Prozess wegen Beihilfe zum Mord: Ehemaliger KZ-Wachmann schweigt

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Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss sich von heute an ein ehemaliger SS-Wachmann wegen Beihilfe zum Mord verantworten. Bisher weigerte sich der heute 100-Jährige sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Konzentrationslager Sachsenhausen
Der heute 100-Jährige war als Wachmann im KZ Sachsenhausen tätig. (Bild: dpa)

Der Angeklagte soll während seiner Zeit im Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin von 1942 bis 1945 wissentlich und willentlich Hilfe zur grausamen und heimtückischen Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben. Angeklagt sind 3518 Fälle.

In dem Lager waren von 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS.

Strenge Sicherheitsvorkehrungen

Der Prozess vor dem Landgericht Neuruppin findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in der Sporthalle des Gefängnisses in Brandenburg/Havel statt. Das Schwurgericht hatte die Verhandlung aus organisatorischen Gründen in die Halle verlegt, die außerhalb des Gefängnis-Geländes liegt. 

Nach der Anordnung des Vorsitzenden Richters sollen Justizwachtmeister mit einer Einsatzreserve den Prozess sichern. Zusätzlich könnten Polizeikräfte eingesetzt werden. Alle Teilnehmer müssen eine Sicherheitsschleuse passieren und werden durchsucht. Die Mitnahme von Computern und Handys in den Sitzungssaal ist für Besucher und Journalisten verboten. Für den Prozess haben sich zahlreiche Pressevertreter aus dem In- und Ausland akkreditiert.

Am ersten von insgesamt 22 Prozesstagen, die sich bis in den Januar hinein ziehen, soll laut Gericht zunächst nur die Anklage verlesen werden. Eventuell gebe es weitere Anträge der 15 Nebenkläger - darunter sind auch Überlebende des Konzentrationslagers. Zeugen sind bislang erst für spätere Termine geladen. 

"Sie werden dort gehört werden und das ist bislang nicht genug geschehen"

Der Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther hatte im Vorfeld des Prozesses erklärt, die deutsche Justiz habe die Aufarbeitung der NS-Verbrechen jahrzehntelang vernachlässigt. "Ich halte es für einen großen Fehler der Justiz in den vergangenen Jahrzehnten, dass der Tatbestand der Beihilfe nicht verfolgt wurde", sagte er. Für die Nebenkläger sei das Verfahren ungemein bedeutsam. "Sie werden dort gehört werden und das ist bislang nicht genug geschehen."

Der Angeklagte äußerte sich zu Beginn des Prozess nicht

Zu Beginn des Prozess las Staatsanwalt Cyrill Klement Teile der insgesamt 134 Seiten umfassenden Anklageschrift vor. So wird S. unter anderem die Beihilfe an der Erschießung von sowjetischen Kriegsgefangenen, an der Ermordung von Häftlingen durch den Einsatz von Giftgas und an der Tötung "durch die Schaffung und Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen" zur Last gelegt.

S. saß im bunten Pullover und mit Brille neben seinem Verteidiger und beantwortete die Fragen des Vorsitzenden Richters zu seinen Personalien mit klarer Stimme. "Ich werde bald meinen 101. Geburtstag feiern, am 16. November", antwortete er auf die Frage nach seinem Alter. Zu den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen schwieg er jedoch. "Der Angeklagte wird sich nicht äußern", sagte sein Anwalt Stefan Waterkamp. Er wolle aber am Freitag Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen machen.

Für die Nebenkläger sei es "ein positives Zeichen", dass der Angeklagte erschienen ist, sagte Thomas Walther. Er zeigte sich zuversichtlich, dass sich S. bei einem der nächsten Verhandlungstermine vielleicht doch äußern werde. "Der Mensch ist nicht aus Stein, keine Maschine - wenn der einen guten Input kriegt, vielleicht wird er etwas sagen", sagte er.

Mehrere Prozesse gegen frühere KZ-Mitarbeiter

In Deutschland gab es zuletzt bereits mehrere Prozesse gegen frühere Mitglieder der Mannschaften von NS-Lagern. Zuletzt verurteilte das Landgericht in Hamburg vor etwas mehr als einem Jahr einen 93-jährigen früheren Stutthof-Wachmann wegen Beihilfe zum Mord in 5232 Fällen zu einer Jugendhaft von zwei Jahren auf Bewährung.

In der vergangenen Woche begann zudem vor dem Landgericht Itzehoe in Schleswig-Holstein der Prozess gegen eine frühere Sekretärin des KZ Stutthof. Zur Anklageverlesung kam es jedoch nicht, weil die 96-jährige Angeklagte flüchtig war. Sie wurde später aufgegriffen, der Prozess wird am 19. Oktober fortgesetzt.

(Mit Informationen von AFP: dac/awe/cfm)

Im Video: Eine Kindheit in Sachsenhausen

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