Pro&Contra: Sollten Muslime auf die Straße gehen, um gegen Anschläge zu demonstrieren?

Was spricht dafür und was dagegen?

Der muslimische Fastenmonat Ramadan ist am Wochenende zu Ende gegangen. Die Terrormiliz Islamischer Staat hatte ihre Anhänger aufgefordert, in diesen vier Wochen Ungläubige anzugreifen. Es kam zu Anschlägen und Angriffen in Manchester, London, Brüssel, Paris. Das Entsetzen war weltweit groß. Selbstverständlich distanzierten sich auch die muslimischen Interessenvertreter und -verbände von den Gewalttaten.

Aber reichte das? Eine Gruppe liberaler Muslime, unter ihnen die bekannte Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, fand, das reichte nicht. Vor einer Woche organisierte sie in Köln und vergangenen Freitag in Berlin Demonstrationen unter dem Motto „Nicht in meinem Namen“. In Köln waren es 2000, in Berlin nicht mal 100 Teilnehmer. In der Hauptstadt gingen am gleichen Tag rund 500 zur anti-israelischen Al-Quds-Demo. Auch nicht viele, aber eben mehr. Kann die Mehrheitsgesellschaft von den Muslimen ein klareres öffentliches Bekenntnis gegen Terror erwarten? Was spricht dafür und was dagegen?

PRO: Eine Frage des Selbstbewusstseins

Mit 10.000 Teilnehmern hatten die Organisatoren des Kölner Friedensmarsches von Muslimen vergangene Woche in Köln gerechnet. Es kamen gerade mal 2000. Das darf man doch als Misserfolg bezeichnen, oder? Und wenn man die Gründe für diesen Misserfolg analysiert, muss man auch fragen dürfen, warum die meisten Muslime eben nicht gekommen sind, um gegen Terror und Mord im Namen ihrer Religion zu protestieren.

Stattdessen heißt es nun wieder, dass man die Muslime in Deutschland nicht in Rechtfertigungszwang bringen dürfe. Es gebe schließlich keine Protestpflicht in Deutschland. Die meisten Muslime lebten ja schließlich komplett gesetzestreu. Und man erwarte ja auch nicht von allen Männern, dass sie sich von Gewalt gegen Frauen distanzierten. Mal abgesehen davon, dass ich persönlich Letzteres eigentlich schon erwarte, geht diese Argumentation haarscharf am Punkt vorbei.

„Nicht in meinem Namen“

Es geht nicht darum, Muslime zu Protesten zwangszuverpflichten, sondern schlicht um die Frage, warum viele es für eine Stigmatisierung halten, gegen islamistischen Terror unter dem Titel „Nicht in meinem Namen“ zu demonstrieren. Mit dieser Begründung hat der Verband Ditib, der 20.000 türkischstämmige Muslime vertritt, seine Teilnahme abgesagt.

An dieser Stelle soll ein Zitat stehen, das Henrik M. Broder gerne in Talkshows anbringt. Wie vieles von Henrik M. Broder klingt es nicht sehr sympathisch, ist aber in diesem Fall leider wahr: Nicht alle Muslime sind Terroristen. Aber die Terroristen, deren Anschläge uns derzeit in Angst und Wut versetzten, morden alle im Namen des Islam. Ist es Stigmatisierung, wenn man davon ausgeht, dass viele Muslime gegen diese Stigmatisierung durch Terroristen demonstrieren wollen?

Kein unabhängiger Islam in Deutschland?

Die Demo in Köln hat ein interessantes Schlaglicht auf den organisierten Islam in Deutschland geworfen: Wenn Ditib absagt, bleiben (fast) alle zu Hause. Es gibt also keinen unabhängigen Islam in Deutschland oder er ist zahlenmäßig so gering, dass er nicht ins Gewicht fällt. Das bedeutet dann aber auch, dass die Deutungshoheit für den muslimischen Glauben in Deutschland in Wahrheit in der Türkei liegt.

Denn Ditib fühlt sich eindeutig dem türkischen Präsidenten Erdogan verpflichtet, der sein Land konsequent einem konservativem Islam unterwirft. Es wäre nun interessant zu wissen, ob viele Muslime vielleicht deshalb nicht zur Demo gegangen sind, weil sie sich nicht gegen den Ditib auflehnen wollten. Dann aber unterlägen sie einem Nicht-Protestierzwang, der ebenso verdammenswert wie ein Protestierzwang wäre.

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