Der rätselhafte Absturz der Krisenwährung Gold

Manche Marktentwicklungen bringen selbst erfahrene Analysten in Erklärungsnot. Eine Eskalation des Handelsstreits, Konjunkturrisiken oder das Ende der expansiven Notenbankpolitik: Die Gründe, sich für einen Abschwung an den Aktienmärkten zu wappnen, kommen geballt daher. Von einer solchen Nachrichtenlage sollte die Krisenwährung Gold eigentlich profitieren. Tut sie aber nicht.

Mit einem Kurs von rund 1220 Dollar pro Feinunze (rund 31 Gramm) markierte das Edelmetall am Donnerstag ein neues Jahrestief. In Euro gerechnet ist Gold sogar so billig wie seit zweieinhalb Jahren nicht: Der Preis schwankte um die Marke von 1050 Euro pro Feinunze.

Der Ausverkauf trifft auch die großen Minenkonzerne wie Anglogold Ashanti oder Newcrest Mining. Ihre Aktien notieren auf Jahressicht deutlich im Minus.

Selbst Profis betrachten den Preisverfall mit Verwunderung: „Das Rätsel, warum Gold in der aktuellen Gemengelage nicht profitiert, wird für uns von Tag zu Tag größer“, schreiben die Edelmetallexperten der Commerzbank in einer aktuellen Studie.


Ausgerechnet die Krypto-Währung Bitcoin – von Befürwortern als Goldalternative gefeiert, von Skeptikern als Zockerei verschrien – feiert dagegen ein Comeback: Nach einem Absturz auf deutlich unter 6000 Dollar kletterte der Bitcoin innerhalb eines Monats um 20 Prozent.

Fundamentale Gründe für die aktuelle Goldschwäche gibt es durchaus: Am Dienstag hatte der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, bei seiner Anhörung im US-Senat einen optimistischen Ausblick auf die US-Konjunktur gegeben. Er signalisierte, dass die Fed die Leitzinsen nicht zu stark oder zu schnell erhöhen wolle, um das Wachstum nicht abzuwürgen – und beflügelte damit den Dollar-Kurs.

Der starke Dollar wiederum laste auf dem Goldkurs, schreiben die Analysten der Commerzbank. Auch John Caruso, Marktstratege bei RJO Futures in Chicago, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg: „Gold wird derzeit links liegen gelassen.“ Er erwarte, dass Gold von Investoren gemieden werde, wenn die Fed bei ihrer strikten Geldpolitik bleibe: „So lange ist der Dollar die erste Wahl.“

In wichtigen Märkten geht die Nachfrage zurück

Hinzu kommt die vergleichsweise schwache Goldnachfrage in wichtigen Märkten: So kappten beispielsweise China und Indien zuletzt ihre Einfuhren des Edelmetalls. Auch die Zentralbanken halten sich derzeit mit Goldankäufen zurück. Die türkische Notenbank reduzierte gar ihre Bestände, um den Kurs der Landeswährung Lira zu stabilisieren.

Für zusätzlichen Preisdruck sorgen zudem Gold-Indexfonds, sogenannte „Exchange Traded Funds“ (ETFs). Die global bekannte Menge Gold im Besitz von ETFs sank Bloomberg zufolge unter 70 Millionen Unzen – das ist der tiefste Stand seit einem Jahr.

Doch trotz dieser Gründe bleibt das Ausmaß des Gold-Absturzes rätselhaft: „Von wo der Verkaufsdruck bei Gold schon seit Wochen herkommt, lässt sich nicht eindeutig sagen“, schreiben die Analysten der Commerzbank. „Wir gehen davon aus, dass Gold die Marke von 1200 Dollar testen wird. Möglicherweise finden sich bei diesem Niveau Schnäppchenjäger, die den Preisrückgang stoppen.“


Für einen wieder steigenden Gold-Kurs sprechen auch die Realzinsen in den USA: Im Juni legten die Verbraucherpreise in den USA um 2,9 Prozent zu – so stark wie seit fünf Jahren nicht. Damit liegt die Inflationsrate deutlich über den US-Leitzinsen von aktuell zwei Prozent, die Realzinsen in den USA sind daher negativ. „Dies spricht normalerweise für Gold als Absicherung gegen den Kaufkraftverlust“, so die Commerzbanker.

Sorgen über ein baldiges Ende der Hochkonjunktur sowie eine Eskalation des Handelskonflikts sind aus Sicht der Analysten ebenfalls ein Argument für Gold, das bei Investoren vor allem als Absicherung vor Kaufkraftverlusten und als Krisenwährung geschätzt wird. Die Commerzbank hält den Goldpreis daher für unterbewertet und erwarten im Jahresverlauf eine Erholungsrally.

Ähnlich argumentieren die Rohstoff-Experten der Investmentbank Citigroup: „Die Dollar-Stärke dürfte dem Goldpreis kurzfristig weiter zu schaffen machen“, schreiben sie in einer Analyse. „Investoren könnten jedoch wieder zugreifen, wenn der Handelsstreit an Schärfe gewinnt und zu einem Risiko für das Wirtschaftswachstum und den seit zehn Jahren währenden Bullenmarkt an den Börsen wird.“