Prozess um Kölnberg-Schießerei: Neues Gutachten soll Täter-Identifizierung ermöglichen

Ein Experte untersuchte Videoaufnahmen der Tat.

Auf dem Bürgersteig steht ein blutverschmierter Liegestuhl. Blutspuren auch im Treppenhaus und auf einem Sweatshirt, das die Polizei eingetütet hat. Die Haustür weist mehrere Einschusslöcher auf.

Schießerei auf dem Kölnberg

Keine Frage – die Nacht zum 17. Juni 2015 war alles andere als friedlich auf dem Kölnberg in Meschenich. Drei Schwerverletzte forderte die Schießerei vor einem Kiosk „An der Fuhr“ 4 und 5.

Die Opfer: der 34-jährige Büdchenbesitzer, sein neun Jahre älterer Bruder und die Mutter der beiden. Vor allem den 34-Jährigen hat es bei dem Überfall schwer erwischt. Er ist in die Brust getroffen worden. Nur eine eilig anberaumte Notoperation kann ihn retten.

Doch wer war an dem blutigen Überfall beteiligt, der angeblich auf das Konto des Kölner Charts der „Hells Engels“ zurückgeht? Wer hat den Schuss auf den Kioskbesitzer abgefeuert? Und: Was war der Auslöser für die Bluttat? Revierkämpfe im Drogenmilieu? Schutzgelderpressungen?

Fragen, die derzeit die 4. Große Strafkammer des Kölner Landgerichts zu klären versucht. Am 27. März 2017 begann an der Luxemburger Straße der Prozess gegen acht Verdächtige aus dem Kölner Rockermilieu.

Verhandlung wird fortgesetzt

Am Montag, 26. Juni, ist der nächste Verhandlungstag. Auf dem Tisch: das rund 75 Seiten umfassende Gutachten eines Forensischen Anthropologen, eines Mediziners also, der anhand von biologischen Merkmalen die Identität eines Menschen bestimmen kann.

Wolfgang Huckenbeck vom „Institut für Forensische Anthropologie“ in Rommerskirchen soll herausfinden, ob einer oder mehrere der acht Angeklagten auf dem vorhandenen Foto- und Videomaterial zweifelsfrei zu identifizieren sind.

Für das Kölner Landgericht ist die Einbeziehung eines Forensischen Anthropologen eine Premiere, geboren aus schierer Not. Denn: Die drei Opfer und die Augenzeugen schweigen ebenso beharrlich wie die Angeklagten, denen unter anderem versuchter Mord und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen werden.

So erhofft sich die Vorsitzende Richterin Ulrike Grave-Herkenrath vom geschulten Blick des Experten Hinweise darüber, „ob die Angeklagten es waren oder nicht“.

Schwierige Beweislage

Einfach dürfte das nicht sein. Zwar gebe es zwei Videos, die den gesamten Tatablauf zeigten, sagt der Kölner Rechtsanwalt Markus Loskamp, der einen der acht Angeklagten verteidigt.

„Sie haben allerdings keine wahnsinnig gute Qualität.“ Was zu sehen sei: „Eine Gruppe, die vorprescht. Es wird getreten. Man erkennt Mündungsblitze. Es wird also auch geschossen.“ Doch reicht das, um zweifelsfrei zu sagen, wer was getan hat in der fraglichen Nacht?

„Generell braucht man Videoaufzeichnungen und Bildmaterial in bestmöglicher Qualität. Und man braucht einen Tatverdächtigen, damit man vergleichen kann“, sagt Huckenbeck. Zum aktuellen Fall kann und darf er sich nicht äußern.

Huckenbeck hat 32 Jahre als Rechtsmediziner an der Düsseldorfer Universität gelehrt und gearbeitet. Dann sattelte er um, weil er „keine Leichen mehr sehen konnte“. Außer dem 63-Jährigen gibt es in NRW nur noch zwei weitere Forensische Anthropologen. Deutschlandweit sind kaum mehr als 20 von ihnen im Einsatz.

Verkehrssünder gehören zur Hauptklientel der Identifizierungs-Experten. „Wenn einer geblitzt wird und sagt: »Ich war das nicht, das war mein Nachbar«, dann müssen wir ran.“ In der Regel macht Huckenbeck höchstpersönlich Vergleichsfotos von den Verdächtigen.

Auf die Perspektive kommt es an

„Die Fotos sollten möglichst aus der gleichen Perspektive aufgenommen werden wie das Beweismaterial.“ Bei EC-Karten-Betrügern hieße das „möglichst von unten“, bei Bankräubern, die von einer hoch hängenden Überwachungskamera gefilmt wurden, „möglichst von oben“.

Anschließend sichtet Huckenbeck das Material und vergleicht die körperlichen Merkmale der Fotografierten. Sind die Form der Nase, der Haaransatz, die Augenregion, der Ober- und der Unterlippenraum identisch? Vor allem dem Ohr gilt sein besonderes Interesse. „Wenn es deutlich abgebildet ist und man die inneren Strukturen des Außen-Ohrs sehen kann, ist es unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.“

In Deutschland ist das Verfahren der Bildidentifikation seit den 1930er Jahren bekannt und wurde zunächst zu Vaterschaftsbestimmung herangezogen. „Man hat die Augen und die Ohren verglichen, um herauszufinden, wer der Vater eines Kindes ist.“

Inwieweit Huckenbecks Analyse zur Aufklärung der Vorfälle am Kölnberg beitragen kann, wird sich am Montag weisen. Bislang war er ausschließlich auf das Bild- und Videomaterial der Polizei angewiesen. Rechtsanwalt Loskamp jedenfalls hält „grundsätzlich eine Menge“ von der Arbeit der Forensischen Anthropologen. „Man kann sehr viel herausfiltern.“

Ermittler mit geschultem Blick:

Forensische Anthropologen sind wichtige Helfer bei der Aufklärung von Verbrechen. Zu ihren Aufgabengebieten gehören u.a. die Identifizierung nach Bildern, die Identifizierung von Skeletten und teilskelettierten Leichen, Abstammungsgutachten und Altersdiagnosen insbesondere bei jungen Straftätern. Sie sind gefragte Ansprechpartner bei der Identifizierung von Schnellfahrern, Bankräubern und EC-Karten-Betrügern.

Super Recognizer haben ebenfalls die Aufgabe, Personen zu identifizieren. Anders als Forensische Anthropologen stützen sie sich dabei allein auf ihr außergewöhnlich gutes Gedächtnis. Sie vergessen kein Gesicht und sind noch Jahre später in der Lage, einen Menschen wiederzuerkennen. 2016 wurden zwei Super Recognizer aus London von der Kölner Polizei zur Identifizierung von Tätern aus der Silvesternacht eingesetzt....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta