Putin und Schröder: Chronik einer kontroversen Männerfreundschaft

Schon während seiner Zeit als Kanzler verstanden sich Gerhard Schröder und Wladimir Putin – hier 2004 – gut. (Bild: Carsten Koall/Getty Images)

Zeitgleich zur Wiederwahl von Russlands Staatschef Wladimir Putin steht der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder im internationalen Kreuzfeuer der Kritik. Mit Putin verbindet ihn eine lange und umstrittene Freundschaft.

In einem aktuellen Artikel bezeichnet das US-amerikanische „Wall Street Journal“ Schröder als „Putins wichtigsten Oligarchen“ und als „verlässlichster und meist zitierter Verteidiger jedes Missverhaltens des Kremls“. Er habe dabei geholfen, die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten mit Russlands Energiepolitik zu isolieren. Schröder sei „ein russischer Agent, der im Herzen der politischen und wirtschaftlichen Elite Deutschlands operiert.”

Nun fordert der ukrainische Außenminister Pavlo Klimkin im Gespräch mit „Bild“ Sanktionen gegen den Altkanzler. Es ist wichtig, dass es Sanktionen nicht nur gegen russische Regierungsmitglieder und russische Staatsunternehmen gibt, sondern auch gegen diejenigen, die im Ausland Putins Projekte vorantreiben“, so Klimkin. „Gerhard Schröder ist für Putin weltweit der wichtigste Lobbyist. Es sollte deshalb geprüft werden, wie die EU hier handeln kann.“ Dabei haben Schröder und Putin seit Langem eine enge Verbindung zueinander.

1998-2005: Schröders Zeit als Bundeskanzler

Schon während Schröders Amtszeit als Kanzler von 1998 bis 2005 arbeitete er eng mit Putin zusammen und bekundete immer wieder Sympathien für den russischen Staatschef. 2004 bekannte Schröder bei Talkmaster Reinhold Beckmann, dass gegenüber Putin ein „Grundvertrauen“ bestehe. Zudem nannte er ihn einen „lupenreinen Demokraten“ – ein Satz, der bis heute immer wieder zitiert wird.

Das brachte Schröder immer wieder in die Kritik: Mit seiner Sympathie für Putin und China negiere er „die neuen autoritären Wellen“ in Moskau und Peking, schrieb Politologe Christian Hacke 2005 in seinem wissenschaftlichen Artikel „Die Außenpolitik der Regierung Schröder/Fischer“. Zudem sprach Hacke hier von einer „Männerfreundschaft zwischen Bundeskanzler Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der heute alles tut, um Glasnost und Perestroika völlig aufzuheben, der ambitiös und machtbewusst russische Weltmachtansprüche verfolgt.“ Der Journalist Hans-Joachim Spanger wiederum warf Schröder in mehreren Veröffentlichungen vor, „demonstratives Verständnis“ für den immer schärfer werdenden innenpolitischen Kurs Russlands zur Schau zu stellen. Dabei sollte es vor allem das Jahr 2005 gewesen sein, das Schröders Verhältnis zu Putin in die internationalen Schlagzeilen brachte.

Putin und Schröder im Jahr 2005. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

2005: Wechsel zur Nord Stream AG/Gazprom

Am 9. Dezember 2005 verlautbarte der Chef des russischen Gaskonzerns Gazprom, Alexej Miller, dass Schröder für die Nord Stream AG verpflichtet wurde, die zu 51 Prozent der Gazprom gehört. In seiner Biographie schreibt Schröder, dass er Putin zunächst abgesagt hatte, weil er sich nicht langfristig binden wolle, was Putin irritiert habe. Der russische Staatspräsident habe ihn aber von der „europäischen Bedeutung des Projekts“ überzeugt und ihn gebeten, den Posten doch anzunehmen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Schröder mit dem Pipeline-Projekt in Berührung kam – schließlich hatte er es selbst am 8. September 2005 im Berliner Hotel InterContinental mit Putin besiegelt. „Das ist schon ein historischer Tag”, sagte Schröder damals. „Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich in langen Gesprächen mit dem Herrn Präsidenten für ein Umfeld gesorgt habe, das diese Form der Zusammenarbeit ermöglicht hat.“

Schröders neuer Posten – nur wenige Monate nach der Besiegelung des Projekts – stieß besonders bei Deutschlands Politikern auf Empörung. Das Pipeline-Projekt wurde von Kiew heftig kritisiert. Es würde dazu dienen, Gas nach Westeuropa zu transportieren, ohne dass die Ukraine darauf Zugriff bekommt.

2017: Berufung in den Aufsichtsrat von Rosneft

Im September 2017 folgte der nächste schwer kritisierte Karriereschritt für den Altkanzler: Schröder wurde zum Aufsichtsratschef des russischen Öl-Konzerns Rosneft gewählt. Dieser gehört zum größten Teil der russischen Regierung. „Gerhard Schröder ist in die Geschichte eingegangen als der loyalste Partner Russlands in den deutsch-russischen Beziehungen“, streute Rosneft-Chef Igor Setschin Schröder bei der Vorstellung vor den Aktionären Rosen. Da Schröder von der russischen Regierung für den Posten nominiert wurde, galt seine Wahl als so gut wie sicher. Der Konzern steht wegen der russischen Annexion der Krim auf der Sanktionsliste.

Schröders Position zur Krim-Annexion

Schröder lässt sich in der Öffentlichkeit von der Kritik nicht beeindrucken. Er äußerte sich dezidiert gegen Sanktionen gegenüber Russland. Bereits 2015 hatte Schröder die Reaktion der EU auf die Krim-Annexion kritisiert. Die EU-Kommission habe „nicht im Entferntesten kapiert (…), dass das ein kulturell gespaltenes Land ist und dass man mit einem solchen Land so nicht umgehen kann”, zitierte ihn der „Spiegel“. Zudem sei die EU mitverantwortlich für die Krise zwischen der Ukraine und Russland – in einem Interview mit „Spiegel Online“ sprach er der EU die Fähigkeit zur Vermittlerrolle ab: „Die Europäische Union ist dazu nicht mehr in der Lage. Die einseitige Unterstützung der Europäer für die Opposition macht es unmöglich, dass die EU in dem Konflikt noch vermitteln kann. Europa hat den Fehler gemacht, sich auf eine Seite zu schlagen, es ist nun selbst Partei.“

Die deutsche Bundesregierung sieht keinen Anlass für Sanktionen gegen Schröder. „Die Bundesregierung, auch die Bundeskanzlerin, sieht keine Veranlassung, Überlegungen dieser Art anzustellen“, so Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag.

Etwas anders sieht das CDU-EU-Außenexperte Elmar Brok. „Es ist ein Skandal, dass ein ehemaliger Bundeskanzler jetzt die Interessen von Putin vertritt. Und es ist erstaunlich, dass das bislang noch ohne Konsequenzen in der öffentlichen Diskussion geblieben ist“, so Brok zu „Bild“.