Wer profitiert von der WM in Russland?

Die Welt ist im Fußballfieber, zumindest ein Teil von ihr. Das ist einigermaßen verständlich. Weniger verständlich sind Russlands Beweggründe, das Turnier auszurichten. Es kostet viel Geld – und der Nutzen ist fraglich.

Gestern begann die Fußball-Weltmeisterschaft in der Russischen Föderation mit dem Spiel der Gastgeber gegen Saudi-Arabien. Die nächsten Wochen werden vom Fußball gezeichnet sein. Zunächst sind es vermutlich die Exoten, die etwas Aufmerksamkeit erzielen werden, bevor dann ab dem Achtelfinale die Spannung und das Drama überwiegt. Laue Sommerabende auf vollen Fanmeilen, tolle Fußballspiele; das sind doch erfreuliche Aussichten.

Würde man zumindest denken. Vielen Fußballfreunden jedoch ist die gute Laune ein wenig verhagelt. Zu viele negative Schlagzeilen trüben die Vorfreude. Da ist zunächst der notorisch korrupte Fußball-Weltverband FIFA, der sich weder um Menschenrechtsverletzungen beim Stadionbau noch um andere Probleme bei den Gastgebern schert und die Spiele nur nach einem Kriterium vergibt: Wo gibt es das meiste Geld zu holen? Dieses Jahr ist es Russland, beim nächsten Mal Katar. Das Muster scheint – wie auch im Fall des Internationalen Olympischen Komitees – klar: Die Anforderungen der FIFA können zunehmend nur autokratisch geführte Länder erfüllen. Eine Ausnahme bilden wenigstens die gemeinsamen Ausrichter des Turniers 2026, Mexiko, die USA und Kanada. Hier wittert die FIFA wohl auch so genug Geld!

Da passt die Affäre um die Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland gut ins Bild, ebenso wie die unreife Reaktion des Deutschen Fußballbundes (DFB) auf das Treffen der beiden deutschen Nationalspieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Der Fußball blamiert sich traditionell im Umgang mit Autokraten und Diktatoren, man denke nur an die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien.


Ein überaus leidiges Thema bildet Doping. Die Beweise für das Staatsdoping in Russland scheinen erdrückend zu sein; dennoch wird das Thema sowohl in Russland (durchaus verständlich) als auch bei der FIFA (völlig unverständlich) ignoriert. Höhepunkt der Affäre – zumindest aus deutscher Sicht – war sicherlich die Verweigerung eines Einreisevisums nach Russland für den deutschen Fernsehjournalisten Hajo Seppelt, die inzwischen nach Protesten deutscher Politiker aller Parteien zurückgenommen wurde. Die FIFA hielt sich in bewährter Manier zurück; der DFB forderte immerhin die FIFA zu Handeln auf. Herr Seppelt reist trotzdem wegen Sicherheitsbedenken nicht nach Russland; das kann man ihm nicht verdenken.

Zu all diesen unangenehmen Begleitumständen kommt die Tatsache, dass diese WM mit etwa 13 bis 14 Milliarden US-Dollar Gesamtkosten das bisher teuerste Turnier der Geschichte sein wird. Allein rund vier Milliarden US-Dollar sollen in die Sportstätten geflossen sein, viel mehr als ursprünglich vorgesehen. Viele Untersuchungen zeigen, dass solche Investitionen in der Regel nicht nachhaltig sind. Wer Geld verlieren will, baut ein Stadion. Die hohen Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur von bis zu 7 Milliarden US-Dollar hingegen können sich langfristig sicherlich positiver auswirken. Südafrika gibt ein beredtes Zeugnis davon; die Flughäfen und der Gautrain sind ein echter Quantensprung, aber der Abriss einiger Stadien wird regelmäßig neu diskutiert.


Überhaupt kann man hoffen, dass es zumindest ein kurzfristiger Impuls durch die Weltmeisterschaft erzielt wird. Immerhin sollen über drei Millionen Tickets verkauft worden sein. Diese Besucher bescheren Russland in erheblichem Maße zusätzliche Umsätze. Aber auch hier muss man einige Erwartungen korrigieren: Wie vor acht Jahren in Südafrika sind die Hotelpreise nach Rekordhoch im Vorfeld der Weltmeisterschaft bereits wieder stark gefallen. Wer also Geduld hatte, kann nun recht günstig während der Weltmeisterschaft wohnen. Insgesamt aber sollte sich die WM für die russische Wirtschaft im laufenden Jahr vorteilhaft auswirken.

Ob allerdings – wie vielfach vermutet – die Weltmeisterschaft das Image Russlands in der Welt so massiv verbessert, dass der Tourismus einen dauerhaften Boom erlebt, ist recht unwahrscheinlich. Die drei letzten WM-Gastgeber (Deutschland 2006, Südafrika 2010, Brasilien 2014) konnten ihre Reputation sicherlich verbessern. Deswegen sind die Touristenströme aber nicht in die Höhe geschnellt. Selbst wenn sich also das Image der russischen Gastgeber steigert, was man für die Bevölkerung sicher, für die Nomenklatura eher nur bedingt annehmen kann, darf dies nicht zu übertriebenem Optimismus hinsichtlich zukünftiger Besucherströme verleiten. Machen die russischen Hooligans ihre Gewaltandrohungen ernst, kann es sogar einen enormen Imageschaden geben. Hinzu kommt, dass die Einkommenszuwächse durch die WM nicht notwendigerweise in breiten Kreisen ankommen dürften.

Fasst man zusammen, blättert bei der FIFA der Glanz ganz ordentlich (falls es jemals welchen gab!). Die Vorfreude hält sich nach den Ereignissen im Vorfeld des Turniers eher in Grenzen! So viel Desinteresse war selten.

Am Ende aber werden viele, nahezu alle Fußballfans ihre Vorbehalte vergessen und sich die Spiele ansehen; die Spannung wird steigen. Im Land des Siegers wird die Begeisterung riesig sein – aber ich wage einen Tipp: Es steht zu befürchten, dass weder Russland noch Deutschland das Turnier gewinnt; der Kolumnist setzt – wider besseres Wissen – auf England!