Russlands Polizei nimmt prominenten Regisseur Serebrennikow fest

Regisseur Serebrennikow in Cannes

Einer der prominentesten Bühnenkünstler Russlands ist unter Betrugsverdacht festgenommen worden. Ankläger in Moskau beschuldigten den international bekannten Theater- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow am Dienstag formell der Unterschlagung von Fördergeldern in Höhe von umgerechnet knapp 980.000 Euro. Im kommenden Monat hätte der regierungskritische Künstler, der die Vorwürfe bestreitet, ein Engagement an der Stuttgarter Staatsoper antreten sollen.

Bei einer Verurteilung drohen Serebrennikow bis zu zehn Jahre Haft. Nach der formellen Beschuldigung muss nun ein Gericht darüber entscheiden, ob Serebrennikow in Untersuchungshaft genommen wird. Die Entscheidung könnte nach Informationen den Agentur Interfax am Mittwoch fallen.

Serebrennikow sah sich in Russland seit längerem in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt. Oppositionelle und Kulturschaffende werten das Vorgehen der Justiz gegen den 47-Jährigen als politisch motiviert.

Die Ermittlungen gegen Serebrennikow laufen seit Monaten, sein Pass wurde bereits konfisziert. Dennoch sei die Festnahme eine "absolute Überraschung", erklärte sein Anwalt Dmitri Charitonow. Der Zugriff sei bei Dreharbeiten in der Nähe von St. Petersburg erfolgt.

Bereits im Mai war Serebrennikow in dem angeblichen Betrugsfall verhört worden, seine Wohnung wurde durchsucht. Damals galt er noch als Zeuge, nicht als Verdächtiger. Der Sprecher von Präsident Wladimir Putin hatte damals beteuert, dass es in dem Fall "nicht um Politik geht". Russische Kunstschaffende, unter ihnen Bolschoi-Theaterdirektor Wladimir Urin, hatten öffentlich gegen den Umgang der Justiz mit Serebrennikow protestiert.

Kreml-Kritiker Alexej Nawalny bezeichnete die Festnahme am Dienstag als Einschüchterungsversuch vor der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Hier werde eine "neue rote Linie" gezogen: Künstler würden dazu verdammt, mit ihrer kreativen Arbeit die Regierung zu "verherrlichen", erklärte er. Der Schriftsteller Boris Akunin warf den Behörden stalinistische Methoden vor. Hinter Serebrennikows Festnahme vermutete er Präsident Wladimir Putin persönlich.

Vize-Kulturminister Alexander Schurawski verteidigte die Festnahme. "Wenn sie ihn festgenommen haben, dann bedeutet das, dass es eine gerichtliche Entscheidung gibt, die einen solchen Schritt erfordert", sagte er der Agentur Tass.

Als künstlerischer Direktor hat Serebrennikow das Moskauer Gogol-Theater in den letzten Jahren zu einer der renommiertesten Spielstätten für zeitgenössisches Theater gemacht. Er inszenierte auch am Bolschoi-Ballett. Seine provokanten Bühnenproduktionen erregten immer wieder Anstoß bei Vertretern der Regierung und der orthodoxen Kirche.

Die Vorwürfe gegen Serebrennikow rühren von seinem Bühnenprojekt "Plattform" her. Im Juni sagte der Regisseur, die Behörden würden ihm vorwerfen, Fördergelder für das Projekt angenommen zu haben, dann aber nicht inszeniert zu haben. Serebrennikow wies die Vorwürfe damals zurück, eines der Bühnenstücke sei mehr als hundert Mal zur Aufführung gekommen.

Zuletzt hatte Serebrennikow immer wieder über zunehmende Zensur und andere Drangsalierungen in seiner Heimat geklagt. In Russland "kehrt alles zu den albernsten sowjetischen Praktiken zurück", sagte er im vergangenen Jahr.

Im Juli hatte das Bolschoi-Theater drei Tage vor der Uraufführung sein mit Spannung erwartetes neues Ballettstück "Nurejew" abgesetzt. Die Theaterführung argumentierte, das Stück sei noch nicht ausgereift. Kritiker der Entscheidung vermuteten, die Absetzung habe damit zu tun, dass in dem Stück Homosexualität thematisiert werde - die Gesetze zur Verdrängung von Homosexualität aus dem öffentlichen Leben wurden in den vergangenen Jahren verschärft.

Im September hätte Serebrennikow an der Stuttgarter Oper "Hänsel und Gretel" inszenieren sollen. Der Stuttgarter Opernchef Jossi Wieler sagte kürzlich der "Süddeutschen Zeitung", er halte die Vorwürfe gegen Serebrennikow für politisch motivierte Einschüchterungsversuche.