„Rückschläge zum Kauf nutzen“


Die überraschend kräftige Jahresanfangsrally am hiesigen Aktienmarkt euphorisiert die Anleger: Nachdem der Dax allein in der ersten Handelswoche um mehr als 400 Punkte gestiegen ist, wollen nun so viele Investoren ihre Depotbestände ausbauen wie selten zuvor. Das zeigen die Ergebnisse der neuen Handelsblatt-Umfrage zur aktuellen Börsenstimmung. Um insgesamt mehr als drei Prozent hat der Leitindex bisher im Januar zugelegt. Das entspricht bereits rund einem Drittel des Kurspotenzials, das Analysten des Dax im Schnitt für das Gesamtjahr 2018 zutrauen.

Wöchentlich werden bei der Erhebung mehr als 2.300 Anleger befragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Die Ergebnisse bewertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. Seine Prognosen zur Dax-Entwicklung sollen Orientierung für die Geldanlage bieten. Wichtig ist dabei der Zeithorizont: Das Sentiment gibt keine Auskunft über die mögliche Marktrichtung am nächsten Tag und selten über die kommende Woche, wohl aber über die kommenden vier bis zwölf Wochen.


Den aktuellen Gemütszustand der Investoren beurteilt der Sentiment-Experte als eindeutig positiv für die weiteren Aussichten an der Börse: „Für die kommenden drei Monate werden steigende Kurse erwartet, da möchte jeder dabei sein“, sagt Heibel. Viele Investoren hätten sich noch zum Jahresende mit Käufen sehr zurückgehalten. Dies habe dazu geführt, dass die Marktteilnehmer unterinvestiert seien und der angelaufenen Rally hinterherlaufen müssten. „Sie kaufen in die steigenden Kurse hinein, um überhaupt dabei zu sein“, ergänzt der Experte.

Nur einmal sei die Investitionsbereitschaft größer gewesen als heute: Im November 2014 – und damit einen Monat nach dem Start einer fulminanten Aufwärtsbewegung im Dax, die den deutschen Leitindex damals binnen sechs Monaten um 40 Prozent nach oben katapultierte.

Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Die aktuellen Ergebnisse zu Erhebung im Detail: 36 Prozent (plus 14 Prozentpunkte) der Anleger wollen in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, nur neun Prozent (minus sechs Prozentpunkte) wollen verkaufen. Das Lager derer, die derzeit noch nicht wissen, ob sie kaufen oder verkaufen werden, ist auf 55 Prozent (minus acht Prozentpunkte) gefallen. Einmal war die Investitionsbereitschaft mit der heutigen vergleichbar: Im Juni 2016 und damit zu Beginn der damaligen Dax-Rally, die den Dax innerhalb von zwei Monaten um 16 Prozent nach oben hievte.


Gleichzeitig betrachten 65 Prozent (plus 45 Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer die aktuelle Bewegung im Dax als Aufwärtsimpuls, weitere 15 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) gehen von einer Topbildung aus. Nur 17 Prozent (minus 36 Prozentpunkte) betrachten die Bewegung als Seitwärtsbewegung. Damit steigt unser Sentiment-Indikator auf 6,4. Nur einmal in den vergangenen drei Jahren war die Stimmung euphorischer, und das war wenige Wochen nach dem Wahlsieg Donald Trumps. Es folgte eine Rally.


Warum Rückschläge nur Gelegenheiten zum Nachkaufen sind

28 Prozent (plus 19 Prozentpunkte) geben an, auf diese Dax-Rally spekuliert zu haben, weitere 47 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) fühlen sich in ihren Erwartungen zum größten Teil bestätigt. Kaum erfüllt sehen 18 Prozent (minus 14 Prozentpunkte) ihre Erwartungen, lediglich sieben Prozent (minus vier Prozentpunkte) wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Die Selbstzufriedenheit der Anleger ist zwar groß, aber noch nicht überdimensioniert.


Im vergangenen Jahr verliefen Sentiment und Erwartung häufig gegenläufig. Stieg das Sentiment an, so fiel die Erwartung. Heute sieht es anders aus: Für den Dax in drei Monaten erwarten 29 Prozent (minus ein Prozentpunkt) einen Aufwärtsimpuls, weitere 26 Prozent (plus zwölf Prozentpunkte) gehen von einer Topbildung aus. Eine Seitwärtsbewegung erwarten lediglich noch 29 Prozent (minus vier Prozentpunkte), und fallende Kurse fürchten 14 Prozent (minus sechs Prozentpunkte).

Dieses Ergebnis ist konsistent zum Ergebnis der Jahresumfrage, denn die meisten Anleger erwarten für den Mai den Dax-Höchststand des Jahres. Mit plus zwölf Prozent hat das Lager der Topbildung für den Dax in drei Monaten am meisten Zuwachs erhalten. In drei Monaten befinden wir uns im April – und wenn sich Anleger nach ihrer Jahreseinschätzung verhalten, dann sollte die Topbildung dann tatsächlich beginnen.


Unter dem Strich interpretiert Heibel die aktuelle Stimmungslage als „sehr bullisch“ für den Dax. „Insbesondere die große Kaufbereitschaft entlädt sich in diesen ersten Handelstagen des neuen Jahres“, sagt der Fachmann. Wie lange diese Kauflust anhalten werde sei nicht absehbar, und sicherlich werde die aktuelle Geschwindigkeit der Dax-Rally nicht lange beibehalten werden können. Eine Korrektur sei jederzeit möglich. „Doch eine Konsolidierung oder gar ein kleiner Rückschlag wäre in meinen Augen nichts weiter als eine Gelegenheit für uns, nachzukaufen“, resümiert der Investmentprofi.


Damit bleibt der Marktbeobachter bei seiner bisherigen positiven Lagebeurteilung: Schon in den vergangenen Woche hatte er Investoren immer wieder empfohlen, von mittelfristig eher weiter anziehenden Börsenkursen auszugehen.

Ähnliche Schlussfolgerungen wie bei der Handelsblatt-Umfrage lassen sich derzeit auch aus den Ergebnissen des an der Stuttgarter Börse gemessenen „Euwax-Sentiments“ ableiten.


Wie sich Profis derzeit positionieren



Das Euwax-Sentiment der deutschen Privatanleger deutet mit einem Wert von 8,5 auf sehr großen Optimismus in den jüngsten Positionierungen der Anleger hin. Absicherungsgeschäfte werden kaum eingegangen. Auch das Put/Call-Verhältnis der Eurex, das das Verhalten der institutionellen Anleger abbildet, signalisiert ausbleibende Absicherungskäufe. „Allerdings haben institutionelle Anleger vor Weihnachten extrem hohe Absicherungskäufe getätigt, so dass wir die aktuell fehlenden Absicherungsgeschäfte auch als Auflösung der vormals zu großen Absicherungspositionen für die Feiertage betrachten können“, erläutert Heibel.

Der „Angst und Gier“-Index des S & P 500, der Auskunft geben soll über die Stimmungslage der weltweit einflussreichen Wall Street, notiert bei 73 Prozent. Damit zeigt er bereits Gier an, Extremwerte beginnen aber erst bei 75 Prozent.

Institutionelle US-Anleger haben eine Investitionsquote von nur noch 58 Prozent (minus zehn Prozentpunkte). Der sprunghafte Anstieg des Barkapitals kann auch daran liegen, dass zum Jahresbeginn viele Anleger ihre Gelder zum Anlegen an die Fondsgesellschaften überweisen. Aber ganz gleich, was die niedrige Investitionsquote verursacht hat: Institutionelle US-Anleger müssen Aktien kaufen.

Die Bulle/Bär-Quote der US-Privatanleger ist auf 44 Prozent gesprungen und zeigt damit – genau wie in Deutschland – eine große Euphorie unter Privatanlegern. Die Analyse der Sentiment-Daten der vergangenen zehn Jahre hat gezeigt, dass eine euphorische Stimmung lange anhalten kann. Depressive Stimmungen eignen sich gut, um einen Tiefpunkt an den Finanzmärkten zu bestimmen. Es ist aber kein geeignetes Mittel, um aus Euphorie ein Top abzuleiten.


Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.