Mehr als eine Milliarde Euro fordert der Anno August Jagdfeld von der Signal Iduna. Der Gerichtsprozess wirft viele Fragen auf.

Mehr als eine Milliarde Euro fordert der Anno August Jagdfeld von der Signal Iduna. Der Gerichtsprozess wirft viele Fragen auf.

„Sie sagten, es würde rutschig, schauen wir erst mal, wer hier auf festem Grund steht.“ Anwalt Mario Wegner wirft seinen Kugelschreiber auf den Tisch und greift zu seiner Wasserflasche. „Also ich sitze hier ja noch ganz entspannt“, erwidert Richter Willi Pawel. Es ist der erste Tag in der Beweisaufnahme in dem Prozess Anno August Jagdfeld gegen die Signal Iduna. Der Immobilienunternehmer verklagt die Versicherung auf über eine Milliarde Euro Schadensersatz. Die Iduna soll eine Rufmordkampagne gegen ihn initiiert haben.

Jagdfeld, der dadurch bekannt geworden ist, dass er 1996 das Hotel Adlon in Berlin mit Anlegergeldern aufbaute, trägt am Dienstagmorgen im Saal 101 des Dortmunder Landgerichts ein dunkelgrünes Sakko, ein hellblaues Hemd und eine lila Krawatte. An seinem Revers pinnt eine Anstecknadel, in der Brusttasche steckt ein Anstecktuch. Zu Beginn der Beweisaufnahme wirkt „Mr. Adlon“ beinahe gelangweilt. Er schließt öfter die Augen und sitzt mit verschränkten Armen einfach da.

Seine Gegnerin, die Signal Iduna, investierte fünf Millionen Euro in den Adlon-Fonds. Das sollte ihr hohe Ausschüttungen einbringen. Es kam anders. Die Versicherung ist sich sicher: Jagdfeld hat ihr Geld durchgebracht. „Nicht die Signal Iduna muss Herrn Jagdfeld Schadensersatz zahlen, eigentlich müsste Herr Jagdfeld der Signal Iduna Geld zahlen“, sagt Lutz Aderhold, Anwalt der Iduna.


Der erste Zeuge ist geladen. Klaus-Dietrich Schrepp ist Pensionär. Der 63-Jährige war bis November letzten Jahres Bereichsleiter Beteiligungen bei der Iduna. Zudem agierte er als Prokurist. Er schließt aus, dass es einen Plan gegeben habe, Jagdfeld zu diskreditieren. „Es ging um die Sache und nicht um Herrn Jagdfeld persönlich.“ Der Richter fragt nach, ob eventuell der Vorstand der Signal Iduna eine solche Rufmordkampagne geplant haben könnte. Schrepp antwortet: Das sei „fern der Realität“. Dabei schaut der Pensionär immer wieder zu den Anwälten von Iduna, die zustimmend nicken. Insgesamt beliefen sich die Beteiligungen an Kapitalanlagen der Signal Iduna auf insgesamt 2,7 Milliarden Euro. „Da sind die fünf Millionen Euro im Adlon-Fonds vergleichsweise wenig.“

2008 hatte Jagdfeld entschieden, der familieneigenen Adlon Holding, die Flächen auf der Südseite des Adlon angemietet hatte, die Pacht zu stunden. Zum Vorteil für die Holding und zum Nachteil der Anleger des Adlon-Fonds. Die Schulden der Holding an dem Fonds stiegen. Und es blieben Mietschulden in Millionenhöhe.

Mitte 2009 meldetet sich Rechtsanwalt Thomas Fritsch bei Schrepp. Er beschrieb ein pflichtwidriges Verhalten Jagdfelds und meinte damit den Pachtzinsverzicht der Adlon Holding. Fritsch wurde der Anwalt der Iduna.  Er ist mittlerweile verstorben, was die Aufklärung um seine Rolle noch schwieriger macht.

Nach Prüfung durch die Rechtsabteilung der Signal Iduna sah sie Fritschs Vorwürfe gegen Jagdfeld als schlüssig an. Für den Pachtzinsverzicht hätte es die Zustimmung der Gesellschafterversammlung gebraucht. Im Juni 2009 schloss sich die Signal Iduna deswegen einer Schutzgemeinschaft für die Adlon-Anleger an, zusammen mit 258 weiteren Anlegern des Adlon-Fonds. Fritsch wurde der Anwalt der Iduna und war gleichzeitig Beauftragter der Schutzgemeinschaft.


Verletzte Iduna ihre Treuepflichten?

Ihr eingetragenes Ziel: Jagdfeld als Geschäftsführer des Fonds absetzen. Die Iduna behauptet, es wäre um das Wohl des Fonds gegangen. Es sei die letzte Möglichkeit gewesen, eine „ordentliche Geschäftsführung“ zu stellen. Das Vorhaben scheiterte, und die Iduna trat, nach eigenen Angaben, aus der Gemeinschaft aus.

In der Presse attackierte Fritsch Jagdfeld mehrmals heftig. Er drohte, „Jagdfeld und seine Entourage entsorgen“ zu wollen.  Und der Adlon-Chef „begeht Untreue vor laufender Kamera“. Jagdfelds Anwälte sind sich sicher: Mit Beitritt in die Schutzgemeinschaft und dem Vorhaben, Jagdfeld als Komplementär abzusetzen, hätte die Iduna ihre Treuepflichten als Gesellschafterin verletzt. Doch die denkt nicht im Traum daran, Schadensersatz zu leisten: „Wir werden Herrn Jagdfeld nie auch nur einen einzigen Cent zahlen“, sagte Edzard Bennmann, Sprecher der Signal Iduna auf Anfrage des Handelsblatts.

Inwiefern die Signal Iduna und damit auch die anderen Mitglieder der Schutzgemeinschaft für diese Äußerungen haftbar gemacht werden können, muss das Landgericht Dortmund jetzt klären. Der Anwalt der Signal Iduna ist sich sicher: „Der Signal Iduna kann hier nichts passieren.“


Jagdfelds Anwälte versuchen nun, die Signal Iduna der Falschaussage zu überführen. Immer wieder hakt Jagdfelds Vertreter, der Berliner Rechtsanwalt Adrian Müller-Helle, beim Zeugen Schrepp nach: „Wenn Sie wussten, dass Ihr Anwalt, Herr Fritsch, schon mehrfach öffentliche Aussagen gegen Herrn Jagdfeld wieder zurücknehmen musste: Warum haben Sie ihm das Mandat nicht entzogen?“ Schrepp sagt: „Dazu sah ich keine Veranlassung.“ Er habe kaum zehnmal mit Fritsch gesprochen. Um seine Attacken gegen Jagdfeld sei es dabei nicht gegangen.

Die Klageanwälte vermuten, dass die Signal Iduna in deutlich engerem Kontakt zu Fritsch und der Schutzgemeinschaft stand, als Schrepp zugeben will. Auf die Frage, ob er sich mit Fritsch nach einer Gesellschafterversammlung auf ein Bier getroffen habe, sagt Schrepp, er könne sich nicht erinnern. Jagdfelds Verteidiger fordern daraufhin die Vereidigung des Zeugen. Sie vermuten, dass Schrepp lügt – um die Signal Iduna und sich selbst in Schutz zu nehmen.

Viel hängt in dem Verfahren an der Frage, ob die Signal Iduna für die Aussagen ihres früheren Rechtsbeistands Thomas Fritsch verantwortlich zu machen ist. Selbst der Richter ist verwundert, wie sehr man Fritsch offenbar seinerzeit freie Hand gelassen hat. So soll es nicht einmal eine Prüfung der Haftungsrisiken gegeben haben, als die Signal Iduna der Schutzgemeinschaft der Adlon-Anleger beitrat. Auch nicht, als Fritsch erste öffentliche Aussagen gegen Jagdfeld nach einer einstweiligen Verfügung wieder zurücknehmen musste.


Es bleiben viele Unklarheiten

Schrepp erklärte: „Wir sind der Schutzgemeinschaft beigetreten, um Anwaltskosten zu sparen.“ Zudem sei Fritsch bereits mit dem Adlon-Fonds vorbefasst gewesen und habe der namhaften Kanzlei Probandt & Partner angehört. Die einmaligen Kosten hätten entsprechend der Beteiligung der Iduna am Adlon-Fonds insgesamt 37.500 Euro betragen, so Schrepp. „Darüber hinaus haben wir Herrn Fritsch kein Geld bezahlt.“ Über die Rundbriefe hinaus, die Fritsch regelmäßig an die Mitglieder der Schutzgemeinschaft sandte, sei die Versicherung nicht weiter über die Vorkommnisse in der Schutzgemeinschaft informiert worden. Aber: Die Verantwortlichen haben offenbar auch nicht weiter nachgefragt. So zumindest geht es aus Schrepps Aussage hervor.

„Wie funktioniert das denn, wenn bei der Signal Iduna ein Anwalt eingeschaltet wird?“, will Richter Pawel wissen. Schrepp antwortet, es habe vor dem Beitritt zur Schutzgemeinschaft eine Prüfung durch die Rechtsabteilung gegeben, die sich allerdings nicht mit den Haftungsrisiken beschäftigt habe. Nach wenigen Tagen habe er eine positive Rückmeldung erhalten und die Beitrittserklärung ausgefüllt an Fritsch geschickt.

Schon im Vorfeld der Verhandlungen haben die Anwälte Tausende Seiten an Schriftsätzen ausgetauscht. Die beigeordneten Richterinnen müssen dem Vorsitzenden Pawel regelmäßig zu Hilfe eilen. Sie suchen Dokumente aus Dutzenden Ordnern heraus, notieren sich Datumsangaben und vergleichen Aussage und Aktenlage.


Während Schrepp aussagt, macht sich Jagdfeld eifrig Notizen. Er bleibt in der ganzen Verhandlung still, lässt sich gelegentlich zu einem Schmunzeln hinreißen. Doch als es um die Aussagen Fritschs geht, die Jagdfeld auch der Signal Iduna zuschreibt, wird er laut. Ein „Jagdfeld-freies Adlon“ habe Fritsch öffentlich gefordert. Sein Anwalt Mario Wegner ergänzt: „Er wollte ‚Jagdfeld und seine Entourage entsorgen‘. Das ist die Sprache des Dritten Reichs.“ Stöhnen im Saal.

Immer wieder betont Schrepp, er habe als Vertreter der Signal Iduna Fritsch nur mit der Klärung der Vorwürfe um den Pachtzinsverzicht für die Adlon-Holding beauftragt. „Wir haben uns nicht in die Hände von Fritsch begeben.“

Auch nach der sechsstündigen Vernehmung mit mehreren Pausen bleiben viele Fragen offen: Warum hat der Vorstand Fritsch nicht zurückgepfiffen, als ihn die ersten Gerichte der Falschaussage bezichtigten? Und warum hat die Signal Iduna die Haftungsrisiken ihres Engagements in der Schutzgemeinschaft nicht überprüft?

Diese Unklarheiten muss das Gericht in den verbleibenden fünf Verhandlungstagen beseitigen. Am Mittwoch soll ein früheres Verwaltungsratsmitglied des Adlon-Fonds in den Zeugenstand: der Betriebswirt Heinz W., der bei der Gründung der Adlon-Schutzgemeinschaft eine maßgebliche Rolle gespielt haben soll. Signal-Iduna-Vorstandschef Ulrich Leitermann soll am Dienstag in der kommenden Woche aussagen, Aufsichtsratschef Reinhold Schulte am Donnerstag darauf.

Auch Schrepp wird erneut in den Zeugenstand treten. Jagdfelds Anwalt Mario Wegner kündigte noch „30 bis 40 weitere Fragen“ an den ehemaligen Prokuristen an. Jagdfelds Sprecher Christian Plöger resümierte gegenüber dem Handelsblatt: „Das war ein guter Auftakt.“