Prozess um totes Baby am Flughafen: Freispruch oder jahrelange Haft?

Die Anträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft liegen extrem weit auseinander

Freispruch oder jahrelange Haft? Im Totschlags-Prozess um ein auf der Toilette des Köln-Bonner Flughafens zur Welt gebrachtes Baby liegen die Anträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft extrem weit auseinander. So ist schon vor der Urteilsverkündung abzusehen, dass sich die Gerichte in der nächsten Instanz erneut mit dem Fall befassen werden.

Die Verteidigung sieht „keine Tötungshandlung" und fordert deshalb einen Freispruch für die 28-jährige Studentin. Staatsanwalt Jens Scherf hielt dagegen: „Dass die Angeklagte ihr Kind vorsätzlich getötet hat, ist zweifelsfrei erwiesen.“ Über ein mögliches Motiv könne er nur spekulieren: „Vielleicht war sie der Mutterrolle nicht gewachsen, handelte unter Druck oder ihr ging es vorrangig darum, ihr altes Leben unbelastet wie bisher weiter zu führen.“

Alle Zeugen berichteten nur Gutes

Scherf plädierte auf eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren, hielt der Studentin allerdings einen minderschweren Fall (Strafrahmen zwischen ein und zehn Jahren) zugute. Immerhin sei die Tat der Angeklagten „wesensfremd“ und sie sei nicht vorbestraft: Sämtliche Zeugen im Prozess hätten nur Gutes über die Studentin  ausgesagt, ihre  „soziale, kinderliebe, herzensgute und fürsorgliche Art“ beschrieben: „Es gab keinen einzigen, der nur ein schlechtes Wort über sie geäußert hat.“

Anderseits habe Britta S. (Name geändert) sich selbst „leichtfertig in diese Situation gebracht“. Ihr Motiv: „Sie wollte niemandem zur Last fallen, ihren Eltern nicht und auch nicht dem  suizidgefährdeten Partner, den sie schützen wollte.“ Strafschärfend wertete der Ankläger gleich mehrere Aspekte: „Es gab Handlungsalternativen. Sie hätte das Kind alleine groß ziehen können, war in keiner Notlage und verfügte über genügend intellektuelle Fähigkeiten.“

Schwangerschaftsabbruch auf eigene Faust geplant

Britta S. hatte bereits zwei Schwangerschaftsabbrüche hinter sich, als sie im Februar 2016 erneut vom selben Partner schwanger wurde, der eine Vaterrolle stets abgelehnt hatte. Sie verheimlichte die Schwangerschaft bis zur Geburt. Im Internet sah sie sich nicht etwa nach einer Babyklappe oder Adoptionsmöglichkeiten um, sondern recherchierte online  über „Abbrüche ohne ärztlichen Beistand“ , beispielsweise „durch Schläge mit einem Teleskopstock auf den Bauch“. Für den Ankläger ein zweifelsfreier Hinweis, dass Britta S. ihr Kind von Anfang an nicht gewollt habe: „Sie hat alles getan, um die Existenz der Schwangerschaft und Geburt zu verheimlichen.“

Nach der Rückkehr aus dem Urlaub im November 2016 hatten bereits auf dem Flug die Wehen eingesetzt. Britta S. brachte ihr Baby, einen laut Gutachten „ausgereiften, gesunden, männlichen Säugling“ auf der Toilette „als Sturzgeburt“ auf die Welt. Sie hatte immer wieder von einer „Totgeburt“ gesprochen - was eine rechtsmedizinische Sachverständige nachdrücklich verneinte und dies mit gleich mehreren Untersuchungsmethoden belegte.

"Natürlicher Tod nicht auszuschließen"

Allerdings hatte die Ärztin auf Intervention der Verteidiger die ursprünglich attestierte „unnatürliche  Todesursache“ in „ungeklärte Todesursache“ umgemünzt. Für die Verteidiger der Beleg, "dass somit auch ein natürlicher Tod nicht auszuschließen ist“, deshalb sei Britta S. freizusprechen.

 

Britta S. hatte auf dem Flughafen soviel Blut verloren, dass sie in Lebensgefahr schwebte. Gegenüber den Rettungssanitätern, den Ärzten im Krankenhaus und der Polizei tischte sie jedesmal eine andere Geschichte über den Verbleib des Neugeborenen auf.

Mal behauptete sie, vor Monaten einen  natürlichen Abbruch erlitten zu haben, dann wieder war von einer Totgeburt im Frühstadium die Rede. „Sie hat so oft gelogen, da ist die vorsätzliche Tötung der einzige Schluss“, interpretierte Scherf die verschiedenen Erklärungen der Angeklagten: „Sie hat ihr Aussageverhalten dem jeweiligen Ermittlungsstand angepasst.“

"Besonders ablehnende Haltung"

Das Neugeborene hatte die Studentin in einen Turnbeutel gesteckt und ihrem Freund anschließend in die Hand gedrückt. Der Partner hatte das Baby unter seinem Bett hinter einem Koffer versteckt, als die Polizei am nächsten Tag vor der Türe stand. Britta S. habe „durch die Art und Weise, wie sie ihr Kind verschwinden ließ, eine besonders ablehnende Haltung an den Tag gelegt“, hieß es weiter strafschärfend.

Zum Schluß ließ der Ankläger keinen Zweifel, bei einem Geständnis deutlich milder gestimmt gewesen zu sein: „Hätten Sie hier reinen Tisch gemacht und die Wahrheit gesagt, mein Antrag wäre deutlich niedriger gewesen.“

 Das Urteil soll am kommenden Freitag verkündet werden....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta