Vom Prügelknaben zum Wachstumskönig

Osteuropäische Banken erleben einen Aufschwung. Die Branche profitiert vom starken Wirtschaftswachstum in der Region. Und selbst die Gesetzgeber in Polen und Ungarn zeigen sich in ihren Regulierungen sanfter als zuletzt.


Banken in Osteuropa hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Kreditkosten nahe Null, harte regulatorische Einschränkungen und Belastungen durch Fremdwährungshypotheken machten ihnen zu schaffen. Doch nachdem sie diese toxische Mischung überlebten, profitieren sie nun von einem Wirtschaftswachstum, das in den meisten östlichen Staaten der EU so stark ist wie seit Jahren nicht mehr.

Der Nettogewinn der polnischen Banken stieg in den ersten neun Monaten dieses Jahres zum Beispiel zusammen um acht Prozent, ohne Berücksichtigung des Verkaufs ihrer Anteile an Visa Europe im vergangenen Jahr. Die größte ungarische Bank OTP steigerte ihren Gewinn in dem Zeitraum immerhin um ein Fünftel. Polens Bank Pekao SA und PKO Bank Polski SA haben ihren Aktionären höhere Gewinne signalisiert. Die Wettbewerber in Rumänien profitieren von einem zweistelligen Wirtschaftswachstum.

Sogar die Politiker haben überwiegend aufgehört, die Kreditinstitute als ihren Prügelknaben zu benutzen. Töchter von der Erste Group Bank AG und Société Générale SA erhielten Rückenwind von der frühen geldpolitischen Straffung in der Tschechischen Republik. Und selbst Ungarn, das mit der höchsten Bankensteuer Europas experimentierte, hat einen Waffenstillstand mit der Branche ausgerufen.


Den Banken kommt das starke Wirtschaftswachstum in der Region zugute. Rumänien lieferte mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal um 8,8 Prozent die größte Überraschung, doch auch die Wachstumsraten in Polen und Tschechien fielen mit etwa fünf Prozent sehr hoch aus. Zum Vergleich: der Durchschnitt im Euroraum betrug 2,5 Prozent. „Solider Konsum, Lohnwachstum und eine vorsichtige Straffung der Geldpolitik in Ländern wie der Tschechischen Republik, Rumänien und Polen gehören zu den wichtigsten Trends, die stark stützend sein sollten“, sagte der leitende Volkswirt der Fixed Income und Analyse bei Raiffeisen, Gunter Deuber.

Ein weiterer Segen für die Branche ist, dass viele Politiker die Banken nicht mehr als Geldhahn für ihre Wahlversprechen betrachten. Ungarn hat seine Bankenabgabe verringert und die kostspielige Aufarbeitung der Fremdwährungshypotheken abgeschlossen. Polens Abgeordnete haben ein Gesetz zur Umwandlung von Krediten auf Eis gelegt, das einige Banken in die roten Zahlen gestürzt hätte. Stattdessen setzen sie den Fokus auf eine weniger teure Regulierung, um Kreditnehmern nur in besonders schlimmen Schwierigkeiten zu helfen.

„Es gibt viele Gründe, optimistisch zu sein“, sagte Brunon Bartkiewicz, Chief Executive Officer von ING Bank Slaski in Warschau, nachdem die Bank einen Gewinnsprung für das dritte Quartal berichtete. „Wir sehen langsam eine Erholung bei den Investments“, sagt er. Die Wirtschaft sei stark und gesund. „Die Regulierung erscheint weicher als wir dachten.“


Welche regulatorischen Risiken weiter drohen


Die zunehmende Attraktivität der osteuropäischen Finanzbranche lockt Investoren an und treibt die Bewertungen hoch. Die Aktien in der ganzen Region notieren auf einem Mehrjahreshochs. Das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) der polnischen Banken ist in diesem Monat mit 1,44 auf den höchsten Stand seit zwei Jahren gestiegen, verglichen mit einem KBV von 1,0 Anfang vergangenen Jahres. Bei den westeuropäischen Wettbewerbern liegt diese Kennzahl unter eins.

Die verbesserten Fundamentaldaten ermutigen die Führungskräfte auch zu Übernahmen. Die ungarische OTP will ihre jüngste Einkaufstour fortsetzen. Sie reitet damit auf einer Konsolidierungswelle, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Die Raiffeisen Bank International AG will wieder den Versuch starten, einen Mehrheitsanteil an ihrer Tochter in Polen zu verkaufen. Mindestens ein potenzieller Käufer signalisierte Interesse.

Natürlich sind die regulatorischen Risiken für die Banken damit nicht komplett vom Tisch. Vor allem nicht in Polen. Die Aufsicht in Warschau erwägt, zusätzliche Kapitalvorschriften für Banken mit Engagement in Fremdwährungshypotheken zu machen. Außerdem will das Parlament über einen Gesetzesentwurf zu Hilfen für Kreditnehmer beraten. „Offensichtlich gibt es noch immer regulatorische Risiken, sie scheinen aber überschaubar zu sein“, sagte Cezary Stypulkowski, CEO der MBank SA optimistisch. „Polens Wirtschaftswachstum wird durch starken Konsum begünstigt, ebenso wie durch eine Erholung bei den Investitionen.“ Zusammen mit der Aussicht auf höhere Leitzinsen wird so aus seiner Sicht ein perfektes Umfeld für Kreditinstitute geschaffen. Stypulkowskis Bank, die viertgrößte in Polen, hat eines der größten Portfolios an nicht in Zloty denominierten Krediten. Die Tochter der deutschen Commerzbank AG wäre somit eine der Banken, die von staatliche Auflagen im Umgang mit diesen Fremdwährungsdarlehen am stärksten betroffen wäre.


Das führt zu Missmut an der Börse: Bei einer Umfrage unter 16 Analysten rät nur einer zum Kauf der MBank-Aktie. Stattdessen sprechen zwölf eine Verkaufsempfehlung aus. Bei PKO, die ebenfalls einen hohen Anteil an Fremdwährungskrediten hat, sieht das Muster sehr ähnlich aus. Komplett umgekehrt ist das Verhältnis bei den Analystenurteilen für Pekao, die weniger dieser riskanten Hypothekenarten hält. Dennoch: MBank will die Eigenkapitalrendite in drei Jahren von etwa acht Prozent auf zehn Prozent steigern.

Das verbesserte Umfeld trug dazu bei, die Gewinne der Banken in der Region mit einer bemerkenswerten Beständigkeit anzukurbeln. Polens PKO, Ungarns OTP sowie Komercni Banka AS aus der Tschechischen Republik haben im jüngsten Quartal allesamt die höchsten Schätzungen der befragten Analysten übertroffen. Nachdem sie rekordniedrige Zinsen verkraften mussten, die ihre Margen aushöhlten, bereiten sich die Banken nun auf geldpolitische Straffungen vor. Zinserhöhungen „könnten helfen, das langanhaltende Leid einiger Kreditinstitute zu beenden“, sagte Tomasz Noetzel, Analyst für osteuropäische Banken bei Bloomberg Intelligence.