Professor Marston & The Wonder Women: Ein Film, der zur rechten Zeit kommt

Wenn Wonder Woman zu Asche wird… (Bild: Sony Pictures)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Es ist ein Bild, das sich einbrennt. Dieses Bild der lodernden Flammen, die das Konterfei von Wonder Woman verschlingen, bis die Comicseiten zu Asche werden. Und während die jubelnde Meute das Feuer mit weiteren Heften füttert, beobachtet ein Mann das Geschehen aus der Ferne. Es ist der Wonder Woman-Schöpfer William Moulton Marston, der hilflos mitansehen muss, wie seine einst gefeierte Heldin auf dem Scheiterhaufen der Ignoranz zu verbrennen droht.

So beginnt “Professor Marston & The Wonder Women”, ein Film von Angela Robinson, der nicht nur von der Entstehung einer feministischen Comic-Ikone erzählt, sondern auch von der unkonventionellen Dreiecksbeziehung zwischen dem “Wonder Woman”-Schöpfer, dessen Ehefrau Elizabeth und der jungen Assistentin Olive Byrne, die mit den beiden Akademikern in den 1920ern an der Entwicklung des Lügendetektors zu arbeiten beginnt und schließlich zur gleichberechtigten Liebespartnerin der Marstons wird.


Das auf wahren Begebenheiten beruhende Biopic, das momentan im Kino zu sehen ist, kommt zur rechten Zeit. Und das nicht nur, weil erst kürzlich ein anderer Film um die Superheldin, nämlich Patty Jenkins’ Comicverfilmung von “Wonder Woman”, zum kommerziell erfolgreichsten Werk avancierte, das jemals von einer Frau gedreht wurde. Sondern auch, weil es uns am Beispiel von Marstons Comic-Schöpfung die Flüchtigkeit einer mühsam errungenen Emanzipation vor Augen führt.

So erzählt Regisseurin Angela Robinson auch davon, wie sich Marston Ende der 40er vor der Child Study Association of America für die angeblich unmoralischen Aspekte seiner Comic-Schöpfung (unter anderem Sadomasochismus und Homosexualität) rechtfertigen muss. Die Szenen bilden den Rahmen der Erzählung und deuten an, was später folgen sollte: die Entmachtung von Wonder Woman, die in den Comics der folgenden Jahre zur superkraftlosen, ihren Freund anhimmelnden Klischeeheldin degradiert wurde, bis sie in den 70ern – unter anderem durch den Einfluss der berühmten Feministin Gloria Steinem – endlich wieder zur alten Form zurückkehren durfte.

Und heute?

Heute erlebt Wonder Woman einen enormen, weltweiten Popularitätsschub, wird auch jenseits der Comics als feministische Ikone wahrgenommen und gefeiert – während das allgegenwärtige Erstarken rechter politischer Strömungen eine Sehnsucht nach alten, vor-emanzipatorischen Zeiten heraufbeschwört und Frauenrechte in Frage stellt, die längst unverbrüchlich zu sein schienen. Erst kürzlich gab der Republikaner Scott Allen in einer Rede zu verstehen, dass Frauen nicht abtreiben sollten, weil sie damit – so seine perfide Logik – der Wirtschaft schaden würden. Nur eines von vielen Beispielen, die von einem gefährlichen, rückwärtsgewandten Klima zeugen, das nicht nur in Trumps Amerika zu vernehmen ist.


Obwohl Angela Robinson die Entstehung einer feministischen Ikone der Popkultur zelebriert, liegt dieses politische Klima auch in ihrem klugen Film in der Luft. Das anfängliche Bild der brennenden Wonder Woman ist nicht nur ein Sinnbild vergangener Kämpfe – sondern auch der derzeit drohenden.

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Im Video: Wonder Woman stellt ihre Kampfkünste unter Beweis – und muss sich einer interessanten Frage stellen