Wieso 5 € für ein T-Shirt einfach zu wenig sind & wir endlich einsehen sollten, dass Kleidung ihren Preis hat

Lisa Trautmann

Hand auf's Herz: Wir alle haben schon mal Kleidungsstücke gekauft, die so absurd günstig waren, dass wir an der Kasse genau wussten, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Schlechtes Gewissen, hallo! 5 Euro für ein Shirt? Faire Produktion kann man hier sicherlich nicht erwarten. Und das ist eigentlich scheiße.

Dieser Artikel ist keine wissenschaftliche Abhandlung darüber, wie genau sich der Verkaufspreis eures kürzlichen erworbenen T-Shirts zusammensetzt. Das würde erstens den Rahmen hier sprengen und zweitens ist mir klar, dass ein Online-Artikel dieser Problematik nicht gerecht werden kann. Studien und Initiativen zum Thema gibt es genug, das Problem ist einfach, dass man ihnen im Alltag nicht häufig über den Weg läuft oder gerne mal ein bis zwei Augen zudrückt.

Niemals würde ich den ersten Konsum-Stein schmeissen, denn auch ich kaufe nicht ausschließlich bei 100 Prozent fairen Biolabels, die in Deutschland, respektive Europa unter guten Bedingungen zu angemessen Löhnen und umweltschonend produzieren. Doch ich beschäfte mich mehr und mehr mit diesem Thema und versuche, hier entsprechend mehr Verantwortung zu übernehmen. Dieser Artikel soll aus diesem Grunde eine Art Wegweiser und Mutmacher sein, die dringendsten und größten Fragen beantworten und nicht als vorwurfsvoller Zeigefinger verstanden werden. Denn wer etwas vorgeworfen bekommt, zumal von jemandem, der es nicht komplett besser macht, reagiert naturgemäß mit Trotz. Ich wünsche mir, dass alle, die diesen Artikel fertig gelesen haben, ein wenig nachdenken und klein damit anfangen, ihren Konsum zu überdenken und vielleicht irgendwann komplett umzukrempeln. Veränderung kann nie von heute auf morgen passieren und jeder kleine Schritt tut seinen Anteil für das große Ganze. Woraus setzt sich also der Preis eurer Kleidung zusammen? Folgende Posten verstecken sich im UVP eures Kleidungsstücks (nach Größe absteigend aufgelistet):

1. Gewinnertrag des Einzelhandels

2. Mehrwertsteuer

3. Zwischenhändler

4. Transportkosten und Zölle

5. Werbungskosten

6. Material

7. Gewinnertrag der Fabrik

8. Lohnkosten für die Näherin / den Näher

Ein ganz schöner Rattenschwanz, oder? Auch bei großen Produktionsmengen wird schnell klar, dass ein vier Euro Teil diese Kosten niemals abdecken und dabei ein faires Gehalt und Umweltschutz garantieren kann. Fast Fashion ist das Zauberwort. Wir stolpern gefühlt täglich über neue Trends. Gab es damals vier Kollektionen im Jahr, werden wir heute nonstop mit neuer Ware konfrontiert und Dank Onlineshopping müssen wir zum Einkaufen nicht mal mehr das Haus verlassen. Welche Highstreet Marke bedenkenlos geshoppt werden kann, ist gar nicht so leicht herauszufinden. Denn auch, wer seine Produktionsstätten und Vertriebswege offenlegt, kann bei Kontrollen mächtig schummeln.

Ein wenig Übersicht, was das Siegel-Chaos angeht, bietet Femnet e.V. auf seiner Seite. Auch bei der Bundesinitiative Vero-Selvie kann man sich informieren. Wichtig ist, Fair Trade und Bio zu unterscheiden, das wird nämlich gerne in einen Topf geworfen. Bio-Kleidung wurde aus ökologisch einwandfreien Rohstoffen gefertigt. Dass das unter fairen Arbeitsbedinungen geschehen ist, ist nicht selbstverständlich. Hinzu kommt, dass auch große Ketten wie H&M oder Mango, die ihre Produktionsstätten offenlegen, mit immer neuer Ware den Konsumwahnsinn anfeuern. Sind fünf teurere, etwas fairer produzierte Kleider wirklich besser? Vor allem, wenn sie dermaßen modisch sind, dass sie uns nach drei Monaten eventuell nicht mehr gefallen?

Es gibt einfach ein Zuiel an Ware und der ultimative Schritt in eine bessere Richtung lautet: Den Konsum mäßigen. Dies ist der Schritt, an dem ich mich gerade befinde. Ich reiße mich (zugegebenermaßen sehr arg) zusammen und kaufe einfach weniger. Da sind dann auch mal H&M oder Mango dabei, aber statt sechs neuer Teile sind es im Monat nunmehr drei. Ich reflektiere Trends und widerstehe. Brauche ich diesen Rock wirklich, oder denke ich das gerade nur und in Wirklichkeit ödet er mich nach zwei Mal tragen an? Das viel propagierte Sparen für zeitlose Schätze via Luxus-Second-Hand Plattformen wie Vestiaire Collective ist übrigens auch eine sehr feine Sache! Hier sollte man natürlich wissen, was man eigentlich will und das wissen sicher viele nicht so recht.

Lasst uns doch damit anfangen, unseren Kleiderschrank mit nachhaltigen Basics aufzustocken, an denen wir auch lange Freude haben werden. Schlichte T-Shirts mit dem ruhigen Gewissen obendrauf gibt es schon ab zehn Euro, zum Beispiel im Avocado Store. Modische und faire Mode ist nicht unbezahlbar, wie die Berliner Marke HundHund oder das süddeutsche Label Lovjoi beweisen. Behaltet also die Preiszusammensetzung im Hinterkopf beim Shoppen, hinterfragt fünf Mal, ob ihr dieses Teil wirklich unbedingt und ohne Zweifel haben müsst und investiert in faire Evergreens anstatt in günstige Teile, die nach zwei Waschmaschinengängen ohnehin aussehen wie Lump. Ich bin auch noch nicht dort angekommen, aber ich bin auf dem Weg und gebe einfach mein bestes.

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