Primera Division: Valladolid: Hort der Fußballromantik - noch

Real Valladolid ist einer der unscheinbarsten und familiärsten Erstligisten im spanischen Profifußball. Auch mit dem einstigen Weltklasse-Stürmer Ronaldo an vorderster Front bleibt der Verein ein Hort für Romantiker. Noch. Ein Erfahrungsbericht.

Real Valladolid ist einer der unscheinbarsten und familiärsten Erstligisten im spanischen Profifußball. Auch mit dem einstigen Weltklasse-Stürmer Ronaldo an vorderster Front bleibt der Verein ein Hort für Romantiker. Noch. Ein Erfahrungsbericht.

24. Januar 2020. Die Wolken hängen tief, der Wind saust übers Gras. Man muss kein Meteorologe sein, um an diesem tristen Freitagmorgen einen Regenschauer vorauszusagen. Trotzdem versammeln sich hier, am Trainingsgelände des spanischen Erstligisten Real Valladolid, an die 50 Fans, um die letzte Übungseinheit ihrer Mannschaft vor dem Heimspiel gegen Real Madrid zu verfolgen. Als Bürger von Kastilien-Leon, einer autonomen Region im Norden Spaniens, stört man sich nicht an britischen Wetterbedingungen. Man ist mit ihnen vertraut.

"Im Winter herrscht bei uns für spanische Verhältnisse eine extreme Kälte, aber das macht nichts. Ich bin immer beim Training, wenn ich kann", sagt Pedro, ein kleiner, kräftiger Mann, der sich in eine dicke Jacke eingepackt gegen eine verblichene Bande in den Vereinsfarben Weiß und Lila lehnt und eine Zigarette anzündet.

Pedro ist seit über 30 Jahren Mitglied im Verein, viele auf dem Gelände kennen ihn. Sogar Trainer Sergio Gonzalez und ein paar Spieler grüßen den "Socio" mit einem "Buenos dias" oder "Que tal", als sie den Rasen betreten. Pedro ruft jedem "Aupa Pucela" zu, das heißt so viel wie "Vorwärts Pucela". Woher der Begriff "Pucela" stammt, kann mir hier niemand genau erklären, auch Pedro nicht. So nennt man die Stadt und den Verein halt noch. Ein paar Bürger berichten mir während meines viertägigen Aufenthalts von mehreren Theorien, die bis ins 15. Jahrhundert zurückgehen und von denen mir eine skurriler als die andere erscheint.

Eine Legende etwa besagt: "Pucela" war in der kastilischen Sprache die Übersetzung für "Jungfrau", und weil sich ein paar Soldaten aus Valladolid während des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) ins französische Orleans aufmachten, um die Nationalheldin Jeanne d'Arc, auch "Jungfrau von Orleans" genannt, zu beschützen, taufte man sie "Pucelanos": die Jungfrauen.

Real Valladolid hat drei Trainingsplätze für elf Mannschaften

Wer heute über das Trainingsgelände von Real Valladolid schlendert, verbindet den Verein mit vielem, nur nicht mit Jungfräulichkeit. Eher stiefmütterlich kommt er daher, vor allem wenn man einen Blick auf den Haufen Bauschutt neben dem Kunstrasenplatz wirft. Der benachbarte Rasenplatz, auf dem die Profis ihrer Arbeit nachgehen, gleicht einem Geläuf der deutschen Regionalliga. Kein Wunder: Auf der "Ciudad Deportiva" befinden sich insgesamt nur drei Trainingsplätze, die auch noch täglich von der zweiten Mannschaft und neun weiteren Jugendmannschaften in Anspruch genommen werden. Zum Vergleich: Der Trainingskomplex von Spaniens Rekordmeister Real Madrid besteht aus zwölf Plätzen.

Ein Problem scheint der Raummangel für die "Pucelanos" aber nicht zu sein. Nicht einmal für die Profis. Die haben sichtlich Spaß, obwohl der allmählich einsetzende Regen das Training zusätzlich erschwert. Und hier verdienen dieser Tage keine unbekannten Kicker ihr Geld, sondern durchaus solche, die in ihrer Laufbahn schon weitaus modernere, dem spanischen Fußball angemessenere Arbeitsbedingungen vorfanden. Sandro Ramirez zum Beispiel. Ramirez entstammt der Jugendabteilung des FC Barcelona, aktuell ist er vom FC Everton an Valladolid verliehen. "Pucela ist ein besonderer Klub, anders als andere in Spanien", erklärt der Stürmer, als ich ihn und seinen Kollegen Enes Ünal nach dem Training zum Interview treffe. "Die Atmosphäre ist unheimlich familiär."

Das wird allein daran deutlich, dass Valladolid einer der wenigen Erstligisten in Spanien ist, die es ihren Anhängern ermöglichen, jede Trainingseinheit vom Anfang bis zum Ende zu verfolgen. Die Granden der Liga wie Real oder Barca trainieren hingegen maximal einmal pro Jahr öffentlich, meist am Dreikönigstag. "Sie verbarrikadieren sich und nehmen in Kauf, ihre Basis zu verlieren. Ich bin froh, dass uns hier noch Nähe zu den Spielern gewährt wird, sonst wäre ich wahrscheinlich gar nicht hier", meint Fan Pedro, der kurz ins kleine, mit weißen Klappstühlen doch recht spartanisch bestückte Vereinsheim direkt unter der einzigen Tribüne des Trainingsgeländes eingekehrt ist, um sich einen Espresso und ein Schinken-Käse-Sandwich zu bestellen.

Pucela: Zwischen Espresso im Plastikbecher und Rotwein

Pedro zahlt für das Mahl zwei Euro, der Espresso wird ihm in einem Plastikbecher serviert. Während er sich stärkt, sieht man Jugendspieler, die im mittlerweile strömenden Regen ihre Schuhe putzen. Null Schnickschnack. Null Luxus. Nur Fußball. In diesem Moment fühle ich mich endgültig an die Sonntage erinnert, die ich regelmäßig in der Kreisliga verbringe. Umso angenehmer, dass die Profis sich diesem Umfeld nathlos anpassen. "Man lebt sich schnell ein", sagt der türkische Nationalspieler Enes Ünal, immerhin einst bei Manchester City unter Vertrag. "Die Leute im Umfeld des Vereins sind offen und freundlich zueinander, ähnlich wie in meiner Heimat. Das macht vieles einfacher."

Zu dem Ambiente trägt auch die Stadt einen gewichtigen Teil bei. Einst die Hauptstadt von Kastilien, unterscheidet sich Valladolid heute kaum von anderen Städten im Norden des Landes: Sie wimmelt nur so von Kathedralen historischen Ausmaßes und pompösen Marktplätzen, und ja, sie bietet außerdem eine ausgiebige Tapas- und Barkultur, die Jung und Alt miteinander vereint. Wirklich besonders an all dem hier ist die Weinregion, die die 300.000-Einwohner-Metropole umgibt. Viele Geschäftsleute aus dem eineinhalb Autostunden entfernten Madrid kommen am Wochenende in die landwirtschaftlich geprägte Ribera del Duero, um sich verköstigen zu lassen. Auch aktive und ehemalige Fußballprofis, wie die Winzer voller Stolz berichten.

Der Rotwein etwa, den Real Madrids Kapitän Sergio Ramos im Juni 2019 bei seiner Hochzeit servieren ließ, stammt vom Weingut Emilio Moro, dem bekanntesten der Region. Die einstigen "Galacticos" Luis Figo und Roberto Carlos machen häufig Abstecher zum Sitz der Familie Moro. Und natürlich Ronaldo. Der aus Brasilien. Seit September 2018 Präsident und mit 51 Prozent Hauptanteilseigner von Real Valladolid.

Ronaldo: Mehr Botschafter als Präsident von Real Valladolid

Von ihm erfahre ich während meiner Reise übrigens wenig. Zuvor hat man mir zwar ein kurzes Treffen und die Chance auf ein Interview mit ihm in Aussicht gestellt, aber Ronaldo sagt kurzfristig ab. Eine Begründung dafür gibt es nicht. Auch, weil niemand die Begründung kennt. Die Mitarbeiter der Vereins-Pressestelle können mir nicht einmal verlässlich beantworten, ob Ronaldo überhaupt in Valladolid wohnt.

Angeblich bezieht der 43-Jährige mit seiner Lebensgefährtin Celina Locks ein kleines Domizil in der Stadt. Es heißt aber, er weile häufig in Madrid und reise hin und wieder auch in seine Geburtsstadt Rio de Janeiro, wo ein Großteil seiner Familie und seine vier Kinder Ronald, Maria Alice, Maria Sofia und Alexander leben. Wenn Ronaldo in Valladolid ist, dann meist, um Sponsorentermine wahrzunehmen oder Spiele der "Blanquivioletas" zu verfolgen. Oft verknüpft mit einem Besuch in der Ribera del Duero, da Ronaldo wenig überraschend auch als Aktionär bei verschiedenen Weingütern tätig ist. Dass er hin und wieder seinen alten Kumpel und Sturmpartner Julio Baptista treffen kann, den er als Trainer für die U19 gewann, ist ein netter Nebeneffekt. Im Grunde wirkt Ronaldo gar nicht wie ein Präsident. Er wirkt wie ein Botschafter.

In "Pucela" sind sie dennoch dankbar. Dankbar, dass er schon über 30 Millionen Euro in den Verein investiert hat, der wie die meisten kleineren in Spanien am finanziellen Tropf hängt. Dankbar, dass er das ambitionierte Ziel verfolgt, die Mannschaft Schritt für Schritt aus dem jährlichen Überlebenskampf in der Primera Division nach Europa zu führen. Dankbar, dass er Ronaldo ist. Weltfußballer, Weltmeister, Superstar. "O Fenomeno". Das Phänomen.

Sein Name zieht die Aufmerksamkeit einiger Touristen auf sich. Und einiger Spieler. Ohne Ronaldos Einfluss hätte der Verein wohl kaum einem Kaliber wie dem Ex-PSG-Profi Hatem Ben Arfa einen Wechsel nach Kastilien-Leon schmackhaft machen können. Auch Ünal gibt im Gespräch mit mir zu, er habe nicht zweimal überlegen müssen, als Valladolid Kontakt zu ihm aufnahm: Ronaldo habe ihn schon von Kindesbeinen an fasziniert.

Real Valladolid im Steckbrief

Vereinsname Real Valladolid Club de Futbol, S.A.D.
Spitznamen Pucela, Pucelanos, Blanquivioletas, Albivioletas
Gegründet am 20. Juni 1928
Stadion Estadio Jose Zorrilla
Kapazität 27.618 Zuschauerplätze
Präsident Ronaldo Luis Nazario de Lima
Trainer Sergio Gonzalez
LaLiga-Platzierung letzte Saison 16.
LaLiga-Platzierung aktuelle Saison 14

Der Glanz und die Extravaganz, die "R9" als Spieler versprühte, stecken bislang aber keineswegs in Valladolid. Weder sportlich, denn die Mannschaft kämpft in dieser Saison erneut um den Klassenerhalt, noch infrastrukturell. Dieser Eindruck bleibt auch haften, wenn man das Trainingsgelände verlässt und das angrenzende Estadio Municipal Jose Zorrilla erreicht. Die nach einem bekannten Poeten der Stadt benannte Spielstätte sieht von außen grau und moderig aus, eine bessere Kellertür dient als VIP-Eingang. 1997 wurden hier letztmals Renovierungsmaßnahmen vorgenommen.

"Und das ist der Palast von einem der besten Stürmer aller Zeiten?" Das geht mir durch den Kopf, während ich die lila Stahltür öffne und vier große Treppen hoch zur Haupttribüne steige, weil der einzige Aufzug besetzt ist. Dort oben angekommen stechen mir sofort die vielen lila Sitzschalen ins Auge. Sie lassen das Stadion auf einen Schlag um Längen schöner aussehen als angenommen. Auf der Gegentribüne steht in großen weißen Buchstaben "Pucela". Man könnte stattdessen auch "Hort der Fußballromantik" in den Sitzen verewigen. 27.618 Zuschauer passen hier hinein. Und an großen Abenden, versichert mir Fan Pedro, kann es auch ziemlich laut werden: "Zwar nicht so laut wie in Sevilla oder Bilbao, aber laut."

Ein Hort der Fußballromantik - noch

Er hat nicht zu viel versprochen. Zwei Tage später, am 26. Januar 2020, haben die Königlichen aus Madrid lange Probleme mit der hitzigen Atmosphäre und dem engen Spielfeld, bis Abwehrspieler Nacho nach Flanke von Toni Kroos den am Ende etwas glücklichen 1:0-Sieg für das Starensemble von Zinedine Zidane sichert. An diesem Abend bekomme ich auch erstmals Ronaldo zu Gesicht, allerdings erst eine Stunde nach dem Abpfiff. Trotz der Niederlage hat der Präsident gut lachen, als er sich durch die winzige, vor Kameras und Radioantennen nur so wimmelnde Mixed Zone kämpft. Das liegt wohl zum Großteil daran, dass Roberto Carlos, mittlerweile Botschafter und Jugendtrainer von Real Madrid, an seiner Seite ist und wie zu besten "Galactico"-Zeiten Witze reißt. Kurze Zeit später sind beide im Aufzug Richtung Präsidentenloge verschwunden. Womöglich auf einen Feierabendwein.

Ich hingegen schließe derweil die lile Stahltür hinter mir. Natürlich mit dem Ziel, eines Tages zurückzukehren. Ob das Zorrilla dann immer noch so aussieht wie jetzt? Eine gute Frage. Es gibt schon Pläne für einen Großumbau. Nicht nur das Stadion, sondern auch das Trainingsgelände soll erneuert und vergrößert werden. Der Verein sieht Berichten zufolge den Bau eines Hotels für Spieler und ein Einkaufszentrum auf dem Grundstück vor, außerdem soll eine neue Halle für die Basketball- und Handballmannschaften der Stadt Valladolid direkt neben dem Zorrilla entstehen. Auch vom Bau einer gigantischen Tiefgarage ist die Rede. Ideen, die schon eher Ronaldo-like klingen.

Schade eigentlich.

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