Prachtvolle Peinlichkeiten

Andreas Fischer
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Prachtvolle Peinlichkeiten

Tagsüber wie von einem Magazin-Cover entsprungen, greift "The Marvelous Mrs. Maisel"das prüde Amerika auch in der dritten Staffel der Amazon-Serie mit spitzer Zunge und umwerfendem Lächeln an.

Lange wartet "The Marvelous Mrs. Maisel" nicht, bis sie in der dritten Staffel aus allen Rohren feuert: Sexismus und Chauvinismus im Showbiz spielen immer noch eine Rolle, aber es geht jetzt um viel mehr. Der Existenzialismus erschüttert ab 6. Dezember bei Amazon Prime die perfekte Welt, in der sich Midge Maisel (Rachel Brosnahan) von ihrem Kampf gegen das Patriarchat immer so schön erholen konnte: Zu wenig Freiheit, zu viel Konsum - das kann so nicht weitergehen.

In die Hand zu beißen, die sie füttert - davor hat sich Midge Maisel zwei Staffeln lang erfolgreich gedrückt. Tagsüber ist sie das perfekt gekleidete Kind ihrer Zeit, genießt das reiche, unbeschwerte Leben in der patriarchalisch geprägten New Yorker Upper Class, nachts arbeitet sie als eine der ersten weiblichen Stand-up Comedians mit Verve an ihrer Flucht aus Manhattan. Diesen Widerspruch zeigt "The Marvelous Mrs. Maisel" weiterhin mit prachtvollen Peinlichkeiten, in der dritten Staffel aber ist nicht mehr nur die überkandidelte Knalltüte und völlig durch den Wind.

Auch die Zeiten sind es. Die Sixties sind frisch angebrochen, und was Midge einst lostrat, kommt nun mit voller Wucht zurück. Ihre Familie zerfällt zu einem Trümmerhaufen: Sie muss ihr Appartement räumen, dieser Palast an der Upper East Side, in dem man sich als Zuschauer immer so schön verlaufen konnte. Papa Abe (Tony Shalhoub) holt sich ein Dutzend junger Beatnik-Revoluzzer ins Haus, die in einer beiläufigen Preziose die Strukturen des Kapitalismus, den sie stürzen wollen, zementieren.

Es gibt eine Menge äußere Veränderungen zu bestaunen , die aber nur passieren, weil sich die Menschen verändern: Wenn Rose (Marin Hinkle), Midges stets distinguierte Mutter, bei einem Heimatbesuch in Westernstiefeln durch die Prärie hinter ihrer Familienranch stapft, ist das mehr als ein witziges Bild. Es ist ein Symbol dafür, dass nichts auf Ewigkeit so bleiben kann, wie es ist. Rose krempelt die Ärmel hoch und haut dann doch endlich mal so richtig auf den Tisch.

Unabhängig, frei - und pleite

Dass sich "The Marvelous Mrs. Maisel" nicht ausschließlich um Midge dreht, war immer schon das Schöne an Amazons Extravaganz. Sie ist das umwerfend komische, ziemliche narzisstische, perfekt geschminkte Gesicht Aushängeschild, klar. Aber mehr noch ist sie ein Katalysator, für das, was in ihrem Umfeld passiert. In den zehn Episoden der dritten Staffel haben ihre Entscheidungen nun unabwendbare Konsequenzen für ihre Mitmenschen. Schließlich leben auch andere Frauen in der gleichen Zeit wie sie.

Sophie Lennon (Jane Lynch) etwa - diese alte Schachtel von Komikerin. Als Relikt aus alten Zeiten musste sie schon aus Prinzip zu Midges Erzfeindin werden. Dass sich Sophie nun auch aus ihrem Rollenkorsett, in ihrem Fall ein Fatsuit, befreien will, ist die logische Konsequenz einer Entwicklung, die Midge bei ihrem ersten besoffenen Auftritt in einem verrauchten Kellerclub angestoßen hat.

Frauen können mehr als die Rollen ausfüllen, die ihnen von Männern zugedacht werden - Sophie will August Strindbergs "Fräulein Julie" spielen - natürlich. Um sich in der Welt durchsetzen zu können, muss Frau in den Sixties nicht mehr wie ein Mann denken und handeln. Die Machtverhältnisse verschieben sich, die Zeit ist im Wandel und die Gesellschaft in Aufruhr.

Mrs. Maisel erlebt das alles nicht nur in New York. Sie ist mit dem Soulstar Shy Baldwin (Leroy McClain) auf Tournee, begleitet natürlich von ihrer patenten Managerin Susie Myerson (Alex Borstein), während ihr Ex Joel (Michael Zegen), mit dessen komödiantischen und menschlichem Unvermögen, die ganze Sache einst begann, neue Wege beschreitet. Die Veränderungen machen vor niemandem halt. Und schuld daran ist Midge. Das stellt jedenfalls ihre Mutter fest: Bevor ihre Tochter beschloss, witzig zu sein, habe sie ein gutes Leben gehabt, schleudert sie ihr entgegen. "Jetzt bin ich unabhängig und frei - und pleite."