Putin hat dem Militärschlag des Westens fast nichts entgegenzusetzen

Der diplomatische Ton im Kreml verschärft sich immer mehr. Die russische Führung ist verärgert über das Bombardement von Zielen in Syrien durch das US-Militär und verbündete Staaten.

Nach den Luftschlägen steckt Russland in einer äußerst komplizierten Lage. Außer der scharfen Rhetorik, mit der Präsident Putin die Angriffe verurteilte, hat der Kreml den Angriffen nichts entgegenzusetzen. „Mit ihren Handlungen verschärfen die USA noch die humanitäre Katastrophe in Syrien, bringen Leid über die Zivilbevölkerung, begünstigen im Prinzip die Terroristen, die seit sieben Jahren das Volk quälen und provozieren eine neue Flüchtlingswelle aus dem Land und der Region insgesamt“, so der russische Präsident.

Putin sieht in den Militärschlägen einen Angriff auf einen souveränen Staat – für den es keine Rechtfertigung etwa durch ein Mandat der Vereinten Nationen gibt. Am Samstag forderte er deshalb eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrates. Laut dem russischen Verteidigungsministerium haben die US-Luftstreitkräfte mehr als 100 Raketen auf Syrien abgefeuert.


Ziel der Attacke waren offiziellen Angaben zufolge ein Chemiewaffenlager, ein militärisches Forschungszentrum und ein nahe gelegener Kommandoposten. Ein Militärsprecher in Moskau teilte mit, die syrische Armee habe 73 der 103 Marschflugkörper abgeschossen. Zudem seien die getroffenen Militärobjekte rechtzeitig evakuiert worden, nachdem Russland eine Vorwarnung über die Ziele gegeben habe, heißt es von der syrischen Armee.

Die von Russland in Syrien stationierten hochmodernen S-400-Systeme hingegen blieben still. Keine der Raketen sei „in die Zone der Verantwortlichkeit russischer Luftabwehr, die Objekte in Tartus und Hmeimim überwachten, eingedrungen“, teilte das russische Verteidigungsministerium mit.

Nationalkonservative Medien in Moskau hatten noch vor wenigen Tagen von einem bevorstehenden „Examen“ für die russische Luftabwehr gesprochen. Russlands UN-Vertreter Wassili Nebensja hatte vor „schwerwiegenden Folgen“ eines US-Luftangriffs gewarnt. Wie am Samstagmorgen bekannt wurde, prüft Moskau die Lieferung weiterer Abwehrsysteme vom Typ S-300 an Syrien und andere Staaten.

„Die Attacke auf Syrien ist für Moskau ein herber Wirkungstreffer, Russland hat damit sein Gesicht verloren“, meint der russische Nahostexperte Alexei Malaschenko im Gespräch mit dem Handelsblatt. Russland habe am Ende nicht mit einem solch intensiven Angriff gerechnet. Syriens Präsident Assad habe nun erkannt, dass er im Fall des Falles nicht auf russische Unterstützung hoffen könne, sagt der Politologe weiter in Bezug auf das passive Handeln Russlands. „Dabei hatten zuvor einige Idioten in Moskau sogar über die Chancen eines Atomkriegs spekuliert“, fügt Malaschenko hinzu.

Es entsteht der Eindruck, als sei sich die russische Führung offenbar selbst noch nicht im Klaren darüber, wie sie auf die Attacke reagieren soll. „Das hängt auch von dem weiteren Verlauf der Militäroperation der Amerikaner ab. Die Bekämpfung von Chemiewaffen, über deren Vorhandensein nach wie vor gestritten wird, ist die eine Sache. Eine völlig andere Sache wäre, wenn das Bombardement fortgesetzt würde, um den Regimesturz zu erzwingen“, so Nahostexperte Malaschenko.


Donald Trump, der sich kurz vor dem Militärschlag noch einmal persönlich an die russische Führung gewandt und sie zum Seitenwechsel aufgefordert hatte, hat Wladimir Putin in eine Zwickmühle gebracht. Einerseits ist das Risiko einer militärischen Konfrontation und Eskalation gewaltig, andererseits kann der Kremlchef, der in den vergangenen Jahren stets Akteur war, den Affront kaum unbeantwortet lassen.

Eine offene Auseinandersetzung mit den USA will Putin vermeiden. Ganz fallen lassen wird er seinen Protegé Assad aber keinesfalls. Zuviel Energie und Ressourcen hat Russland bereits in den Kriegsschauplatz investiert. Denkbar ist eine Wiederaufstockung des russischen Militärkontingents in der Arabischen Republik und die Verstärkung der Angriffe gegen Rebellen, die sich mit den USA verbündet haben. Dies wäre dann ein klassischer Stellvertreterkrieg auf syrischem Boden.

Derzeit beschränkt sich Russland aber auf die rechtliche Betrachtung des Falls. Der Chef des Außenausschusses im Föderationsrat, Konstantin Kossatschow, bezeichnet den Angriff als Versuch, Spuren zu verwischen. Damit solle vertuscht werden, dass der angebliche Chemiewaffenangriff in Duma eine Inszenierung gewesen sei, vermutet der russische Außenpolitiker. In Moskau wird immer wieder auf Parallelen zum Irak-Krieg hingewiesen.

Dort waren die USA unter dem Vorwand einmarschiert, dass Staatschef Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfüge. Nach dem Ende der Militärkampagne und dem Sturz des Diktators musste das Pentagon allerdings einräumen, dass keine solchen Waffen gefunden wurden.