Propaganda zwischen Fun-Clips: Eine Million Videoaufrufe für Salafisten

Tobias Huch
Freier Journalist
Die Gruppierung “Die wahre Religion” ist in Deutschland inzwischen verboten (Bild: Getty Images)

Wie im Social-Media-Netzwerk Mediakraft versehentlich Werbung für das Umfeld von ISIS gemacht wurde.

Ein Bericht von Tobias Huch

Es war Samstag, als das Video auf dem, laut Impressum, zum Mediakraft-Netzwerk gehörenden Facebook-Kanal “Best Trend Videos” mit über 900.000 Followern hochgeladen wurde. Die Überschrift war reißerisch: “Muslime vs Deutsche Oma” – ein klickversprechender, sensationsheischender Titel, der seine Wirkung nicht verfehlte.

Zu sehen ist eine Seniorin, die aus ihrer kritischen Haltung zur Missionierung durch Korane verteilende Salafisten in deutschen Innenstädten keinen Hehl macht und dafür von den selbsternannten Islamvertretern hart angegangen wird. Bis Dienstag hatte das Video bereits über 500.000 Aufrufe. Der Plan ging auf: Es wurde geklickt, was das Zeug hält; sowas bringt Kohle. Zeitgleich wurde der Clip auch auf dem zugehörigen Instagram-Kanal mit 600.000 Followern gepostet; dort haben es ebenfalls gut eine halbe Millionen Menschen gesehen.

Durch LIES! zu ISIS

Was den meisten Zuschauern verborgen blieb: Bei den Urhebern des Videos handelt es sich keineswegs um harmlose Muslime, sondern um ISIS-nahe Salafisten der verbotenen Gruppe “LIES! – Die wahre Religion” des Hasspredigers Ibrahim Abou-Nagie. Laut Verfassungsschutz hatte jeder fünfte deutsche ISIS-Ausreiser zuvor Kontakt zu dieser gefährlichen Salafistenvereinigung. Deren Führer predigen keinen Frieden, sondern einen Islam voller Hass und Ausgrenzung. Für sie sind Toleranz, Liebe und Menschenrechte das ausgewiesene Feindbild.

Muslime sauer

Völlig zurecht empörten sich auch viele Muslime über das Video. So bekundete ein Muhammed K. auf Facebook seine Unterstützung für die Seniorin: “Diese Frau hat recht! Bin selber Moslem, aber diese Koranverteiler vom ISIS-Unterstützer Abu sind die radikalsten, schlimmsten Moslems, die es gibt.” Krenare N. kritisierte scharf das Verhalten einer Koranverteilerin, die mit ihrem aggressiven Auftreten der Seniorin gegenüber eine “Hauptrolle” in dem Clip spielt: “Die Frau mit dem Kopftuch widerspiegelt niemals den Islam.” Emely N. wurde sehr direkt: “Diese Terroristen von der LIES!-Sekte sollte man alle nach Syrien abschieben, direkt nach Raqqa. ….. eine Schande für die ganze muslimische Welt!”

Auf Facebook wurde der Clip Tausendfach geteilt, erntete aber auch viel Kritik aus der muslimischen Community (Bild: Screenshot)

Übernommen hatte der Kanal das Video von der etwas veralteten Youtube-Seite eines bekannten Salafisten-Kanals, auf welchem es seit längerem für Stimmungsmache und Hetzpropaganda gegen jegliche Nicht-Muslime genutzt wird. Es reiht sich dort in eine ganze Serie von Hassvideos bekannter Salafisten wie Pierre Vogel, Marcel Krass, Abu Dujana und Abu Abdullah ein. “Best Trend Videos” hatte den besagten Kanal auf Facebook verlinkt – und zwar so, dass man auf YouTube gleich aufgefordert wurde, die Salafisten zu abonnieren.

Die Frage, die sich hier stellte, lautet: Was, bitte, wollte das Social-Media-Netzwerk Mediakraft GmbH aus Köln mit diesem Videopost erreichen? Warum warb es für eine verbotene Vereinigung? Prüft dort niemand, welche Videos hochgeladen werden – oder war es gar Vorsatz, alle Muslime in einen Topf mit ISIS zu werfen? Und wer hatte die ältere Dame (abwertend kurzerhand zur “Oma” erklärt) überhaupt gefragt, ob sie sich im Internet wiederfinden will? Die Urheber- und Vervielfältigungsrechte an dem Video dürfte Mediakraft wohl kaum besitzen, von der eklatanten Verletzung des Rechts am eigenen Bild dieser Frau ganz abgesehen. Der ganze Vorgang war schlichtweg verantwortungslos!

Schock bei Mediakraft

Auf meine Anfrage für Yahoo Nachrichten reagierte Mediakraft merklich beunruhigt. Ein Pressesprecher, mit dem Fall konfrontiert, wollte zunächst gar nicht glauben, dass sich das besagte Video im Mediakraft-Netzwerk befindet, und versprach unverzügliche Aufklärung. Dieses Versprechen hielt er – und musste zu seinem Bedauern bestätigen, dass das fragliche Video tatsächlich über den zum Netzwerk gehörenden Facebook-Account “Best Trend Video” geteilt wurde. Er erklärte deutlich, dass Mediakraft sich von derartigen Inhalten scharf distanziere. Mediakraft nahm umgehend Kontakt mit seinem Netzwerkpartner auf und stellte diesen zur Rede. Das Ergebnis war die sofortige Löschung des Videos auf dem Facebook- und dem Instagram-Kanal des Unternehmens. Mediakraft bedankte sich ausdrücklich für die Recherche.

Auch auf Instagram wurde das Video mehrere Hunderttausend Mal abgerufen (Bild: Screenshot)

Insofern verlief die Sache glimpflich, Mediakraft reagierte schnell und angemessen. Trotzdem kann man nur spekulieren, wie viele Menschen den Salafisten durch diese dubiose Masche in die “Abofalle” gegangen sind. Bei zusammen über einer Million Videoaufrufen können durchaus ein paar junge Menschen diesen Rattenfängern auf den Leim gegangen sein. Jedenfalls besteht kein Zweifel, dass dem Mediakraft-Netzwerkpartner “Best Trend Videos” die notwendige Sensibilität für solche Propagandainhalte fehlte. Man kann nur hoffen, dass hier bessere Kontrollen implementiert werden.

Facebook reagiert nicht und verweigert Löschung

Doch auch Facebook trägt einen gehörigen Teil der Schuld. Mehrere Löschanträge gegen das Video wurden abgelehnt – mit der üblichen lapidaren Floskel, es verstoße “nicht gegen die Gemeinschaftsstandards”. Auf eine Anfrage bei der Facebook-Pressestelle vom Montag, warum das Hassvideo nicht gelöscht würde, reagierte die Pressestelle bezeichnenderweise überhaupt nicht – trotz anfänglicher Zusage, sich schnell zu melden. So etwas darf nicht passieren. All dies ist Wasser auf die Mühlen der Hassprediger, die einmal mehr darüber triumphieren konnten, wie leicht ihnen ihre Agitation gemacht wird.

Kritik durch Migrantenverbände

Der Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland, der älteste und größte Spitzenverband der Migrantenorganisationen, Ali Ertan Toprak, zeigt sich schockiert von diesem Vorfall und forderte Facebook auf, stärker gegen salafistische Propaganda vorzugehen. In einem Statement für Yahoo Nachrichten fasste er zusammen: “Es ist nicht länger hinnehmbar, dass die Feinde der freien Welt die sozialen Medien immer wieder so leicht für ihre mörderische Propaganda missbrauchen können, während viele Verteidiger unserer Freiheiten im Facebook ständig zum Schweigen gebracht werden.”

Vor dem Hintergrund, dass Facebook ansonsten oft sehr vorschnell Kritiker von Salafismus, Islamismus und Judenhass sperrt und deren Beiträge löscht, besteht hier eindeutiger Handlungsbedarf bei dem US-Konzern.