The Death of Stalin - Ein Diktator macht sich in die Hose

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo Kino
Szene aus “The Death of Stalin” (Bild: Concorde Filmverleih)

Als Josef Stalin 1953 stirbt, hoffen viele Russen auf einen Neuanfang. Einige wenige Funktionäre sehen ihre Chance gekommen. Für sie beginnt ein erbitterter Machtkampf um die Nachfolge des Diktators. Wer sich am Ende durchsetzt, wissen wir. Der schottische Regisseur Armando Iannucci hat nun mit “The Death of Stalin” eine Satire über das Ränkespiel inszeniert, die am 29. März in den deutschen Kinos startet.

Alles hat ein Ende, die Macht von Josef Stalin aber schien endlos. 30 Jahre fast regierte der Diktator über die Sowjetunion, Millionen Menschen fielen seiner Willkür zum Opfer. Am 1. März 1953 war das Ende plötzlich nahe. Stalin erleidet am frühen Morgen einen Schlaganfall. Die Menschen, die unter seiner Macht litten und leiden aber auch diejenigen, die sich als seine Nachfolger bereits aufgestellt haben, müssen sich dann aber noch ein wenig gedulden. Vier Tage später, am 5. März kurz vor zehn Uhr abends stirbt der Despot. Mit 74 Jahren.

Was auf die Entdeckung des kranken Machthabers bis hin zu seinem Tod folgt, ist in den Geschichtsbüchern – trotz des Propagandagewusels – recht ausführlich beschrieben worden. Wie weder die Mitarbeiter noch die Bediensteten Stalins sich trauten, sein Zimmer zu betreten. Wie sich schließlich einer doch einen Ruck gab und den Diktator in Schlafwäsche am Boden in seinem eigenen Urin liegend fand. Wie nach und nach die Politfunktionäre eintrudelten und wie diese möglichen Nachfolger Stalins begannen, um die Macht über das Riesenreich zu schachern.

Die Umstände von Stalins Tod und die unmittelbaren Ereignisse danach sind tatsächlich nicht frei von Komik – zumindest wenn man sie von einer gewissen Warte aus betrachtet. Die Filmemacher von “The Death of Stalin” haben diesen Blick fürs Absurd-Komische, die einer noch so banalen aber auch brutalen Situation innewohnt. Allen voran Regisseur Armando Iannucci, der auch am Drehbuch mitschrieb. Der schottische Filmemacher ist ein Experte auf dem Gebiet der politischen Satire. Er war Autor und Regisseur von Politserien wie “The Tick of It” und er debütierte als Spielfilmregisseur vor neun Jahren mit der Komödie “Kabinett außer Kontrolle”, in der er den Irrsinn politischer Entscheidungen und ihre mediale Vermittlung aufs Korn nahm.

Josef Stalin in seiner eigenen Urinlache (Bild: Concorde Filmverleih)

Tragisch und komisch

Auch mit “The Death of Stalin” hat Iannucci eine Komödie gedreht, bei der einem das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Wie nahe sich Tragik und Komik unter Stalins Terror-Regime sind, wird schon gleich am Anfang deutlich. Da ruft der Despot (gespielt von Adrian McLoughlin) in der Redaktion eines Radiosenders an, weil er sich die Kopie eines gerade gesendeten Konzerts zuschicken lassen will. Das Problem: Die meisten Gäste haben den Saal schon verlassen. Also lässt der nervöse, um sein Leben fürchtende Redaktionschef die Plätze mit einfachen Menschen aus der Straße füllen. Das Konzert wird wiederholt und diesmal auch aufgenommen. Nochmal Glück gehabt.

Tragikomisch ist auch die Szene, die Stalin mit seinen Ministern bei einem Gelage zeigt. Am Tisch wird nicht nur geschmaust und gezecht, es wird auch so mancher böser Scherz auf Kosten anderer gemacht. Wer denn schon alles auf der Todesliste sei und wer sich dafür qualifiziert habe? Dabei wissen doch alle um Stalin – ob Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi), Lawrenti Beria (Simon Russell Beale), Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) oder Wjatscheslaw Molotow (Michael Palin) – dass sie jederzeit ebenfalls auf der Liste landen können. Weshalb sie um die Gunst des Diktatoren geradezu wetteifern. Chruschtschow hat dabei recht gute Karten. Kein Wunder, er bereitet seine Witze zusammen mit seiner Frau allabendlich akribisch vor. Zündet ein Scherz nicht wie erhofft, wird er von der Liste gestrichen. Der spätere Parteichef ist ein – will man dem Film glauben – gelehriger Schüler Stalins.

Chruschtschow ist es auch, der bald auch auf dem Spielfeld der Macht um die Herrschaft des Sowjetreichs die Strippen ziehen wird. Als sein größter Rivale entpuppt sich der skrupellose ehemalige Geheimdienst-Chef Beria, der Spaß daran hat, seine Opfer in den Gefängnissen und sogar in seinem Privathaus zu foltern und zu quälen, die Frauen zu vergewaltigen. Malenkow und Molotow sind für ihn und Chruschtschow lediglich die Sprossen auf der Leiter ganz nach oben. Einer wird sie am Ende erklimmen, der andere wird stürzen – und sterben.

Simon Russell Beale und Jeffrey Tambor in “The Death of Stalin” (Bild: Concorde Filmverleih)

Nicht bissig genug

Spätestens mit der Hinrichtung Berias wird dem Zuschauer das Lachen vergehen. Die Frage allerdings, ob sich die Lynchszene und alles andere Gezeigte tatsächlich so zugetragen hat, dürfte sich ihm aber kaum stellen. Denn “The Death of Stalin” ist weniger dem Genre des Biopics, der Filmbiographie also, zuzuordnen als vielmehr der Satire, jener bissigen Form der Komödie, bei der das Aufzeigen von Lächerlichkeiten über der Detailtreue steht. Damit stößt Iannucci aber schnell an Grenzen. Denn nicht immer wird er seinen eigenen Ansprüchen gerecht.

Anders als bei der literarischen Vorlage, dem gleichnamigen französischen Graphic Novel von Fabien Nury und Thierry Robin, will sich das Absurd-Komische bei der Kinoadaption nie so recht einstellen. Iannucci ist nicht konsequent genug, seinem Film fehlt das letzte Quäntchen Überzeichnung. Sein Spott ist nicht beißend, sein Humor nicht schwarz genug. Er verliert sich in Details, bemüht sich, den Ereignissen in jenen wenigen Tagen erzählerisch beizukommen. Es wäre falsch, “The Death of Stalin” als realistisch zu bezeichnen, dennoch ist die Tragikomödie stecken geblieben auf halbem Wege zwischen einem handelsüblichen Biopic und satirisch-spöttischen Filmen wie, sagen wir: “Der große Diktator” oder “M.A.S.H.”.

Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Minister war der Humor von “The Death of Stalin” dann doch alles andere als harmlos. Dass sie die Komödie in ihrem Land verboten haben, muss aber einen weiteren Grund gehabt haben: die Sorge nämlich, dass der Film, der übrigens nicht nur auf die Stalinzeit abzielt, sondern Machtstrukturen im Allgemeinen entlarvt, von vielen Menschen gesehen werden könnte. Denn das ist “The Death of Stalin” allemal: ziemlich unterhaltsam.

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