Der Beinamputation entkommen - und jetzt durchgestartet

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Der Beinamputation entkommen - und jetzt durchgestartet
Der Beinamputation entkommen - und jetzt durchgestartet

Luke Shaw ist ein gebranntes Kind. Der 25 Jahre alte Linksverteidiger wurde in der Vergangenheit häufig zurückgeworfen – durch eine schwere Verletzung, durch einen Ex-Trainer, der ihn öffentlich zum Sündenbock machte und durch eine Bürde, die ihn bis heute begleitet.

All diese Strapazen scheint er aber mittlerweile überwunden zu haben. Bei der EM erlebt die Karriere des Engländers eine Renaissance und Shaw entwickelt sich auf der Insel zum Publikumsliebling.

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SPORT1 beleuchtet den beeindruckenden Wandel des einstigen Sündenbocks.

Shaw erleidet Horror-Verletzung

Bei seinem Wechsel vom FC Southampton zu Manchester United für 37,5 Millionen Euro wurde Shaw 2014 zum teuersten Teenager im Weltfußball – natürlich ging damit eine enorm hohe Erwartungshaltung für einen gerade einmal 18 Jahre alten Jungen einher.

Shaw konnte die Erwartungen an ihn jedoch nicht erfüllen. In seiner Premierensaison für die Red Devils kam der Linksverteidiger zwar auf 16 Ligaeinsätze, blieb allerdings ohne eigenen Torerfolg. In der folgenden Saison, als alles besser zu werden schien, erlitt Shaw einen heftigen Rückschlag.

In der Champions-League-Partie gegen den PSV Eindhoven verletzte sich Shaw schwer. Er erlitt einen doppelten Bruch des rechten Schienbeins, musste zehn schier endlose Minuten auf dem Platz behandelt werden, im Krankenhaus wurde er schließlich viermal operiert.

Aufgrund seiner schweren Verletzung stand Shaw kurz vor einer Amputation seines rechten Beins, wie er später erfuhr.

Dies konnte schließlich verhindert werden, dennoch fiel Shaw für ganze elf Monate aus.

Mourinho demütigt Shaw öffentlich

Doch Shaw kämpfte sich zurück. "Luke hat einen enormen Willen und Glauben an sich selbst. Für ihn war die Zuversicht der Mediziner entscheidend, dass er es zurück auf den Platz schaffen kann", sagte Les Reed, ehemaliger Vize-Präsident des FC Southampton der Süddeutschen Zeitung.

Unter José Mourinho, der im Juli 2016 das Traineramt bei Manchester United übernahm, hatte Shaw jedoch von Anfang an einen schweren Stand.

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Folgeblessuren der schweren Verletzung schwächten Shaw weiterhin, Mourinho versuchte dagegen, den Verteidiger mit harscher Kritik und öffentlichen Standpauken anzutreiben.

Mal sprach der Portugiese Shaw öffentlich jegliches Spielverständnis ab, mal verhöhnte er ihn und erklärte eine gute Leistung Shaws damit, dass "sein Körper, aber mein Gehirn" auf dem Feld gestanden hätten.

Einen Höhepunkt erreichten die öffentlichen Demütigungen, als mehrere United-Spieler in einer Partie verletzt ausgewechselt werden mussten – darunter auch Shaw. Nach Abpfiff witzelte Mourinho, dass seine Spieler wohl nicht einmal "vom Bett zur Toilette laufen könnten, ohne sich ein Bein zu brechen".

Eine respektlose Aussage, gerade wenn man bedenkt, dass Shaw nach seiner schweren Verletzung fürchten musste, ein Bein amputiert zu bekommen.

"Shawberto Carlos" mischt die EM auf

Shaw und Mourinho kamen nie wirklich auf einen grünen Zweig. "Luke Shaw ist kein Spieler, der darauf anspringt, wenn man ihn anschreit. Man muss den Arm um ihn legen", erklärte Times-Autor Henry Winter in der Sportschau.

Für Shaw verbesserte sich die Situation erheblich, als Ende 2018 Ole Gunnar Solskjaer das Ruder bei Manchester United übernahm. Die ruhige, antiautoritäre Art des Norwegers gab Shaw Sicherheit - und führte ihn zurück in die Erfolgsspur.

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Aufgrund starker Leistungen im Verein feierte Shaw im März sein Comeback für die englische Nationalmannschaft. Die EM ist dabei der absolute Höhepunkt für Shaw: Der 25-Jährige glänzt mit starken Leistungen und mausert sich in England zum Publikumsliebling. Mit drei Assists in vier Spielen ist Shaw aktuell der zweitbeste Vorlagegengeber des Turniers.

Nach seinen zwei Vorlagen und einer überragenden Leistung im Viertelfinale gegen die Ukraine bekam Shaw von seinen Mitspielern gar den Spitznamen "Shawberto Carlos" verpasst – in Anlehnung an die Brasilien-Legende Roberto Carlos.

Auch dieser ist von Shaw schwer beeindruckt. "Er hat sich von Spiel zu Spiel verbessert und ich denke, er hat alles, um an die Spitze zu kommen", schwärmte Roberto Carlos im Gespräch mit der Nachrichtenagentur PA.

Shaw legt mittlerweile auch ein ganz anderes Selbstvertrauen an den Tag.

Shaw watscht Mourinho ab

Nach dem Sieg der englischen Nationalmannschaft gegen Tschechien äußerte sich Mourinho erneut zu Shaw – und kritisierte dessen schwache Ecken aufs Schärfste. Als "sehr schwach" und "dramatisch schlecht" bezeichnete der neue Trainer der AS Rom die von Shaw getretenen Standards. (NEWS: Alles zur EM)

Im Gegensatz zu früher ließ Shaw dies allerdings nicht auf sich sitzen – und schlug zurück.

"Ich bin es gewohnt, dass er negative Sachen über mich sagt. Ich verstehe es wirklich nicht, um ehrlich zu sein. Ich weiß nicht, warum er immer noch weitermacht. Das ist ziemlich merkwürdig", verteidigte sich Shaw und erklärte, dass sogar einige Teamkollegen verwundert über die Aussagen des ehemaligen United-Coaches seien: "Einige der Jungs haben gesagt: 'Was ist sein Problem?' Oder: 'Warum redet er immer noch?' "Hoffentlich kann er seinen Frieden damit finden und aufhören, sich über mich Gedanken zu machen."

Der Defensivmann mit den kurzgeschorenen Haaren hat in der Vergangenheit sehr viel erlebt – und sehr viel verkraften müssen. Shaw kämpfte sich jedoch immer wieder zurück und scheint dafür nun die Lorbeeren zu ernten. Aus dem einstigen Sündenbock ist der Liebling einer ganzen Nation geworden.

Mit einem Sieg gegen Dänemark (EM-Halbfinale: England - Dänemark, Mi., ab 21 Uhr im LIVETICKER) hat Shaw nun die Möglichkeit, das nächste Kapitel dieser beeindruckenden Geschichte zu schreiben.

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