"Queere Liebe ist kein Nischenthema. Sie war es nie!"

·Lesedauer: 4 Min.
Wild und frei kommt Lara (Emma Drogunova, links) daher. Für Hanna (Banafshe Hourmazdi) ist die Beziehung extrem aufregend - vielleicht zu sehr? (Bild: ZDF / Marcus Glahn)
Wild und frei kommt Lara (Emma Drogunova, links) daher. Für Hanna (Banafshe Hourmazdi) ist die Beziehung extrem aufregend - vielleicht zu sehr? (Bild: ZDF / Marcus Glahn)

In zehnminütigen Häppchen serviert, rückt das neoriginal "Loving Her" lesbische Liebe in den Fokus. Banafshe Hourmazdi spielt sich als grundsympathische junge Frau auf der Suche nach Mrs. Right in den Vordergrund.

Es tut sich langsam etwas in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft. Anfang Februar outeten sich 185 Schauspielerinnen und Schauspieler unter dem Gruppennamen #actout als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär oder trans. Seit Anfang Mai ist die Dramedy "All you need", die das Leben junger Schwuler in Berlin zeigt, in der ARD-Mediathek zu sehen. Pünktlich zum Pride Month legt auch das ZDF mit einem neoriginal nach, und zwar mit der Dramaserie "Loving Her" (Samstag, 3. Juli, alle Folgen ab 21.40 Uhr auf ZDFneo und ab Donnerstag, 1. Juli, in der ZDFmediathek), die sich um das Liebesleben einer jungen Lesbe dreht. Die sechsteilige Instant-Fiction-Serie ist in kurze, jeweils rund zehnminütige Folgen beziehungsweise Kapitel unterteilt, welche sich Hauptfigur Hanna (Banafshe Hourmazdi) und ihrer Beziehung mit je einer Ex-Freundin widmen.

Ihre geliebte WG mit den Mitbewohnern Tobi (Leonard Kunz) und Holly (Bineta Hansen) löst sich auf, und Hanna findet nach ihrem Literaturwissenschafts-Studium keinen Job. Sie ist gezwungen, zurück nach Bielefeld zu ihren Eltern zu ziehen. Kurz zuvor begegnet sie auf der Straße ihrer ersten großen Liebe Franzi (Lena Klenke, "How To Sell Drugs Online (Fast)") und deren neuer Flamme. Dies setzt bei Hanna einen Reflexionsprozess in Gang. Inmitten des Umzugschaos und kurz vor einem neuen Lebensabschnitt erinnert sie sich an vergangene Beziehungen und ihr turbulentes Liebesleben voller Leidenschaft und Herzschmerz zurück.

Wenn man die Ex auf der Straße trifft, geht das Kopfkino los: Franzi (Lena Klenke, links) ist Hannas (Banafshe Hourmazdi) erste große Liebe. (Bild: ZDF / Marcus Glahn)
Wenn man die Ex auf der Straße trifft, geht das Kopfkino los: Franzi (Lena Klenke, links) ist Hannas (Banafshe Hourmazdi) erste große Liebe. (Bild: ZDF / Marcus Glahn)

Vom Partygirl bis zur Chefin - Hanna hatte sie alle

Festhalten lässt sich eindeutig: Einen bestimmten Typ Frau hat Hanna nicht - und genau dies macht ihre Liebeleien, welche sie selbst aus dem Off kommentiert, so interessant. Da ist genannte Franzi, durch die rosa Brille zuckersüß, doch nach und nach lassen unterschiedliche Interessen die Liebe erkalten. Das komplette Gegenteil verkörpert die aufregende und bisexuelle Lara (Emma Drogunova): Party, Sex, reichlich Drogen - und auf Dauer gelangweilt von Hanna und ihren Freunden. Für Ernüchterung sorgt auch die charismatische Sängerin Anouk (Larissa Sirah Herden), die sich nicht so recht auf die schwer verliebte Hanna einlassen will.

Dann gibt es noch die ältere Business-Woman Josephine (Karin Hanczewski, Dresden-"Tatort"), deren Ausstrahlung und Erfolg Praktikantin Hanna anzuziehen scheint, sowie Sarah (Soma Pysall), die mit einem Knall in ihr Leben tritt. Letztere tut sich allerdings noch schwer mit ihrer sexuellen Identität, obendrein zieht sie ins Ausland, was zu einer schwierigen Fernbeziehung führt.

So unterschiedlich die Frauen sind, so unterschiedlich sind auch die Beziehungen. Als Zuschauer lässt sich Geschichte für Geschichte mitverfolgen, wie jede Verflossene Hanna selbst und ihre Vorstellungen von Liebe geprägt hat. Banafshe Hourmazdi spielt die grundsympathische Protagonistin mit einer ansteckenden Offenherzigkeit - eine starke Performance. Auch der Rest des Casts wirkt durchgehend authentisch. Die jungen Schauspieler bringen eigentlich genug Gefühl und Leidenschaft rüber, die teils etwas kitschige Musikuntermalung wäre demnach nicht nötig gewesen. Für die Kürze der Zeit bringt "Loving Her" auch viele Aspekte der jeweiligen Beziehungen hervor, für echten Tiefgang ist das Format nicht ausgelegt.

Franzi (Lena Klenke, links) und Hanna (Banafshe Hourmazdi) entwickeln sich vom "nervig süßen Paar" langsam zur tristen Stagnation. (Bild: ZDF / Marcus Glahn)
Franzi (Lena Klenke, links) und Hanna (Banafshe Hourmazdi) entwickeln sich vom "nervig süßen Paar" langsam zur tristen Stagnation. (Bild: ZDF / Marcus Glahn)

"Queere Liebe ist kein Nischenthema"

Das klingt alles recht vertraut, und genau so soll es auch wirken. Schließlich unterscheidet sich "Loving Her" dramaturgisch keineswegs von sonstigen Dramaserien, welche Liebesgeschichten junger Menschen thematisieren. "Was Hannas Liebesleben im deutschen Fernsehen weitestgehend unerzählt macht, sind nicht die Beziehungsstrukturen oder die Gründe, warum Hanna sich verliebt, weshalb sie Herzen bricht und ihr eigenes gebrochen wird", bringt es Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Leonie Krippendorff auf den Punkt - "Es ist einzig und allein der Fakt, dass eine Frau Frauen liebt." Dieser Umstand ist eine deutliche Parallele zur ARD-Dramedy "All you need", welche ebenfalls die Normalität der Vielfalt unterstreicht.

Krippendorff erklärt, es wachse eine neue Generation heran, welche ganz selbstverständlich queere Identitäten lebe. "Diese Lebenswirklichkeit muss prominent erzählt werden, sie gehört ins Herz unserer Gesellschaft." Bereits an der Filmuniversität sei es der Regisseurin ein persönliches Anliegen gewesen, diese Geschichten zu erzählen: "Queere Liebe ist kein Nischenthema. Sie war es nie!" Kein Nischenthema, aber auf einem Nischensendeplatz. Das neoriginal setzt in Sachen Reichweite auf die Mediathek. Zwar holt man genau dort die jungen Leute ab, wie viele ältere Zuschauer - die wohl eher seltener mit der Lebensrealität junger Lesben in Berührung kommen - selbige nutzen, um die sehenswerte Dramaserie zu sehen, darf aber hinterfragt werden.

Während Hanna (Banafshe Hourmazdi, links) gerne das Nachtleben genießt und unter Menschen ist, möchte Franzi (Lena Klenke) lieber früher nach Hause. (Bild: ZDF / Marcus Glahn)
Während Hanna (Banafshe Hourmazdi, links) gerne das Nachtleben genießt und unter Menschen ist, möchte Franzi (Lena Klenke) lieber früher nach Hause. (Bild: ZDF / Marcus Glahn)
Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.