Pulverfass Abstiegskampf: Die Brandherde der Kellerkinder

Marcel Bohnensteffen
Showdown im Abstiegskampf: Die Kellerkinder Hamburg, Wolfsburg und Freiburg haben mit einigen Brandherden zu kämpfen

Man sollte meinen, im Abstiegskampf ginge es allein ums sportliche Überleben. 

Fußballer beschwören in solch emotionalen Ausnahmesituationen gerne den Zusammenhalt. Einer für alle, alle für einen. 

Die Realität in der Bundesliga zeigt: Wenn Klubs um die sportliche Existenz fürchten, ist nichts mehr selbstverständlich. Auch Einheit und Geschlossenheit nicht.

Kommenden Samstag wollen der Hamburger SV und VfL Wolfsburg den Sturz in die Zweite Liga abwenden. Der SC Freiburg versucht gleichzeitig, der Relegation zu entgehen.

Alle drei Teams belasten allerdings Probleme abseits des Platzes, die ihre weitere Bundesliga-Zugehörigkeit gefährden könnten. 

SPORT1 analysiert die Brandherde der Abstiegskandidaten.

Führungsstreit beim Hamburger SV

Wirklich überraschend kam die Pleite in Frankfurt ja nicht. Nicht bei dem, was sich so alles zugetragen hatte unmittelbar vor dieser bedeutsamen Partie. 

Die Machthaber im Klub und solche, die es werden wollen, lieferten sich pünktlich zum Spieltag ein Scharmützel über die Medien. In den Hauptrollen: Interims-Sportchef Bernhard Peters und Präsident Bernd Hoffmann.


Vorab so viel: Peters und Hoffmann können, nach allem was man hört, nicht sonderlich gut miteinander. Bei der Frage nach der künftigen Ausrichtung des Klubs verfolgen beide grundverschiedene Ansätze. 

Dabei geht es um die Besetzung des Trainerpostens, den vakanten Manager-Posten und einige andere Führungsbelange im Verein.

Unter der Überschrift "Die Titz-Frage spaltet Hamburg" veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung am Samstag einen Bericht, der nahelegte, wie sich Bernd Hoffmann den künftigen HSV vorstellt.

Im Falle eines Abstiegs muss Christian Titz schon wieder gehen. Der Mainzer Rouven Schröder, der gerade den Klassenerhalt gefeiert hat, soll als neuer Sportvorstand kommen. Und am besten gleich einen neuen Trainer mitbringen.

Gegen diese Pläne gibt es Widerstände im Klub. Parallel zu dem Bericht in der SZ druckte das Hamburger Abendblatt ein Interview mit Peters, das sich stellenweise wie dessen Wahlkampfprogramm las. 

Peters bewarb sich selbst auf den Posten des Sportvorstands - und zwar mit Nachdruck: "Ich glaube, dass es in dieser Konstellation Sinn ergeben kann", sagte er.

Geht es nach Peters, dann hat er bald in sportlichen Angelegenheiten das Sagen. Und einen Manager für die Profi-Mannschaft unter sich, der zwar "autark und selbständig" arbeiten soll, aber eben "außerhalb des Vorstandes".

Es ist so ziemlich der komplette Gegenentwurf zu Hoffmanns Zukunftsplan.


Der Zwist der Verantwortlichen kommt zur Unzeit, da noch nicht einmal geklärt ist, in welcher Liga der HSV kommende Saison antritt. 

Gegen Gladbach will der Bundesliga-Dino einmal mehr am letzten Spieltag dem Abstieg entkommen. "Wir müssen unsere Hausaufgaben machen", sagte Christian Titz im CHECK24 Doppelpass.

Den Appell durften mehrere Instanzen im Klub auf sich gemünzt verstehen. 

Wolfsburg-Fans verspotten Labbadia - und lauern Profis auf

In Wolfsburg steht der Trainer am Pranger. Der Kalauer "Wir steigen ab, wir komm' nie wieder, wir haben Bruno Labbadia" schallt mittlerweile regelmäßig durchs Stadion.

Auch bei der Niederlage in Leipzig musste der Coach wieder Hohn von den Anhängern ertragen. 

Er ist zum Sündenbock einer Mannschaft geworden, die sportlich dahinsiecht. Unter Labbadia hat Wolfsburg in zehn Partien sechs Punkte gesammelt. Die Bilanz eines Absteigers. 

Dass die Wölfe noch immer auf die Relegation, bestenfalls sogar auf den direkten Klassenerhalt hoffen dürfen, haben sie weniger sich selbst als der Konkurrenz zu verdanken. Bei den eigenen Fans ist das Team aber auch so unten durch. 

Am Samstagabend belagerten 100 Anhänger die Geschäftsstelle des VfL, um die Spieler zur Rede zu stellen. Sicherheitshalber ließ man die Mannschaft nach der Ankunft aus Leipzig an einem geheimen Ort aussteigen. 

Die Stimmung in Wolfsburg ist vor dem Duell gegen Absteiger Köln gefährlich gereizt. 

Freiburg zwischen Schiri-Ärger und bösem Omen

Christian Streich war froh, "dass wir jetzt den letzten Spieltag vor uns haben". Die restlichen Tage der Saison, die Freiburgs Trainer nach dem 1:3 in Mönchengladbach verbringen muss, sind für ihn "nicht mehr zum Aushalten, das kann man nicht mehr verkraften".

Verständlich, denn da war ja was mit dem letzten Spieltag in der Vergangenheit. Als Freiburg 2015 aus der Bundesliga abstieg, hätte am 34. Spieltag ein Unentschieden zum Klassenerhalt gereicht. 

Die Breisgauer verloren 1:2 in Hannover und mussten runter in Liga zwei. Seitdem gilt die Sache mit den Endspielen als böses Omen im Schwarzwald. 

Zumal die Ausgangslage in diesem Jahr exakt dieselbe ist. Ein Punkt gegen Augsburg und Freiburg ist gerettet. Im schlimmsten Fall muss das Team in die Relegation.

"Unsere Situation", sagte Streich beim Blick auf die Tabelle, "hat sich zum Glück verbessert".


Dennoch: Selbst wenn es mal gut lief in den vergangenen Wochen, ließ sich der SC oft durch strittige Schiedsrichterentscheidungen vom Erfolgsweg abbringen. 

Streich wollte sich zwischenzeitlich überhaupt nicht mehr zum dem Thema äußern. Zuletzt wählte er dann eine neue Kommunikationsstrategie. "In den letzten beiden Spielen gegen Köln und heute in Gladbach", sagte er, "ziehe ich den Hut vor der Leistung. Das war super."

Ein letzter Spieltag ohne Schiri-Ärger, und die Freiburger könnten das böse Omen tatsächlich besiegen.