Prügelknabe bei Real - aber jetzt der erste WM-Held

Robin Wigger, Florian Plettenberg
Denis Tscheryschew erzielte als Joker einen Doppelpack

In Russland herrschte vor dem Start der Fußball-WM 2018 kaum Euphorie. Selbst Präsident Wladimir Putin wollte nur, "dass das Team mit Würde spielt, modernen und interessanten Fußball zeigt und bis zum Ende kämpft".

Nach dem furiosen 5:0-Auftaktsieg der Sbornaja gegen Saudi-Arabien ist die Gefühlslage eine komplett andere. Hauptverantwortlich für die Begeisterung im Gastgeberland: Denis Tscheryschew.

Der Mann, der mit zwei Traumtoren zum ersten WM-Helden wurde, verdankt seine historische Leistung - er ist der erste Einwechselspieler der WM-Geschichte, der in einem Eröffnungsspiel trifft - einem bitteren Umstand.

Denn erst durch die frühe Verletzung von Alan Dsagojew, einem der prominentesten Namen im russischen Team, durfte Tscheryschew ran. Des einen Glück ist bekanntlich des anderen Leid.


Mit 11 zu Real Madrid

Der 27-Jährige galt einst - wie auch Dsagojew - als großes Talent. Seine fußballerische Gabe bekam er von seinem Vater, dem ehemaligen Nationalspieler Dmitri Tscheryschew, in die Wiege gelegt.

In der Jugend machte er seine ersten Schritte bei Sporting Gijon und beim FC Burgos, nachdem er mit seinem Vater als Sechsjähriger nach Spanien gekommen war.

2001 stieß er im Alter von elf Jahren zu Real Madrid. Im März 2009 spielte er erstmals für Reals Reserve, in der Spielzeit 11/12 gelang der Aufstieg in die Segunda Division. Das Debüt in der ersten Mannschaft folgte im November 2012. Doch die Karriere geriet ins Stocken.


Real-Ausschluss wegen Tscheryschews Einsatz

Trotz der Aufnahme in den Profikader blieb ihm der Durchbruch verwehrt. Zunächst wurde er zum FC Sevilla verliehen, zur Saison 14/15 an den FC Villarreal.

Beim "gelben U-Boot" wirkte er unter anderem beim Halbfinal-Aus in der Copa del Rey gegen den FC Barcelona mit. Durch seine dritte Gelbe Karte handelte er sich eine Sperre für das folgende Pokalspiel ein - und kostete Real Madrid indirekt einen möglichen Titel.

Denn nach seiner Rückkehr zu den Madrilenen setzte ihn Cheftrainer Rafael Benitez in der vierten Runde gegen den FC Cadiz ein - ohne zu wissen, dass Tscheryschew gesperrt ist. In der Folge legte Cadiz Einspruch ein - und Real wurde aus dem Wettbewerb ausgeschlossen.

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Rotationsspieler bei Villarreal

"Weder der Spieler noch der Verband oder Villarreal haben uns darüber informiert", schimpfte Klub-Boss Florentino Perez und machte damit auch Tscheryschew zum Prügelknaben. Wenige Wochen später schickte er ihn wieder weg - dieses Mal nach Valencia.


Die dritte Leihe sollte auch die letzte sein. Villarreal kaufte Tscheryschew vor der Saison 16/17 für sieben Millionen Euro.

Dort plagte sich Tscheryschew lange mit einer Muskelverletzung rum. Auch in der abgelaufenen Saison war er kein Leistungsträger, brachte es aber zumindest auf vier Tore und drei Vorlagen in 32 Pflichtsspielen.

WM-Held aus dem Nichts

Doch es sprach zuletzt wenig dafür, dass Tscheryschew zum WM-Helden wird. Gerade einmal 33 Länderspielminuten hatte er vor dem Heim-Turnier in diesem Jahr auf dem Konto, im letzten Test gegen die Türkei schmorte er komplett auf der Bank.

Auch im Eröffnungsspiel musste er sich mit der Reservistenrolle begnügen. Doch nach Dsagojews Aus entschied sich Trainer Stanislaw Tschertschessow für Tscheryschew - und bewies ein glückliches Händchen.