Was Promis an Deutschland verbessern würden

Prominente aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben der WirtschaftsWoche den wichtigsten Punkt verraten, den sie als Regierungschef Deutschlands umsetzen würden. Ein Streifzug durch ein schillerndes Programm.


Nun ist das mit diesem Wahlkampf ja so eine Sache. Langweilig soll er sein, unambitioniert, so arm an neuen Ideen, dass selbst ein Christian Lindner mit seiner Ein-Mann-aber-keine-Partei-Show zum angeblichen Popstar dieses laufenden politischen Ideenwettstreits hochgeschrieben wird.

So arm sogar, dass sich diese Woche mit Martin Schulz nicht nur einer der Hauptbeteiligten dieser angedachten Auseinandersetzung mit einem Appell für ein neues Fernsehduell an Kanzlerin Angela Merkel wandte, um Themen zu diskutieren, die die „Menschen wirklich bewegen.“ Sondern auch jemand, bei dessen intensiver Beobachtung bisher durchgegangen sein muss, dass er selbst diese Themen in der Öffentlichkeit mit Schwung vertritt.

Dabei ist es ja nicht so, als ob dieses Land nicht wirklich Themen hätte, die „die Menschen bewegen.“ Das Politikversagen bei der Integration und Perspektivsuche der Flüchtlinge, die Herausforderungen durch die Digitalisierung, die Ängste um soziale Absicherung in der Zukunft, das Auseinanderdriften der Wohlstandsschere, das Staatsversagen in der Bildungspolitik, das nicht Enden wollende Auseinanderdriften der Europäischen Union.


All das sind Themen, die bewegen, die den „Spiegel“ gerade erst zu einem Titel „Am Ende wird alles Wut“ greifen ließen. Themen, deren Debatte dieser Wahlkampf dienen könnte. Er tut es aber nicht. Beziehungsweise: Er tut es nicht dort, wo dies eigentlich geschehen sollte: auf der politischen Bühne.

Aber abseits der vorgestanzten Wahlkampfformate und Wahlkämpfer-Darsteller kristallisiert sich heraus, mit welchen Ideen Deutschland sein Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre fortschreiben könnte.

Die WirtschaftsWoche hat Prominente aus Wirtschaft und Gesellschaft für ihre Wahl-Sonderausgabe gebeten, ihren wichtigsten Wunsch zu skizzieren, sollten sie jemals Bundeskanzler werden sollen. Herausgekommen ist nicht nur eine bemerkenswert breite Koalition der wirtschaftlichen Vernunft – sondern ein recht zuverlässiger Seismograph, bei welchen Themen der Bevölkerungswille womöglich besonders deutlich ausschlagen würde, würde die Politik sie adressieren.

Kurz gefasst würde dieses von Prominenten regierte Deutschland sich vor allem für drei Dinge einsetzen: eine ernsthafte und optimistisch Reaktion auf die Herausforderungen der Digitalisierung; ein beherzter Einsatz für ein vereintes Europa auf Grundlage eines fairen Miteinanders zwischen Nord und Süd; und eine bessere Bildungspolitik.


Das fordern die Promis

Vor allem das Thema Digitalisierung ist offenbar geeignet, eine ganz große Koalition aus Wirtschaft und Gesellschaft zu formen.  „Ich würde Ängste abbauen“, sagt etwa die Telekom-Vorständin Claudia Nemat. „Wir müssen beispielsweise Menschen Angst vor Technologie nehmen, denn sie kann Gutes bewirken. Dafür ist es wichtig, dass man in der Schule Neugierde weckt. Etwa fürs Coden.“ Und Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger ergänzt: „Ich würde unsere Schulen um Digitalangebote ergänzen, um Zukunft auszuprobieren und zu gestalten.“

Selbst der Brückenschlag zwischen Dax-Vorstandschef, Gewerkschaftsführer und ordoliberalem Ökonom gelingt bei dem Thema: „Ich würde nicht nur Digitalisierung predigen sondern auch danach handeln“, sagt der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Achim Wambach.  „Ich würde in Breitband-Internet für alle investieren“, sagt Adidas-Chef Kapser Rorsted. Und Jörg Hofmann, Chef der IG Metall ergänzt: „Deutschland sollte die Chancen des digitalen Wandels nutzen, ohne die Sorgen der Beschäftigten zu ignorieren.“

Die Euphorie, dringend in Sachen Digitalisierung einen irgendwie empfundenen Rückstand aufholen zu müssen, ist so groß, dass es neben den ganzen eher etablierten Wirtschaftsköpfen gar eine Start-up-Gründern wie Outfittery-Chefin Julia Bösch braucht, um auch an die Risiken der „Digital First, Bedenken Second“-Strategie der FDP zu erinnern: „Ich würde“, sagt Bösch, „eine Datenethikkommission ins Leben rufen. Die klügsten Köpfe Europas sollen sich zusammensetzen und Leitlinien definieren, wie wir ethisch mit der zunehmenden Automatisierung in Arbeit und Leben umgehen.“




Einen ähnlich einenden Charakter wie das Thema Digitalisierung hat nur noch das Thema Europa in den Führungsetagen von Wirtschaft und Gesellschaft – und zwar mit durchaus anderem Tenor als in der Umfragemehrheit. So fordert HSBC-Deutschlandchefin Carola von Schmettow glasklar: „Ich würde einen Euro-Finanzminister samt Euro-Budget und klaren Regeln installieren.“ Und Roland Berger ergänzt: „Ich würde Europa wieder einigen, im Geist von Lissabon und Maastricht voll funktionsfähig machen und alle Europäer vom EU-Projekt überzeugen – auch emotional“.

Viele werden noch deutlich grundsätzlicher in einem neuen Anlauf für mehr Europa-Pathos. Allianz-Chef Oliver Bäte sagt: „Ich würde die junge Generation wieder für Europa begeistern und ein obligatorisches Schuljahr in einem anderen EU-Land einführen.“ Der Gewerkschaftsökonom Gustav Horn findet: „Ich würde mit Regierung wie Zivilgesellschaft eine demokratische und tragfähige europäische Architektur für den Euro-Raum schaffen.“ Und ist sich da erstaunlich einig mit der Chefin des Deutschen Aktieninstituts, Christine Bortenlänger, die sagt:  „Ich würde die EU27 stabilisieren, für Frieden, Freiheit und Wohlstand in EUropa!“

Oder der Deutsche Bank-Vorständin Sylvie Matherat, die fordert: „Ich würde Deutschland gemeinsam mit Frankreich die EU in eine neue Ära von Verantwortung und Zusammenarbeit führen lassen – und zwar mit mehr Europa, nicht weniger.“


Auch das Mega-Thema Bildung beschäftigt Wirtschaftsführer. Wenn auch nicht alle so von Eigennutz getrieben wie den Osram-Chef Olaf Berlien. Der Lampen-Boss fordert: „Ich würde die Beleuchtung hierzulande komplett auf LED umstellen. Die Hunderte Millionen Einsparungen dadurch wiederum stünden zur Verfügung für Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur.“

Auch das Wirtschaftspromi-Spektrum droht sich allerdings, wie das normale Parteienfeld, jenseits der breiten Aufstellung an der Spitze in mitunter sehr wichtige aber auch sehr sonderbare Kleinstinteressen zu verlieren. So fordert die Schauspielerin Iris Berben:  „Ich würde zur Unterstützung der lebendigen deutschen Filmkultur- und –wirtschaft aufrufen.“


Die Wahl-Sonderausgabe "49 Ideen für das nächste Wirtschaftswunder" erhalten Sie hier. Digitalpass-Nutzer können die Ausgabe kostenlos lesen.