Putin vertreibt sein Volk – auch Unternehmer verlassen zunehmend das Land

Die Zahlen russischer Asylbewerber sind rapide angestiegen. Seit Putin wieder an der Macht ist, verlassen immer mehr Russen das Riesenreich.


Immer mehr Russen verlassen ihre Heimat: Allein in den USA haben im Jahr 2017 so viele Russen Asyl beantragt wie seit 24 Jahren nicht. Nach einem Bericht von „Radio Free Europe/Radio Liberty“ unter Berufung auf die amerikanische Immigrationsbehörde USCIS liegt die Zahl der neuen russischen Asylbewerber 2017 bei 2664 – eine Steigerung um 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und um 268 Prozent im Vergleich zum Jahr 2012.

Vor rund sechs Jahren hatte Putin das Amt des Staatschefs von Dmitri Medwedjew übernommen. Neben Oppositionellen fliehen vor allem sexuelle Minderheiten und Unternehmer vor Putin ins Ausland.

Die 28 EU-Staaten verzeichneten im vergangenen Jahr 12.600 russische Asylbewerber, Deutschland davon 4884. Auch hierzulande war mit der Amtsübernahme Putins von Medwedjew die Anzahl russischer Asylbewerber schlagartig angestiegen: Von 3202 im Jahr 2012 auf 14.887 im Jahr 2013. Experten hatten auch nach den großen Demonstrationen gegen Putins erneute Kandidatur im Herbst mit einer Ausreisewelle gerechnet. Die russischen Behörden hatten auf die Proteste mit Massenverhaftungen und etlichen Verurteilungen reagiert.


Nach Angaben von Experten flüchten sich nach Deutschland hauptsächlich Tschetschenen, ein Kaukasusvolk, das Putin 1999 nach einem brutalen Krieg niedergerungen hatte. Seither herrscht dort mit Ramsan Kadyrow ein lokaler Machthaber, der jegliche Opposition blutig unterdrückt. In die USA kommen demnach vor allem Angehörige sexueller Minderheiten und Unternehmer. Seit 2013 das russische Unterhaus gleichgeschlechtliche Liebe als Propaganda für Homosexualität in der Öffentlichkeit denunzierte, fliehen deutlich mehr Schwule und Lesben aus Russland.

Aber auch Unternehmer aus Russland verlassen zunehmend ihre Heimat, beobachten amerikanische Immigrations-Anwälte – auch seit Putins erneuter Wiederwahl am 18. März mit dem Rekordergebnis von fast 77 Prozent der abgegebenen Stimmen. Russische Unternehmer würden vor Korruption und Verfolgung fliehen, sagte der New Yorker Anwalt Boris Palant, der etliche russische Asylbewerber vertritt. Ihnen würden „fabrizierte Kriminalfälle“ zur Last gelegt, um Schutzgelder durch Staatsbeamte zu kassieren oder gleich das ganze Unternehmen zu übernehmen.

Daneben gebe es nach Europa einen deutlich höheren Anteil „versteckter“ Auswanderung, berichtet Olga Gulina, Chefin des Institutes für Migrationspolitik in Berlin. Die hier ankommenden Russen präferierten, „nicht einen Asylantrag zu stellen, sondern andere Mechanismen anzuwenden“ – etwa Studienprogramme und andere Formen des legalen Aufenthalts.

Auch russische Quellen belegen eine Massenauswanderung: Die im Januar vorgestellte Studie der Präsidial-Akademie für Nationalökonomie und öffentliche Verwaltung kommt zu dem Ergebnis, dass jährlich 100.000 Russen ihr Land verlassen, und das seit vielen Jahren. Ein Viertel gebe demnach die „politische Situation“ als Ursache an – wie die „Enttäuschung“ nach Putins Rückkehr in den Kreml 2012/13 oder die „Ereignisse von 2014“, wo die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim stattfand. Noch mehr nennen ökonomische Gründe als Fluchtursache.