Prüfungsangst: Jeder Vierte arbeitet deshalb nicht im Traumberuf – ein Therapeut verrät, was ihr dagegen tun könnt

Ob Schwitzen oder Blackout – die meisten haben Prüfungsangst schon mal erlebt. - Copyright: Shutterstock
Ob Schwitzen oder Blackout – die meisten haben Prüfungsangst schon mal erlebt. - Copyright: Shutterstock

Vor allem Schüler und Studenten kennen sie: die Prüfungsangst. Die Gedanken blockieren, man kann sich irgendwie nicht richtig konzentrieren und obwohl man sich doch so gut vorbereitet hat, ist plötzlich alles blank im Kopf. Ärgerlich für einige, ausschlaggebend für andere. Denn Prüfungsangst kann die Karriere von Menschen erheblich beeinflussen. Das zeigen Forscherinnen und Forscher der Internationalen Hochschule (IU) mit Hauptsitz in Erfurt in ihrer neuen Kurzstudie. Dafür haben sie 1600 Menschen in Deutschland zwischen 16 und 65 Jahren repräsentativ nach Alter und Geschlecht befragt. Das Ergebnis: 86,6 Prozent aller Befragten hatten schon mindestens einmal im Leben Prüfungsangst.

Und bei knapp 27 Prozent der Befragten hatte die Angst sogar so starke Auswirkungen, dass sie deswegen nicht ihrem Traumjob nachgehen konnten. 41 Prozent der Betroffenen haben entweder einen Schul- oder Hochschulabschluss nicht erlangt, den sie sich erhofft hatten. Da sie sich vor Tests und Vorträgen fürchteten, mussten sie die Schule oder das Studium schließlich abbrechen. Bei 42 Prozent sind extra Kosten entstanden, etwa haben sie eine Prüfung kostenpflichtig wiederholen müssen.

Fast jeder kennt die Angst vor einer Prüfung – aber nur wenige suchen sich Hilfe

Fast neun von zehn Menschen haben laut der Studie in ihrem Leben schon einmal an Prüfungsangst gelitten. Die meisten kennen das aus der Schule oder dem Studium. Etwas weniger als die Hälfte der Befragten hatte zudem Angst während einer Bewerbung; dicht gefolgt von der Zeit während der Berufsausbildung.

Obwohl die Angst vor Prüfungssituationen so verbreitet ist, geht fast niemand das Problem an und lässt sich helfen. Etwas weniger als die Hälfte der Betroffenen denkt, ihre Ängste seien dafür nicht schlimm genug. Circa ein Drittel möchte sie allein bewältigen. Anna Paulin Horwedel, die sich am IU-Standort Mannheim um die Sorgen der Studentinnen und Studenten kümmert, hält das für keine gute Idee. „Sich mit einer solchen Situation allein gelassen zu fühlen, sorgt für emotionalen Stress und verstärkt das Ganze nur“, sagt sie. Dadurch steige sogar die Gefahr für einen Blackout während der Prüfung.

Nur knapp 14 Prozent der Befragten hat sich dagegen Unterstützung gesucht. Etwa die Hälfte von ihnen hat sich an Freundinnen und Freunde gewandt; 40 Prozent haben mit einer Psychotherapie begonnen. Horwedel hält das für sinnvoll – schließlich müsse der Auslöser für die Angst gefunden werden, um diese zu überwinden.

Vor allem junge Menschen haben hohe Ansprüche an sich selbst

Viele haben angegeben, sich mit ihrer Angst nicht richtig ernst genommen zu fühlen. Allerdings glaubt mehr als die Hälfte der Befragten, den Grund für ihre Prüfungsangst zu kennen: Schuld daran sollen zu hohe Selbstansprüche sein.

Das betrifft offenbar besonders die Jüngeren. „Es gibt keine andere Generation, die sich so stark vergleicht, wie die Generation Z“, erklärt Horwedel. Dieser ständige Konkurrenzdruck erzeuge Stress, so Horwedel weiter.

Was ihr gegen Prüfungsangst tun könnt

Der Psychotherapeut und Psychologieprofessor an der IU Patrick Trotzke rät, sich rechtzeitig vorzubereiten und über den Ablauf zu informieren. Dann könnt ihr gelassener in den Test, das Gespräch oder den Vortrag gehen. Um entspannter zu sein, würden Techniken wie progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training helfen. „Auch mentale Techniken sind super, um zum Beispiel die Prüfungssituation nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung zu sehen“, sagt Trotzke. Dafür empfiehlt er ein Mentaltraining. Die Angst werde dabei in Gedanken durchgespielt, um in der Realität besser damit umgehen zu können.

Doch auch die Lernstrategie ist entscheidend: „Um stressfrei zu lernen, braucht man ein gutes Zeitmanagement. Nicht nur zum Lernen, sondern auch zum Wiederholen der Inhalte.“ Trotzke erklärt, der Lernstoff sollte besser in Häppchen unterteilt werden, anstatt alles auf einmal zu pauken. Auch Pausen solltet ihr einplanen, rät der Psychologe.

Und was kann jemand aber während einer mündlichen Prüfung tun, wenn ihn die Aufregung überkommt? Vor allem Zeit gewinnen, so der Psychotherapeut. Ihr könnt etwa die Frage wiederholen oder um eine Bedenkminute bitten. Bei einem schriftlichen Test könntet ihr ebenfalls eine kurze Pause machen und bewusst in den Bauch atmen. Dann am besten mit den Aufgaben anfangen, die euch leichter fallen.