Prozess um Onecoin-Betrug: Das ist die Krypto-Königin, die mit 100 Millionen Euro untertauchte und sich selbst "Bitch of Wallstreet" nannte

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Ruja Ignatova, Gründerin von OneCoin.
Ruja Ignatova, Gründerin von OneCoin.

Am 17. September startete das Gerichtsverfahren am Landgericht Münster gegen drei Beschuldigte im Onecoin-Anlagebetrug. Onecoin, eine angebliche Kryptowährung, sollte zum europäischen Konkurrenzprodukt von Bitcoin werden. Die Erfinderin, Ruja Ignatova, eine bulgarische Unternehmerin, die in Süddeutschland aufwuchs, sammelte laut US-Ermittlern über 3,3 Milliarden Euro von Privatanlegern ein, denen sie hohe Renditen versprach. Doch wie die US-Behörden und nun auch die Staatsanwaltschaft in Braunschweig, die die Anklage erhoben hat, vermuten, war die Kryptowährung Onecoin frei erfunden. Ignatova oder die "Krypto-Königin", wie sie mittlerweile von den Medien genannt wird, soll ein Multi-Level-Marketing (MLM) System für ein vermeintliches Finanzprodukt aufgebaut haben, um schließlich 2017 mit dem Geld spurlos zu verschwinden. Bei einem sogenannten MLM System werben Kunden andere Kunden für Produkte. Wenn aber kein wirkliches Geschäft hinter dem MLM-System steht und keine wirklichen Umsätze generiert werden, ergibt sich daraus ein Schneeballsystem.

Wer ist Ruja Ignatova?

Ignatova wurde in Bulgarien geboren und wuchs laut der Recherche von „Buzzfeed News Deutschland“ im Schwarzwald auf. Die Lokalzeitung "Neue Rottweiler Zeitung" schrieb über sie, dass sie zwei Klassen übersprungen haben soll. Ihre Lehrerin erinnert sich an Ignatova als eine fleißige Schülerin, die nach ihrem Abitur mit einem Stipendium in Konstanz Jura studiert habe. Es folgten weitere Abschlüsse in Wirtschaftswissenschaften an der Fernuni Hagen und ein Master an der Universität Oxford.

Nach ihrem Studium fing sie bei der Unternehmensberatung McKinsey an und kaufte 2010 mit ihrem Vater eine Gießerei im Allgäu, schreibt die "Neue Rottweiler Zeitung". Die Gießerei ging pleite. Ignatova wurde 2016 wegen Insolvenzverschleppung und Betrug zu 14 Monaten Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt.

Zu dieser Zeit war Ignatova schon in der Krypto-Szene aktiv. Zuerst war sie laut „Business Insider USA“ im Geschäft mit BigCoin involviert, einem Kryptowährung-Versuch, der sich ebenfalls als Schneeballsystem entpuppte. Wie "Buzzfeed" zuerst berichtete, schmiedete sie damals schon Pläne für ihr eigenes Geschäft auf der Welle des Krypto-Hypes namens Onecoin. US-Gerichtsunterlagen zitieren aus Ignatovas E-Mails, die bereits eine gewisse kriminelle Energie vermuten lassen:

„Es wird vielleicht nichts Sauberes werden oder woran ich normalerweise arbeiten würde oder worauf ich stolz sein kann (außer mit Dir privat, wenn wir Geld machen) ... aber ich bin besonders gut bei diesen Borderline-Fällen (...)"

Ignatova schreibt, dass sie sich in Grauzonen auskenne, außerdem sei sie gut mit Zahlen und mit den juristischen Aspekten des Geschäfts. „Wir könnten das richtig groß aufziehen – so was wie MLM trifft auf die Bitch von Wall Street“ zitieren die Akten die E-Mails Ignatovas.

Die Pläne sollten bald auch in die Tat umgesetzt werden: Ignatova, ihr Bruder und der enge Kreis ihrer Geschäftspartner bereisten die Welt, um Menschen von einer Investition in OneCoin zu überzeugen. Die Strukturen der Kryptowährung seien sehr komplex und für die meisten Privatanleger nur schwer verständlich. Aber viele würden die Geschichten früherer Bitcoin-Investoren kennen, die innerhalb weniger Jahren zu Millionären geworden sein sollen. Ignatova ermutigte so Tausende Menschen in OneCoin einzusteigen, unter anderem mit dem Versprechen, dass OneCoin bemüht wäre, Kryptowährungen für alle verständlich und zugänglich zu machen.

Ignatova füllte große Hallen mit Interessenten, hielt charismatische Vorträge, in denen sie die Zuhörer bei ihren Emotionen packte. In Ergänzung dazu stellte sie stets Grafiken und Zahlen bereit, die sich später allerdings als fingiert entpuppen sollten. Wie jedes MLM-basierte Geschäftsmodell ging es auch hier darum, dass die Menschen Geld in OneCoin und in entsprechendes Schulungsmaterial investieren würden, um dann selbst weitere Investoren zu rekrutieren. Je nach der Zahl der neu angeworbenen Kunden sollte auch der Umsatz der Teilnehmer des MLM-Systems steigern.

Weltweite Ermittlungen konnten Ignatova nicht stoppen

Laut Recherchen von "Buzzfeed" fielen die fragwürdigen Strukturen bereits ab 2015 auf: Deutsche, australische und US-Behörden beobachteten die Machenschaften Ignatovas und vermuteten, dass es sich hierbei um ein globales Schneeballsystem handelte. Auch in Bulgarien, Norwegen und in China waren Ermittler auf die Spuren des Geschäftsmodells gestoßen. Trotzdem konnte Ignatova mit ihrer Werbetour weitermachen und Gelder einsammeln.

Ignatova verschwieg, dass, anders als bei Bitcoin und bei anderen Kryptowährungen, hinter Onecoin keine Blockchain-Technologie stand. Das bedeutete auch, dass die Onecoins, die Ignatovas Fans kauften, wertlos waren. Die Krypto-Königin kassierte dabei aber ordentlich ab: Recherchen von "Buzzfeed" ergaben, dass Onecoin seit der Gründung bis September 2016 weltweit Verkaufserlöse in Höhe von 1,8 Milliarden Euro erzielte.

Doch als 2018 die US-Behörden ausreichende Beweise für eine Anklage präsentieren konnten, war Ignatova längst untergetaucht – und hohe Summen aus der Onecoin-Firmenkasse ebenfalls verschwunden. Ignatova soll sich laut "Buzzfeed" Luxusautos, eine Yacht und einen schillernden Lebensstil finanziert haben. Die Gelder sollen außerdem in Immobilien in Dubai, London und Bulgarien sowie in Kunstwerke Andy Warhols geflossen sein. Hohe Summen soll in bar in Apartments in Dubai, Hongkong und Südkorea gebunkert haben.

Ignatovas Bruder packte bei den Behörden aus

Ignatovas Bruder, Konstantin Ignatov, wurde ebenfalls in den USA angeklagt. Er entschied sich, mit den Behörden zu kooperieren. Er sprach über Offshore-Firmengeflechte und Briefkastenfirmen, mithilfe derer die Erlöse aus dem Onecoin-Geschäft in legitime Geschäfte fließen konnten. So war es Ruja Ignatova etwa gelungen, ein Erdgas-Feld in Madagaskar zu kaufen.

Glaubt man ihrem Bruder, ist Ruja Ignatova seit Ende Oktober 2017 unauffindbar: Sie soll mit einem Ryanair-Flug aus Sofia nach Athen geflogen sein. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Die Anwälte der drei Beschuldigten im deutschen Strafverfahren behaupten, dass sie lediglich Sündenböcke seien für all das, was Ignatova getan habe. Klar ist, dass Onecoin ohne hiesige Geschäftspartner weniger Privatanleger überzeugt hätte.

Zwei Personen wird vorgeworfen, Zahlungsdienste ohne Erlaubnis betrieben und mehr als 300 Millionen Euro von Anlegern unter anderem auf die Kaimaninseln überwiesen zu haben. Einer weiteren Person werfen die Ankläger vorsätzliche Geldwäsche und Mithilfe bei den Auslandsüberweisungen vor. Dabei soll der Beschuldigte billigend in Kauf genommen haben, dass das angebliche Kryptogeld im Zentrum eines gewerbsmäßigen Betrugs gestanden habe.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hatte 2017 Konten sperren lassen, die in Deutschland für Onecoin-Transaktionen genutzt worden waren. Insgesamt hatte ein für Onecoin tätiges Finanzinstitut laut Bafin zwischen Dezember 2015 und Dezember 2016 rund 360 Millionen Euro angenommen. Als die Konten gesperrt wurden, waren noch 29 Millionen Euro darauf.

mit Material von dpa

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