"Professor Marston & The Wonder Women": Eine "wahre" Geschichte

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"Professor Marston & The Wonder Women": Eine "wahre" Geschichte

"Eine wahre Geschichte" ist in Hollywood ein dehnbarer Begriff. Aus "Professor Marston & The Wonder Women" ist eine besonders gekünstelte Hintergrundgeschichte geworden, die dennoch - oder gerade deswegen - funktioniert.

Seit diesem Sommer kennen wir alle die Ursprungsgeschichte von Wonder Woman. Ihre Mutter formte sie aus Ton, Zeus erweckte sie zum Leben und nachdem Chris Pine sie von ihrer Amazoneninsel lockte, entpuppte sie sich als die Superheldin, die wir kennen. Doch wie Wonder Woman wirklich entstand, ist eine andere, weitaus interessantere Geschichte. Der Film "Professor Marston & The Wonder Women" erzählt nun eine verklärte, verzerrte Version davon - die trotzdem funktioniert.

Aus dem Hinterzimmer eines Sex-Shops...

Der Film beginnt im Jahr 1928, als Professor William Moulton Marston (Luke Evans) in Harvard Psychologie lehrt, während seine mindestens genauso akademisch versierte Frau Elizabeth (Rebecca Hall) als Frau vergeblich um einen Doktortitel kämpft. Als Marston die schöne und clevere Olive (Bella Heathcote) als wissenschaftliche Assistentin rekrutiert, verliebt nicht nur er sich in sie, sondern auch seine Frau. Sie beginnen eine Dreiecksbeziehung und gründen eine Patchwork-Familie, die selbst heute anecken würde und zu damaliger Zeit undenkbar war.

Die beiden Frauen in seinem Leben inspirierten Marston schließlich zu Wonder Woman. Ihre Stärke und Emotionalität schlägt sich ebenso in den Comics nieder wie private Fesselspielchen - dass Wonder Woman Männer mit ihrem Lasso knechtet, kommt nicht von ungefähr. Das Kostüm der Comic-Figur entsteht im Hinterzimmer eines Sex-Shops, und bald sind die erotischen Untertöne im Comic nicht mehr zu übersehen. Kein Wunder, dass Marston im prüden Amerika der 40er bald aneckt.

Eine "wahre" Geschichte, so künstlich wie eine Comic-Verfilmung

Das also ist die wahre Geschichte hinter der Comic-Figur. So behauptet es zumindest das Marketing des Films, und der Wahrheitsanspruch wird durch Fotos der echten Elizabeth, Olive und William im Abspann unterstrichen. Doch tatsächlich wurde die übliche erzählerische Freiheit, die sich Filmschaffende stets erlauben, hier auf die Spitze getrieben. Wie Marstons Enkelin Christie Marston in "The Hollywood Reporter" schrieb, hat Regisseurin Angela Robinson kein Mitglied der Familie kontaktiert, um Hintergrundinformationen einzuholen, sondern lediglich ihre eigene Sicht der Dinge geschildert.

Zwar entsprechen manche unglaublichere Details durchaus der Wahrheit: Marston hat tatsächlich einen Vorläufer des Lügendetektors erfunden, der als Vorbild für Wonder Womans Lasso der Wahrheit diente. Doch entscheidende Details sind schlicht erfunden. Die größte Diskrepanz: Eine sexuelle oder gar romantische Beziehung zwischen Olive und Elizabeth, die im Film mitunter Marston selbst zum Zaungast degradiert, hat es nie gegeben.

Nicht nur deswegen fühlt sich der Film oft künstlich an: Bildschöne Menschen in einer überlebensgroßen Liebesgeschichte über den Ursprung einer überlebensgroßen Heldin, mit großer Hingabe gespielt - vor allem Rebecca Hall wirkt Wunder als verkannte Denkerin, hinter deren Zynismus große Leidenschaft brodelt - und ansehnlich fotografiert, aber zu verklärt für ein funktionierendes Biopic. Erstaunlich, wie glattgebügelt selbst flotte Dreier und Bondage wirken können.

Doch passt der glatte "Professor Marston" besser ins herrschende Kino-Zeitalter der Superhelden als es ein nuancierteres Portrait getan hätte. Wer immer noch von jenem Kinobesuch dieses Sommers träumt, in dem Gal Gadot uns als hinreißende Halbgöttin das Herz aufgehen ließ, der wird sich auch über Olive begeistern, die im Hinterzimmer eines Sexshops mit Lasso und Tiara zu Wonder Womans Ebenbild wird. Wem Patty Jenkins' "All you need is love"-Finale nicht zu rührselig war, der wird auch dahinschmelzen, wenn Marston und Elizabeth mit vereinter Kraft um Olives Liebe kämpfen.

Nimmt man den Film als das, was er ist - eine Ergänzung des Wonder-Woman-Universums - ist er mitreißend genug und auch inspirierend. Denn so viel ist wahr: Eine der stärksten Frauenfiguren der Comic-Welt entstand in einer Welt, in der eine Frau nicht einmal die ihr zustehende Karriere verfolgen konnte. Wie wichtig es auch heute noch ist, dass Marston bei seiner Vision von ihr keine Kompromisse eingehen wollte, zeigt die enorme Ressonanz von jungen Mädchen und Frauen auf "Wonder Woman" in diesem Jahr.

Foto(s): Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH, Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH, Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH