Die Queen verliert durch den Brexit Geld

Brüssel subventioniert bisher so manches Schloss des britischen Adels. Davon profitiert auch die königliche Familie. Der EU-Austritt wird für die Windsor-Dynastie teuer.


Das Sandringham House ist ein Wallfahrtsort für Monarchisten: In den Sommermonaten können Besucher das bevorzugte Feriendomizil der Queen nördlich von London und die umliegenden Gärten besichtigen. Im Ticketpreis von 15,50 Pfund inbegriffen ist der Besuch eines kleinen Museums, in dem königliche Limousinen, Fotos und Erinnerungsstücke ausgestellt sind. Es gibt ein Restaurant, das die zweifelhaften Vorzüge der britischen Küche präsentieren möchte, und ein Souvenirgeschäft, das Marmelade, Kuchen und Kaffeebecher mit königlichen Motiven verkauft. Zumeist ältere Camper sitzen auf dem Rasen vor dem kleinen Schloss neben ihren Wohnwagen auf Klappstühlen. Britische Bilderbuchidylle. Und dennoch für die königliche Familie mit Queen Elisabeth II. an der Spitze ein Ärgernis.


Denn Schloss Sandringham ist nicht nur pittoreskes nordenglisches Landleben, sondern auch ein ebenso unkonventioneller wie sprudelnder Einnahmequell für das Königshaus: Ausgerechnet die Europäische Union bezuschusst das Anwesen jedes Jahr mit einem sechsstelligen Betrag. Eine Recherche des Daily Telegraph hat ergeben, dass die Queen 2015 dafür 665.000 Pfund an EU-Subventionen erhalten hat.

Nun hat sich das Volk Ihrer Majestät ja misslicherweise dazu entschieden, die Europäische Union zu verlassen. Und damit den Geldhahn für Elisabeth und die Ihren perspektivisch zugedreht. Denn ohne den in diesen Tagen anlaufenden Verhandlungen über die Trennung Großbritanniens vom Rest Europas vorwegzugreifen: Die Zahlung aus Brüssel gen London dürfte 2019 der Vergangenheit angehören. Und dass die Zahlungen aus nationalen Mitteln ausgeglichen werden, gilt angesichts der unabsehbaren wirtschaftlichen Lasten für das britische Budget durch den EU-Austritt als ausgeschlossen. Allenfalls bis 2022, verkündete die konservative Regierung von Theresa May einst, als sie noch eine Mehrheit im Unterhaus hatte, gebe es Übergangsgeld. Und somit ahnt die Monarchin schon jetzt ganz konkret, was ihren Untertanen vermutlich erst in den nächsten Jahren nach und nach aufgehen wird: Der Brexit geht ins Geld.



Der bäuerliche Adel

Warum aber finanziert Brüssel überhaupt der Königin persönlich einen Landsitz? Schloss Sandringham gehört anders als etwa der Buckingham Palace und Schloss Windsor, die sich im Besitz der Krone befinden (und die ihre Gewinne größtenteils an die Staatskasse abgeben), zusammen mit den umliegenden Ländereien Königin Elisabeth II. persönlich. Übrigens ebenso wie die Ländereien in der Nähe von Schloss Windsor, für die Elisabeth II. noch einmal rund 300 000 Pfund im Jahr erhält. Bei den Royals sei man deswegen schon vor dem EU-Referendum im Juni des vergangenen Jahres in Sorge gewesen, hört man aus Insiderkreisen.

Nicht nur der königlichen Familie drohen durch den Brexit Einbußen. Der gesamte Adel steht vor einem finanziellen Aderlass. Laut einer Studie der Umweltschutzorganisation Greenpeace sind mehr als ein Fünftel der 100 größten Empfänger von EU-Landwirtschaftssubventionen in Großbritannien Aristokraten.


Subventionen für die Queen

Ob das angemessen ist, wird nicht erst seit dem EU-Referendum hinterfragt. Vom Buckingham Palace hört man dazu immer nur: Subventionen stünden allen Besitzern von landwirtschaftlichen Betrieben offen. Königin Elisabeth II. erhalte Subventionen, so wie andere Landbesitzer auch. Dabei hätte die Regierung in London durchaus Möglichkeiten, die gewaltigen Zahlungen an Großgrundbesitzer zu verhindern, die in Großbritannien ein Überbleibsel aus der Feudalgeschichte des Landes sind. So können EU-Staaten im Alleingang Obergrenzen für Zahlungen von EU-Subventionen festlegen. Neun EU-Staaten hätten das auch getan, erklärte dazu die EU-Kommission. Darunter, erstaunlicherweise: auch Großbritannien.


Doch in Großbritannien gelten solche Obergrenzen nur für Ländereien in Wales, Schottland und Nordirland. Dort werden die EU-Gelder, die auf diese Weise eingespart werden, in die ländliche Entwicklungspolitik gesteckt. Nur in England werden die Zahlungen nicht begrenzt. Mehr noch: Die EU-Kommission beklagt bereits seit Jahren, dass London verhindert habe, EU-weite Obergrenzen für Subventionszahlungen festzulegen.

Wie Queen Elisabeth plant, den Ausfall an EU-Geldern auszugleichen, ist nicht bekannt. Eine „besondere Behandlung“ wünsche sie sich aber auf keinen Fall, heißt es aus Palastkreisen.


Vielleicht müssen sie dann doch ein ohnehin schon vorhandenes, aber etwas schnödes Geschäftsmodell weiter ausbauen: Die Royals seien ja lediglich in den Wintermonaten und im Frühjahr, wenn das Haus für Besucher geschlossen ist, oft da, erzählt die nette ältere Dame an der Kasse. Die seien wirklich alle „absolut liebenswert“, versichert sie. „Ganz gleich, was man in der Presse liest.“ Den guten Ruf könnten die Royals ja nutzen, um weitere Gäste anzuziehen, das Schloss noch öffentlicher nutzen zu lassen. Eine andere Mitarbeiterin des Hauses, die Besucher im reich dekorierten Esszimmer des Anwesens empfängt, erinnert sich daran, dass es dafür ja bereits eine Blaupause gebe. Das Haus sei 1977, erzählt sie, auch deswegen für Besucher geöffnet worden, um dabei zu helfen, die immensen Unterhaltskosten zu bestreiten. Neben dem Tourismus generierten auch die Landwirtschaft, Verpachtungen und Mieten Einkommen. Auf sie kommt es künftig nun noch mehr an.