Profis spekulieren auf steigende Kurse, Privatanleger sind genervt


An der Börse herrscht derzeit eine widersprüchliche Lage: „Profis positionieren sich sowohl in Deutschland als auch in den USA für eine Rally, während Privatanleger offensichtlich ihre Nerven zu stark strapaziert haben und kleine Kursanstiege eher zum Verkauf nutzen“, fasst Börsenexperte Stephan Heibel die aktuelle Stimmung zusammen.

Die Fragen, die daraus resultieren: Ist es wirklich so, dass Profis mit diesen extremen Stresssituationen am Aktienmarkt besser umgehen können und somit eine möglicherweise folgende Rally zu ihrem Vorteil nutzen können? Oder liegen Privatanleger mit ihrer Skepsis richtig?

Um die künftige Entwicklung an den Aktienmärkten einzuschätzen, befragt das Handelsblatt wöchentlich mehr als 3000 Anleger. Aus den Antworten der Umfrage, Dax-Sentiment genannt, und der Auswertung weiterer Indikatoren gibt der Sentiment-Experte Heibel, gleichzeitig Inhaber des Analysehauses Animusx, Anlegern eine Orientierung bei ihrer Geldanlage.


Wie treffsicher seine Prognosen oft sind, lässt sich am Beispiel der vergangenen Woche erläutern. Am vergangenen Montag prophezeite der Animusx-Geschäftsführer nach Auswertung der Antworten steigende Kurse. Und das deutsche Börsenbarometer stieg um 1,2 Prozent und beendete mit 12.241 Punkten am vergangenen Freitag den Handel.

Und wie dürfte es an der Börse weitergehen? „Aus Sicht der Sentiment-Theorie können wir nicht ableiten, wann die aktuellen Aktienmarktturbulenzen enden werden“, meint Heibel. „Doch wir können ableiten, dass sich inzwischen viele Anleger gegen weitere Kursverluste abgesichert haben, andere wiederum in den zwischenzeitlichen Erholungsphasen Aktien verkauft.“

Der Umstand, dass Profis bereits wieder stark auf steigende Kurse spekulieren, könne zwar Anlass zur Sorge sein, sei aber vor dem Hintergrund der geringen Investitionsquote nicht sonderlich gefährlich. Denn wenn Anleger bereits investiert sind, fallen sie als Käufer aus: „Vielmehr würde ich die Käufe der Profis dahingehend werten, dass sie sich vorsichtig für steigende Kurse positionieren, ohne jedoch ein zu großes Engagement einzugehen“; sagt der Börsenexperte.

Seiner Meinung nach befindet sich die Börse weiterhin in der Phase der Bodenbildung. Und in einer solchen Phase sei es ratsam, Tage mit Kursgewinnen dazu zu nutzen, den Barbestand im Depot zu erhöhen, damit man beim nächsten Ausverkauf wieder etwas zukaufen könne.



Und mit diesem Vorgehen könne man solange abwarten, bis entschieden sei, in welche Richtung der Dax diese Marktphase verlassen wird. Als untere Begrenzung beim deutschen Leitindex bleibe die Marke von 11.800 Punkten wichtig.



Umfangreiche Liste von Anlegersorgen

Aktuell ist die Liste der Anlegersorgen groß: US-Präsident Donald Trump kenne keine Grenzen, wenn es um Verbalattacken gehe, mit denen er meint, sich in eine gute Verhandlungsposition zu bringen. „Da steht uns noch einiges bevor“, sagt Heibel. Zudem schwele der Handelsstreit zwischen den USA und China, niemand könne ausschließen, dass auch Europa davon erfasst wird.

Die USA haben seit Kurzem einen neuen Notenbankchef und an den Finanzmärkten schaue man nun aufmerksam zu, wie Jay Powell seine erste Aktienmarktkorrektur durchsteht. Derweil entzweie sich Europa über die Skripal-Affäre sowie auch über den Puigdemont-Fall. Hinsichtlich der Überschuldung Italiens gibt es zwar viele Meinungen aber keine Lösung.

Und US-Präsident Donald Trump scheint es inzwischen egal zu sein, wie die Aktienbörse läuft, denn mit seinen Tweets eröffnet er eine Baustelle nach der anderen. Zuletzt ging er Amazon direkt an, das Unternehmen habe unfaire Wettbewerbsvorteile.



So wechselhaft wie sich derzeit die Börsenkurse entwickeln, so schnell verändert sich derzeit auch die Stimmungslage der Anleger. Die Details der neuen Erhebung zeigen: Aktuell sehen 15 Prozent (plus neun Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) in der aktuellen Dax-Bewegung einen Aufwärtsimpuls. Mit 42 Prozent (plus acht Prozentpunkte) gehen die meisten von einer Seitwärtsbewegung aus.

Nur noch 23 Prozent (minus zwölf Prozentpunkte) glauben, dass der deutsche Leitindex weiterhin in einem Abwärtstrend gefangen ist, und 17 Prozent (minus sieben Prozentpunkte) gehen von einer Bodenbildung aus. Das Sentiment, die kurzfristige Stimmungslage, ist damit als neutral anzusehen.

Das Wochenplus der Frankfurter Benchmark haben 45 Prozent der Umfrageteilnehmer zum größten Teil so erwartet – gegenüber der Umfrage vor einer Woche ein Plus von zehn Prozentpunkten. Weitere acht Prozent (plus zwei Prozentpunkte) haben sogar darauf spekuliert.

Mit 35 Prozent (minus ein Prozentpunkt) sehen dennoch sehr viele Anleger weiterhin ihre Erwartungen als kaum erfüllt an. Doch nur noch zwölf Prozent (minus elf Prozentpunkte) wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Damit ist die Selbstzufriedenheit zwar weiterhin negativ, aber von der absoluten Verunsicherung der Vorwochen ist man nun weg.



Die Stimmung ist also neutral und die Selbstzufriedenheit kehrt langsam zurück. Parallel dazu verbleibt die Erwartung im leicht positiven Bereich. Mit unverändert 30 Prozent erwartet fast jeder Dritte für den Dax in drei Monaten steigende Kurse, unverändert 19 Prozent fürchten einen Abwärtsimpuls. Mit 34 Prozent (minus ein Prozentpunkt) gehen die Meisten jedoch weiterhin von einer Seitwärtsbewegung aus.



Extreme Angst in den USA

Nur noch 23 Prozent (minus drei Prozentpunkte) wollen in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, hingegen wollen unverändert 14 Prozent ihre Positionen verkleinern. Mit 63 Prozent (plus drei Prozentpunkte) stehen die Umfrageteilnehmer wieder stärker an die Seitenlinie und wollen erst einmal abwarten. „Obwohl also der Zukunftsoptimismus weiter angestiegen ist, geht die Kaufbereitschaft deutlich zurück“, meint Heibel.

Der Sentiment-Index der Stuttgarter Börse Euwax, an der in erster Linie Privatanleger handeln, zeigt eine deutlich vorsichtigere Positionierung an. Mit einem Wert von minus 2,86 werden derzeit mehr Absicherungsgeschäfte gegen fallende Kurse getätigt als bullishe Long-Käufe, Spekulationen auf steigende Kurse. Einen solchen Wert gab es zuletzt Ende Oktober des vergangenen Jahres.

Von Anfang November 2017 bis Anfang März dieses Jahres hatten die Privatanleger noch deutlich auf steigende Kurse gesetzt. Der Euwax-Indikator wird anhand von realen Trades mit Hebelprodukten auf den Dax berechnet.

Ganz anders verhalten sich derzeit die institutionellen Anleger, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern: Mit einem Wert von 1,0 werden deutlich weniger Put-Absicherungen eingegangen als im Durchschnitt der vergangenen zwölf Monate (1,4). Profis setzen also auf steigende Kurse.



Der auf technischen Marktdaten wie beispielsweise Volatilität oder relativer Stärke basierende „Angst- & -Gier-Index“ des US-Aktienmarkts zeigt mit einem Wert von neun Prozent weiterhin extreme Angst an. Das gilt laut Sentiment-Theorie als Kontraindikator und macht ein weiteres Abstürzen der Aktienkurse in den USA unwahrscheinlich.

„Typischerweise folgen extremer Angst steigende Kurse, doch der Zeithorizont ist natürlich dehnbar“, erläutert der Animusx-Inhaber. Schließlich notiert dieser Index bereits seit über einem Monat im Bereich der extremen Angst, und eine Rally sei noch nicht in Sicht.

Institutionelle US-Anleger haben ihre Investitionsquote um sechs Prozentpunkte auf 55 Prozent angehoben, ein kleiner Anstieg auf niedrigem Niveau. „Da dürfte noch eine Menge Kaufkraft an der Seitenlinie stehen, die traditionellerweise mit der US-Steuerrückzahlung im April/Mai aktiviert werden kann, sofern die Ungewissheit über den Handelsstreit mit China nicht zu groß ist“, meint Heibel. US-Privatanleger sind ganz wie ihre deutschen Pendants mit einer Bulle/Bär-Quote von minus 4,7 Prozent sehr skeptisch.



Hinter solchen Erhebungen wie dem Dax-Sentiment stehen – vereinfacht formuliert – zwei Annahmen: Wenn viele Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten.

Umgekehrt gilt: Wenn die Anleger pessimistisch sind, sind sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken. Für seine Prognose, wie sich der deutsche Leitindex in den kommenden Handelstagen entwickeln könnte, wertet Heibel zusätzlich weitere Indikatoren aus.


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