Premier League: Briten erobern die Premier League

Tief in der Premier-League-Saison befindet sich der FC Burnley überraschenderweise immer noch in der Phalanx der Top-Sechs-Klubs. Trainer Sean Dyche vertraut auf britische Spieler und eine britische Spielweise. Eine effiziente Mixtur, die bisher doppelt so viele Punkte wie Tore bescherte.

Tief in der Premier-League-Saison befindet sich der FC Burnley überraschenderweise immer noch in der Phalanx der Top-Sechs-Klubs. Trainer Sean Dyche vertraut auf britische Spieler und eine britische Spielweise. Eine effiziente Mixtur, die bisher doppelt so viele Punkte wie Tore bescherte.

Das Außergewöhnliche am so erstaunlichen FC Burnley ist ja eigentlich, dass es an diesem Fußballverein so rein gar nichts Außergewöhnliches gibt. Der FC Burnley ist ein britischer Fußballverein mit einem britischen Besitzer, einem britischen Trainer und hauptsächlich britischen Spielern.

Außergewöhnlich macht den FC Burnley erst, dass er trotz dieser Umstände in der britischen Premier League mitspielt. Mitspielt und mithält, sehr gut sogar. In dieser globalisierten Liga mit ihren arabischen und russischen Vereinsbesitzern, ihren spanischen und italienischen Trainern, ihren belgischen und brasilianischen Superstars ist Burnley nach 18 Spieltagen Sechster und somit sogar in der Phalanx der Top-Sechs-Klubs. Unerhört eigentlich, noch dazu so tief in der Saison. Zu einem Zeitpunkt also, in dem sich die Top-Sechs-Klubs in der Tabelle eigentlich nur noch miteinander beschäftigen wollten und nicht mehr mit so etwas wie einem FC Burnley.

Sie haben es nämlich mit einem Verein zu tun, der keiner Millionen-Metropole entstammt, sondern einer Kleinstadt von rund 70.000 Einwohnern. Der Hauptbahnhof ist hier kein Hauptbahnhof, sondern die Komposition aus zwei Gleisen und einem kleinen Häuschen neben einem Wald. Zu Fuß ist es weder weit ins Zentrum, noch zum Stadion Turf Moor, in dem Burnley seit 1883 spielt. Im Schnitt kommt ein Drittel der Stadtbevölkerung zu jedem Heimspiel, ligaweit ist diese Quote nirgendwo höher.

Ein Klub im Herzen der Stadt und des Besitzers

"Dass eine Stadt dieser Größe einen Premier-League-Verein hat, ist fantastisch und großartig für die ganze Region", sagt Trainer Sean Dyche. Ein enger Austausch zwischen Vereinsmitarbeitern und Fans ist ihm besonders wichtig, Dyche nennt es "The Burnley Way". Identifikation ist in Burnley alles und der Trainer lebt sie vor.

Als Dyche Ende Oktober sein fünfjähriges Amtsjubiläum feierte, erinnerte sich Klubbesitzer Mike Garlick im vereinseigenen Magazin zurück an sein erstes Treffen mit Dyche. Dieser habe damals erzählt, dass er unbedingt Brücken zwischen dem Klub und seinem Umfeld bauen wolle. "Das hat uns sofort gezeigt, dass wir es mit einer integren Person zu tun haben, der den Klub ins Herzen der Stadt verfrachten will", sagt Garlick, in dessen Herzen der Klub schon bei seiner Geburt verfrachtet wurde.

Garlicks Elternhaus befindet sich nur einige hundert Meter vom Stadion Turf Moor entfernt, als Jugendlicher reiste er genau wie alle anderen aktuellen Klubdirektoren regelmäßig zu Auswärtsspielen. Der FC Burnley wird geleitet von Menschen, die eine emotionale Bindung zum Verein haben. Er wird geleitet von Burnley-Fans.

Als sie 2012 im Mittelfeld der zweiten Liga einen neuen Trainer suchten, sollte dieser bestimmte Fähigkeiten mitbringen. "Wir wollten einen Siegertypen, der hungrig nach Herausforderungen, ehrgeizig, organisiert und talentiert ist", erinnert sich Garlick. "Sean hat alle diese Kriterien erfüllt." Lediglich eine mäßig erfolgreiche Zweitligasaison als Cheftrainer von Watford hatte Dyche hinter sich, ehe er den Trainerposten beim Ligakonkurrenten Burnley übernahm.

Generalsaniertes Trainingszentrum und kluge Transferpolitik

Aber eigentlich übernahm er viel mehr als nur einen Trainerposten: Dyche beschränkte sich von Beginn an nicht aufs Trainieren, Aufstellen und Pressekonferieren, er war und ist im Klub stets in alle Prozesse involviert und spricht gerne "vom großen Bild". Entscheidend hat er etwa die Generalsanierung des Trainingszentrums vorangetrieben, knapp 15 Millionen Euro investierte der Klub darin.

Durch eine kluge Transferpolitik hat Dyche gleichzeitig die finanzielle Stabilität des Klubs verbessert. In den Tiefen des Kaders von Manchester United fand er einst etwa den damals 21-jährigen Innenverteidiger Michael Keane. Dyche lieh ihn erst aus, kaufte ihn später für 2,6 Millionen Euro, machte ihn zum Nationalspieler und verkaufte ihn schließlich für mehr als das Zehnfache an den FC Everton. Im englischen Nationalteam spielt Keane nun unter anderem mit einem anderen Ex-Burnley-Spieler, Tottenhams Kieran Trippier.

Trippier war ein Schlüsselspieler in Dyches erstem Aufstiegsteam, das in der Saison 2014/15 jedoch direkt wieder abstieg. Am unerschütterlichen Vertrauen der Klubdirektoren in Dyches Arbeit änderte dieser Rückschlag nichts und das wurde belohnt: Burnley kehrte umgehend in die Premier League zurück, hielt dort erstmals seit über 40 Jahren die Klasse und durchlebt unter Dyche aktuell die erfolgreichste Phase seit Jahrzehnten.

Das Bild von Burnleys Fußball

Am Tag von Dyches fünfjährigem Amtsjubiläum traf Burnley auf Newcastle United. "Wir können nicht jede Woche fantastisch spielen, sondern müssen für unsere Siege kämpfen", sagte er nach dem 1:0-Sieg. Der Guardian formulierte es so: "Was die in der oberen Tabellenhälfte zu suchen haben, ist ein Mysterium." Burnley hat gegen Newcastle nämlich nicht sonderlich gut gespielt, aber immerhin kein Tor bekommen. Und dann halt irgendwie selbst eines geschossen: 1:0. Sechs seiner neun Siege holte Burnley mit diesem knappsten aller Ergebnisse. Insgesamt brauchte Burnley nur 16 Treffer, um 32 Punkte anzuhäufen.

Diese mysteriöse Effizienz beruht auf Dyches exaktem Wissen, was sein Team kann und was nicht. Der Kader umfasst nämlich nicht die gewandtesten Techniker, im Schnitt hat Burnley nur 42 Prozent Ballbesitz (am drittwenigsten aller PL-Teams). Er umfasst auch nicht die präzisesten Passspieler, im Schnitt kommen nur 71 Prozent der Zuspiele an (PL-Tiefstwert). Und schon gar nicht umfasst er die gefährlichsten Torjäger: Burnleys bester, Chris Wood, traf bisher viermal (geteilter 27. Platz der PL-Torschützenliste).

Was Burnley dagegen ganz hervorragend kann, ist das Verteidigen (in der PL gemeinsam mit den beiden Klubs aus Manchester die wenigsten Gegentore) und das schnelle Kontern mit dem Stilelement des weiten Passes (die meisten der PL). Die Kombination dieser Statistiken ergibt Tabellenplatz sechs und malt gleichzeitig ein Bild von Burnleys Fußball.

Lieber Briten als Ausländer

Wer an diesem Bild mitmalen darf, der muss zuerst Dyches speziellen "Eignungstest" bestehen, so erzählte es Klub-Biograph Tim Quelch gegenüber GoalUK. "Bei ausländischen Spielern ist das schwieriger, weil man weniger über sie weiß", sagt Quelch, "außerdem ist es ungewiss wie gut sie sich mit ihren Familien einleben." Im Zweifel entscheidet sich Dyche deshalb für Briten, denn eine intensive teaminterne Kommunikation ist ihm wichtig.

In dieser Saison kamen bisher lediglich zwei Spieler zum Einsatz, deren Muttersprache nicht Englisch ist. Der Isländer Johann Berg Gudmundsson, der schon seit 2014 in England spielt, und der Belgier Steven Defour, der immerhin "Steven" mit Vornamen heißt. In Dyches 4-2-3-1 sind sie Stammspieler und am aktuellen Erfolgslauf entscheidend beteiligt.

"Ich genieße es", sagt Dyche, wenn er über seine Mannschaft, die Saison oder seine Position spricht - und auch, wenn er Burnleys Fans beruhigen will. Denn die haben Angst, dass Dyche bald nicht mehr ihr Trainer sein wird. Durchaus berechtigte Angst, denn mal wird Dyche mit dem Trainerposten bei Everton in Verbindung gebracht, dann mit dem bei Leicester, dem der englischen Nationalmannschaft und schon wieder mit dem bei Everton.

Viel Steigerungspotenzial gibt es mit dem FC Burnley für Dyche jedenfalls nicht mehr, Meistertitel - wie sie der Klub 1921 und 1960 gewonnen hat - sind in dieser globalisierten Premier League kaum möglich. Für einen von Grund auf britischen Klub wie den FC Burnley ist es schon erstaunlich genug, dass er überhaupt mitspielt und mithält.

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