Die Rückkehr des Mini-Zinses


Das Timing an den Finanzmärkten ist eine wichtige Sache. Das gilt sowohl für Investoren, die versuchen, den richtigen Zeitpunkt für den Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers hinzubekommen, als auch für Emittenten von Aktien und Anleihen. Auch sie versuchen oft, den richtigen Zeitpunkt für die Platzierung zu erwischen und kündigen diese erst definitiv an, wenn die Stimmung der Investoren gut ist.

Deutschland, nach Italien und Frankreich drittgrößter Anleiheemittent in der Euro-Zone, lässt sich auf dieses Spiel nicht ein. Die für das Schuldenmanagement zuständige und dem Finanzministerium unterstellte Finanzagentur des Bundes gibt stets im Dezember bekannt, an welchem Tag im nächsten Jahr welche Anleihen in welchem Volumen platziert werden. Damit will der Bund den Investoren Planungssicherheit geben, immerhin begibt Deutschland in diesem Jahr Zinspapiere im Volumen von rund 180 Milliarden Euro, in den Vorjahren waren es noch mehr.

Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit werden dabei im Januar und Juli neu aufgelegt und anschließend mehrfach aufgestockt.


Der Verzicht auf den Timing-Versuch kann aber mitunter auch Geld kosten. So ist es auch aktuell. Deutschland hat eine neue zehnjährige Bundesanleihe begeben und bietet den Anlegern dafür erstmals seit Januar 2016 einen Zinskupon von einem halben Prozent. Hätte der Bund die Anleihe vor gut zwei Wochen platziert, wäre er mit einem Zinsschein von 0,25 Prozent davongekommen.

Der Grund: Die Finanzagentur passt die Kupons neuer Anleihen stets dem aktuellen Marktzins, sprich den Renditen, an. Und die sind seit Ende Juni förmlich in die Höhe geschnellt – auch wenn das absolute Niveau natürlich noch sehr niedrig ist. Die Renditen vieler Anleihen stiegen deutlich, die der im Januar platzierten zehnjährigen Bundesanleihe kletterte in kurzer Zeit von 0,25 auf bis zu 0,58 Prozent. „Das schmeckt ein wenig nach Zinswende“, meint Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege des Fondshauses Blackrock in Frankfurt. Auslöser für die Bewegung war Mario Draghi.

Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte auf der jährlichen Konferenz der Notenbank im portugiesischen Sintra gesagt, dass er reflationäre Kräfte, also Zeichen für eine steigende Teuerung, sehe. Das interpretierten Investoren als erste Andeutung des EZB-Chefs dafür, dass die Notenbank im nächsten Jahr ihre Anleihekäufe reduzieren wird.

Dass die EZB dies machen wird, gilt eigentlich schon lange als Konsens, allein deshalb, weil die EZB mit den Käufen langsam an ihre selbstgesetzten Grenzen stößt. Sie darf maximal ein Drittel der ausstehenden Anleihen eines Euro-Landes halten und beim bisherigen Tempo – Käufe über 60 Milliarden Euro pro Monat, von denen der Großteil auf Staatsbonds entfällt – wäre diese Grenze im Laufe des nächsten Jahres in vielen Ländern erreicht.


Dennoch hatten zumindest einige Investoren wohl darauf gesetzt, dass die EZB noch vorsichtiger vorgeht. Schließlich liegt die Inflationsrate mit zuletzt 1,3 Prozent immer noch deutlich unter dem Ziel der EZB von zwei Prozent. Zudem hatte die Notenbank noch im Juni ihre Inflationsprognosen gesenkt.

Vertreter der Notenbank versuchten die Märkte später zu beruhigen, aber ohne Erfolg. Die Renditen gingen nur kaum zurück – und eben deshalb muss auch Deutschland seine Bundesanleihe mit einem Kupon von 0,5 Prozent ausstatten. Bei Investoren kam das Papier gut an. Die Finanzagentur berichtete von Kaufgeboten im Umfang von 5,66 Milliarden Euro für die fünf Milliarden Euro schwere Anleihe. So groß war die Nachfrage bei einer Auktion einer zehnjährigen Bundesanleihe seit Januar nicht gewesen.

Da die Anleihe zu einem Kurs von 99,1 Prozent und so unter dem Rückzahlungskurs von 100 Prozent platziert wurde, lag die durchschnittliche Rendite bei 0,59 Prozent. Für die Anleihen des Bundes dürfen nur die derzeit 36 zugelassenen Banken bieten. Sie ersteigern die Anleihen aber meist im Auftrag ihrer Kunden.


Kursverluste drohen


Attraktiv ist die Rendite von 0,59 Prozent für Investoren, die Anleihen bis zur Fälligkeit halten, nicht. Das zeigt schon allein der Blick auf die Teuerungsrate von 1,3 Prozent. Doch für andere Anleihen des Bundes gibt es noch weniger Geld. Zweijährige deutsche Bundesanleihen werden schon seit August 2014 mit einem Kupon von null Prozent ausgestattet, bei fünfjährigen ist dies seit Januar 2015 der Fall. Da auch die Kurse der zwei- und fünfjährigen Papiere deutlich über dem Rückzahlungswert von 100 Prozent liegen, ist die Rendite sogar negativ. Bei den zweijährigen Bundesschatzanweisungen liegt sie bei minus 0,6 Prozent, bei den fünfjährigen Bundesobligationen bei minus 0,1 Prozent.

Bei der neuen zehnjährigen Bundesanleihe bekommen Investoren also zumindest ein wenig laufende Einnahmen – also die jährlichen Zinszahlungen von einem halben Prozent der angelegten Summe – für ihr angelegtes Geld.


Der stetige, wenn auch geringe Einnahmestrom ist für institutionelle Investoren wichtig. Versicherer zum Beispiel müssen ihre regelmäßigen Auszahlungen auch durch Einnahmen decken. Fondsmanager brauchen ebenfalls Geld, um Anleger auszuzahlen, die Geld aus Fonds abziehen.

Doch es geht um noch mehr. Investoren kaufen Bundesanleihen auch, weil sie hier zumindest auf Kapitalerhalt setzen. Und anders als private Sparer müssen institutionelle Investoren die enormen Summen, die sie verwalten, anlegen. Deshalb war auch die zehnjährige Bundesanleihe, die Deutschland kurz nach dem Votum der Briten gegen die EU vor gut einem Jahr platziert hatte, bei Investoren zumindest einigermaßen gefragt.

Dabei hatte die im Juni 2016 ausgegebene zehnjährige Bundesanleihe einen Kupon von null Prozent – was am Kapitalmarkt damals einer kleinen Sensation glich. Schließlich ist die zehnjährige deutsche Bundesanleihe als Richtschnur für die Kapitalmärkte die wichtigste Anleihe in ganz Europa.

Ein gutes Geschäft haben Investoren, die die Anleihe mit null Kupon gezeichnet haben, angesichts der gestiegenen Rendite und der gefallenen Kurse allerdings nicht gemacht. Die Ausnahme: Sie haben den Bond schon Ende September 2016 wieder verkauft und damit ein Händchen für gutes Timing bewiesen. Bis dahin fiel die Rendite nämlich auf minus 0,15 Prozent, was einem Kursgewinn von gut einem Prozent entsprach. Seither fiel der Kurs aber. Seit der Platzierung der Null-Kupon-Anleihe vor einem Jahr ist er um 4,6 Prozent abgesackt.


Auch mit der neuen zehnjährigen Anleihe und ihrem Kupon von einem halben Prozent dürften die Investoren kaum ein gutes Geschäft machen. Jetzt, wo sich die Märkte auf ein Ende der ultralockeren Geldpolitik der EZB einstellen, stehen die Zeichen schließlich auf steigende Renditen. Wenn die Rendite der neuen Anleihe auf nur ein Prozent steigt, entspricht das einem Kursverlust von rund vier Prozent, bei einem Renditeanstieg auf 1,5 Prozent fällt ein Kursverlust von 8,4 Prozent an

Natürlich könnte es auch hier zwischenzeitlich Kursgewinne geben. Wenn die zehnjährige Bund-Rendite auf ihr bisheriges Jahrestief von 0,2 Prozent fällt, entspräche dies einem Kursgewinn von knapp vier Prozent. Dass die Rendite noch einmal so deutlich absackt, glauben aktuell indes nur wenige Investoren. Die Risiken sind deutlich größer als die Chancen.

KONTEXT

Die wichtigsten Fakten zur zehnjährigen Bundesanleihe

Warum ist die zehnjährige Bundesanleihe so wichtig?

Banken müssen als Puffer für schlechte Zeiten Wertpapiere in ihrem Portfolio haben, die sie notfalls rasch zu Geld machen können. Hier kommen Bundesanleihen ins Spiel. Ihnen verleihe allein die Größe der deutschen Volkswirtschaft Gewicht, sagt Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank. "Außerdem haben die deutsche Regierung und die Bundesbank immer eine Stabilitätspolitik verfolgt."

Für den Analysten Michael Schulz von der NordLB sind die Papiere ebenfalls ein fast risikoloses Investment. "Der deutsche Staat ist über jeden Zweifel erhaben. Das ist fundamental begründet durch das robuste Wirtschaftswachstum, die niedrige Arbeitslosigkeit und die vergleichsweise gesunden Staatsfinanzen." Alle großen Ratingagenturen bewertet deshalb die Bonität Deutschlands mit der Bestnote AAA.

Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren sind rund um die Welt zum wichtigsten Finanzierungsinstrument institutioneller Anleger avanciert. Ein Grund hierfür sei, dass die durchschnittliche Laufzeit aller ausgegebenen Papiere bei etwa acht Jahren liege, sagt Chef-Ökonom Hellmeyer.

Warum kommt es zum Negativzins?

Europa hangelt sich seit Jahren von Krise zu Krise. Von der Finanz- zur Staatsschulden- und Griechenland- bis hin zur Flüchtlingskrise. Akut ist derzeit vor allem die Gefahr eines EU-Abschieds von Großbritannien, sollte sich beim Referendum am 23. Juni eine Mehrheit der Briten dafür aussprechen. Kommt es dazu, steht die Zukunft der gesamten Europäischen Union auf dem Spiel. Experten befürchten ein weltweites Börsenbeben. Auch eine Rezession in Großbritannien und bei wichtigen Handelspartnern sagen einige Ökonomen voraus. Investoren müssen solche Risiken einkalkulieren. "In Zeiten erhöhter Verunsicherung greifen Anleger zu den Papieren mit der geringsten Ausfallwahrscheinlichkeit", erklärt Schulz. "Und das sind nun einmal die Bundesanleihen."

Was macht Bundesanleihen noch attraktiv?

Der riesige Markt: An einem durchschnittlichen Handelstag wechseln Bundeswertpapiere in Höhe von rund 20 Milliarden Euro den Besitzer. Die derzeit im Umlauf befindlichen zehnjährigen Bundesanleihen haben einen Wert von fast 500 Milliarden Euro. Am Sekundärmarkt - etwa europäische Wertpapierbörsen, elektronische Handelsplattformen und außerbörslich - wird aber pro Jahr ein Volumen von etwa 2,5 Billionen Euro gehandelt, also rund das Fünffache. Nur der Markt für US-Staatsanleihen ist noch liquider. Das bedeutet, dass Besitzer ihre Papiere praktisch jederzeit größere Bestände zu Geld machen können.

Welche Bedeutung hat die Anleihe für den Bundeshaushalt?

Die zehnjährige Bundesanleihe ist das mit Abstand wichtigste Instrument zur Finanzierung des Schuldenberges des Bundes. Dieser hatte zum Ende des ersten Quartals eine Höhe von 1,08 Billionen Euro. Knapp die Hälfte der Schulden besteht aus zehnjährigen Bundesanleihen. Daneben begibt die Bundesregierung auch Anleihen mit einer Laufzeiten zwischen wenigen Monaten und 30 Jahren. Insgesamt bestehen fast 98 Prozent der Schulden des Bundes und seiner Nebenhaushalte aus börsenfähigen Wertpapieren. Die Bundesregierung nimmt zwar seit 2014 keine neuen Schulden mehr auf ("schwarze Null"). Allerdings muss sie jedes Jahr rund 20 Prozent der Altschulden umfinanzieren, weil alte Anleihen auslaufen und durch neue ersetzt werden müssen.

Welche Rolle spielt die EZB?

Eine sehr große. Sie drückt mit ihrer Geldpolitik bewusst die Zinsen, um Konjunktur und Preise anzukurbeln. Sie kauft seit März 2015 Staatspapiere im Volumen von inzwischen 80 Milliarden Euro monatlich. Inzwischen sammelt sie zudem Bonds von Großkonzernen am Kapitalmarkt auf. "Sie tritt damit in fast allen Anleihemärkten als größer Käufer auf", sagt Schulz. "Diese große Nachfrage führt im Umkehrschluss zwangsläufig zu niedrigen Zinsen."

Wer kauft Bundeswertpapiere?

Hauptabnehmer sind Versicherer und Pensionsfonds. Sie sind gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihrer Gelder in Staatsanleihen anzulegen.

Welche Folgen hat der Negativ-Zins für die Anleger?

Negative Renditen verhageln vielen Banken die Bilanz. Sie sind nicht nur eine Belastung für das Anlagevermögen. Wegen der geringeren Handelsumsätze verdienen die Institute auch weniger Provisionen. Für Privatanleger am auffälligsten sind die fallenden Garantiezinsen auf Lebens- und Rentenversicherungen. Weil die Finanzkonzerne mit Anleihen kein Geld mehr verdienen, haben sie Schwierigkeiten, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Wer profitiert vom Zinstief?

Ganz klar: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Zwar haben die an den Börsen gezahlten Zinssätze keinen direkten, sehr wohl aber einen indirekten Effekt auf die Kosten des Bundes als Emittent der Anleihen. Um eine neue zehnjährige Bundesanleihe am Markt loszuschlagen, muss Schäuble wegen der großen Nachfrage nur noch einen festen jährlichen Kupon von 0,5 Prozent anbieten - vor zehn Jahren waren es noch vier Prozent.

Weil auch die vom Bund gezahlten Garantiezinsen für seine anderen Wertpapiere stark gesunken sind, hat Schäuble bereits Milliarden gespart: In diesem Jahr sind im Bundeshaushalt Zinsausgaben von 21,1 Milliarden Euro geplant, im Entwurf für den Etat 2017 sogar nur 19,1 Milliarden Euro. 2008 waren die Zinsausgaben mit 40,2 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch.

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Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ. Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.