeit und Integrität deutlich verbessert", sagte der Brite, der Martin und Kittel in dieser Beziehung als "Vorbilder" bezeichnete.

Nur irgendwie fehlt den Profis, die im Radsport nunmal das Aushängeschild sind, der Eindruck, dass überdies die richtigen Stellschrauben bewegt werden. Die World Tour als erste Liga des Radsports sei etwa völlig undurchsichtig, bemängelte Martin: "Von Änderungen ist nichts zu sehen, die World Tour ist ein komplettes Chaos. Keiner blickt durch das Wertungssystem", sagte der 32-Jährige.

Aber nicht nur das, auch beim wichtigen Thema Sicherheit fehlten nach seiner Ansicht die Impulse. "Ich habe immer noch das Gefühl, dass wir gegen eine komplette Wand laufen", sagte Martin, der sich im Vorjahr nach einigen schweren Unfällen auch gemeinsam mit Kittel für Änderungen stark gemacht hatte.

Ein UCI-Chef sollte sich dieses Thema "ganz groß auf die Brust schreiben", findet Martin, der resümiert: "Ich war nicht wirklich begeistert von seiner Amtszeit." Eine weitere steht wohl dennoch bevor. Erst danach plant Cookson seinen Abgang.

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