Nerven liegen blank - Die Lachnummer der NFL

Vincent Wuttke
·Lesedauer: 5 Min.

Das Selbstverständnis der Dallas Cowboys klafft aktuell weit auseinander mit der aktuellen sportlichen Lage.

"America's Team", mit fünf Triumphen im Super Bowl eine der erfolgreichsten Franchises der NFL, wird bei einer Bilanz von zwei Siegen und fünf Niederlagen vor dem Duell gegen den Erzrivalen Philadelphia Eagles immer mehr zum Pulverfass.

Und das könnte bald trotz der immer noch guten Playoffs-Chancen in der vogelwilden NFC East explodieren - das zeigten zwei Aktionen von Besitzer Jerry Jones.

Der 78-Jährige beschimpfte erst in einem Radiointerview bei der Show "Shan & R.J. Show" auf dem Sender 105.3 The Fan den Moderatoren Shan Shariff. "Halten Sie die Klappe", entfuhr es dem Milliardär.

Dann meinte er nach dem umstrittenen Rauswurf von Defense-Spieler Dontari Poe, der als einziger bei der US-Hymne gekniet hatte, bei ESPN: "Wenn du 30 Pfund (ca. 13,5 Kilogramm; Anm. d. Red.) zu viel auf den Rippen hast und nichts dagegen unternimmst, um wieder bessere Leistungen zu zeigen, dann spielt die 'andere Sache' überhaupt keine Rolle."

Die Laune des Seniors ist nach dem peinlichen 3:25 gegen das Washington Football Team im Keller.

Steht Headcoach Mike McCarthy in seiner ersten Saison also vor dem Rausschmiss? "Mir ist bewusst, dass die Fans frustriert sind und wir verstehen die Kritik. Ich weiß aber, dass er immer noch der richtige Mann für den Job ist", sprach Vize-Präsident Stephen Jones, Nachkomme des Besitzers, zuletzt sein Vertrauen aus. Jerry Jones hat nicht mehr viel Geduld. "Wenn ich einen Trainer aussuchen müsste, um durch diese Situation durchzukommen, hätte ich schon den richtigen Mann", sagte Jones in dem Radiointerview vielsagend.

Coach McCarthy ist ratlos

McCarthy wirkt bereits nach wenigen Monaten ratlos: "Vielleicht trainieren wir zu viel", nannte er als Krisen-Grund.

Das in den Medien präsenteste Problem: Die Cowboys haben nach dem dramatischen Saisonaus von Dak Prescott keinen guten Passgeber mehr. Der erste Blick auf die Zahlen führt in die Irre. Dallas ist nach dem Sieg der Atlanta Falcons im Thursday Night Game, die damit eine Partie mehr absolviert haben, das zweitbeste Team der Liga in der Offensive mit insgesamt 2.926 Yards. Nimmt man die Falcons raus, ist Dallas mit 2.213 Pass-Yards sogar in der Kategorie der Spitzenreiter.

Andy Dalton als Ersatz enttäuschte zuletzt komplett und ist nach seinem K.o. gegen Washington zudem nun fraglich gegen die Eagles. Während Prescott in nicht einmal fünf Spielen satte 1.856 Yards warf, neun Touchdowns servierte und zudem drei Mal in die Endzone lief - bei vier Interceptions -, schaffte Dalton in fast vier Partien 452 Yards, einen Touchdown und drei Interceptions.

Ist Fitzpatrick die Quarterback-Lösung?

Deshalb werden die Rufe nach einem neuen Spielmacher immer lauter im Umfeld. Ein Name, der die Runde macht, ist Ryan Fitzpatrick (37).

Der Quarterback wurde zuletzt bei den Miami Dolphins trotz Gala-Form auf die Bank verbannt und wäre bei einem Trade günstig zu bekommen. Sein Vertrag endet am Saisonende. Jones Senior stellte bei 105.3 The Fan klar, es sei "unrealistisch", dass die "Boys" einen neuen Playmaker holen würden."Wir haben mit Andy Dalton unseren Quarterback."

Die jedoch größte Baustelle ist ohnehin die Defense!

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Insgesamt 2.857 Yards hat die Abwehrreihe zugelassen - Platz 27 der 32 Teams. Bei zwei Statistiken sind die Cowboys sogar Schlusslicht! Kein Team hat mehr Raumgewinn durch Läufe erlaubt (1.248 Yards) und keine Mannschaft kassierte so viele Punkte (243).

Lediglich Linebacker Jaylon Smith hat Normalform und führt die Liga mit 75 Tackles an. Hinzu kommt: Der Aderlass in der Defensive mit den Abgängen der Cornerbacks Orlando Scandrick und Byron Jones in den vergangenen Jahren macht sich bemerkbar. Linebacker-Urgestein Sean Lee fällt zudem nach einer Hüft-Operation noch aus.

Linebacker-Star Lee nimmt Trainer in Schutz

Der zweifache Pro-Bowler verteidigte seinen Trainer jüngst: "Die Videomeetings vor der Saison waren fantastisch. Wir haben eine Menge gelernt. Die Coaches arbeiten unglaublich hart und wir machen langsam Fortschritte."

Große Rückschritte gab es in einem wichtigen Mannschaftsteil: der Offensive-Line.

Sie galt eins als Prunkstück. Nun ist sie eher ein Trümmerhaufen. Center Travis Frederick hat seine Karriere im Sommer beendet. Die Tackle La'el Collins und Tyron Smith - gilt als einer der besten Quarterback-Beschützer überhaupt - fallen die gesamte Saison aus. Der sechsfache Pro-Bowler Zack Martin ist der einzig verbliebene Star der ehemaligen Wand und aktuell mit einer Gehirnerschütterung außen vor.

Was ist mit Elliott los?

Die zerbrechende O-Line hat vor allem Folgen für einen Spieler: Ezekiel Elliott. Der Running Back ist im Formtief - und natürlich auch ratlos. "Das ist nicht akzeptabel und das ist etwas, das ich selbst ergründen muss", zeigte sich Elliott den anwesenden Reportern nach dem Spiel ratlos auf die Frage nach seinen Aussetzern: "Ich weiß es nicht. Ich muss es herausfinden."

Nach Woche sieben hat Elliott mit vier Fumbles die meisten in der NFL.

Und auch weitere Statistiken sind schwach. Mit 4,1 Yards im Durchschnitt pro Lauf liegt "Zeke" momentan gleich auf mit seiner bisher schlechtesten Spielzeit 2017. Mit 458 Rushing Yards belegt Elliott nur Platz neun unter den Running Backs. Dabei ist der 25-Jährige mit einem Gehalt von 15 Millionen Dollar zweitteuerster Spieler seiner Position.

Für Elliott ein Nachteil: McCarthy spielt oft mit seinen drei Star-Receivern Amari Cooper, Michael Gallup und CeeDee Lamb. Es fehlt deshalb an Spielern, die Elliott den Weg freiräumen.

Elliott scheint dadurch verunsichert. Auch durch den Running Back hat keine Mannschaft mehr Bälle verloren als - na klar - Dallas. 16 Mal gaben sie das Spielgerät ab.

Es hapert also an allen Ecken und Enden bei "America's Team". Und Coach McCarthy hat nicht mehr viel Zeit für Lösungen.