Der Präsident der Krisen


Donald Trumps erstes Jahr im Amt ist eine Kette aus Reißzähnen. So sehen die Ereignisse seiner Präsidentschaft zumindest aus, wenn man sie anhand von Google-Suchtrends visualisiert. Jede Eilmeldung, jeder Aufreger, jeder Schockmoment im Zusammenhang mit Trump wird in dieser Chronik weltweiter Aufmerksamkeit zu einem scharfkantigen Zacken. Trump hat seit dem 20. Januar 2017, dem Tag seiner Amtseinführung, Hunderte dieser Zacken produziert.

Er reizte, irritierte und überraschte – als Krisenmanager, als Pöbler der Nation, auf der internationalen Bühne. Zu Beginn des neuen Jahres gibt sich der Präsident aggressiver als je zuvor, schickte mehrere Verbalattacken in Richtung Nordkorea, Iran und Pakistan. Was hat der US-Präsident bislang erreicht, wo versagte er – und was kann man von Trump für 2018 erwarten? Ein Überblick.

1. Der Hire-and-Fire-Präsident

Ein Chef ist immer nur so gut wie sein Team. Allerdings ist Trumps Personaltableau so beständig wie der Bitcoin-Kurs. 15 Personen mit Spitzenposten wurden in Trumps ersten Amtsjahr ausgewechselt oder direkt ganz entfernt.

Eine Auswahl: Im Februar 2017 zog sich Sicherheitsberater Michael Flynn wegen falscher Angaben über Russlandkontakte zurück. FBI-Direktor James Comey wurde im Mai gefeuert, später sagte er aus, er sei von Trump wegen der laufenden Russland-Ermittlungen bedrängt worden.


Im Juli verließen Stabschef Reince Priebus und Pressesprecher Sean Spicer das Weiße Haus, kurz darauf wurde der designierte Kommunikationsdirektor Anthony Scaramucci wegen eines Wut-Telefonats mit einem Reporter nach nur zehn Tagen abgesetzt. Chefstratege Steve Bannon ging im August, Trump-Berater Sebastian Gorka wurde eine Woche später entlassen.

Die Ereignisse sind auch Symptom eines Dauerkonflikts im Trump-Zirkel, zwischen Globalisten und Nationalisten, zwischen Gemäßigten und Radikalen. Weitere Abgänge sind nicht ausgeschlossen, im Kabinett gilt Außenminister Rex Tillerson als Wackelkandidat.

Unerschütterlich und loyal steht hingegen Vizepräsident Mike Pence an Trumps Seite. Selbst wenn er wollte, könnte Trump ihn nicht feuern. Pence wurde als sein Vize gewählt, er ist nicht bloß ernannt. Gemeinsam mit Trumps Tochter Ivanka, die als wandelnde Werbefläche der Präsidentenfamilie die Nation anstrahlt, dürfte Pence Trumps wichtigste Person für 2018 sein, um seine Botschaften unters Volk zu bringen. Und auch für die Geschassten gilt: Es gibt ein lukratives Leben nach Trump. Spicer und Comey etwa wollen Bücher veröffentlichen. Neuer Gossip über Trumps Umgang mit Spitzenleuten ist garantiert.

2. Der Macher

Der weit verbreitete Eindruck, Donald Trump würde als US-Präsident kaum etwas erreichen, täuscht. Zwar scheitert sein Populismus aus dem Wahlkampf regelmäßig an der Realität des Amts, der Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko etwa ist völlig ungewiss. An anderer Stelle hinterlässt Trumps Präsidentschaft Spuren mit langfristigen Folgen.

Dazu gehört die Besetzung eines Richterpostens im Supreme Court mit dem erzkonservativen Juristen Neil Gorsuch im Frühjahr 2017. Hier kann Trumps Wunschrichter bis an sein Lebensende über elementare Streitfragen entscheiden, in Bereichen wie Einwanderung, Todesstrafe oder Waffenbesitz.


Ein Kernversprechen konnte Trump am Jahresende einlösen, als der Kongress ein gigantisches Steuersenkungspaket beschloss, von dem US-Unternehmen Jahrzehnte profitieren könnten. Für Bürger aus sieben überwiegend muslimischen Ländern ließ er die Einreise in die Vereinigten Staaten extrem erschweren.

Barack Obamas Energiewende-Pläne fuhr er zurück, er unterstützte Ölbohrungen in der Arktis und im Golf von Mexiko, trieb die Aufhebung der Netzneutralität voran, begnadigte den unter Rassismusverdacht stehenden Hardliner-Sheriff Joe Arpaio.

2018 will Trump eine Infrastruktur-Revolution durchsetzen, mit Milliardeninvestitionen in Brücken, Gebäude, Straßen und Flughäfen. Die Pläne könnten in einem ähnlichen Achtungserfolg münden wie die Steuerreform. Es sei denn, der Kongress sträubt sich gegen neue Riesenausgaben, dann droht Trump zum Auftakt des Halbzeitwahlen-Jahres ein Flop.


Provokateur und Pöbler

3. Der Weltbühnen-Provokateur

Ein fehlender Handschlag genügte, um internationale Erregung auszulösen. Im März 2017 besuchte Angela Merkel Trump im Weißen Haus, doch der US-Präsident verweigerte der Kanzlerin die Mutter aller Pflichtposen. Die Spekulationen waren wild: Eine bewusste Demütigung? Eine Krise im transatlantischen Verhältnis? Angeblich hatte Trump nur Rufe der Kameraleute überhört.

Das überhitzte Deuteln hatte einen schlichten Grund: Da Trumps außenpolitischer Kurs so erratisch ist, gilt jede seiner Gesten als möglicher Orientierungspunkt. Trump selbst trug 2017 dazu bei, seinen Ruf als unberechenbarer Präsident zu festigen. Er ließ im Kampf gegen den IS die größte nichtatomare US-Bombe in Afghanistan abwerfen, er befahl einen Raketenangriff auf einen Stützpunkt der Truppen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad, er drohte Nordkorea wegen immer neuer Raketentests mehrfach mit Militärgewalt („Wir werden ihnen mit Feuer und Wut begegnen“), er warnte China regelmäßig vor einem Handelskrieg.


Und er verkündete, die USA würden Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkennen und damit beginnen, ihre Botschaft in die umkämpfte heilige Stadt zu verlegen – ein Affront gegen die Vereinten Nationen. Sein erstes Amtsjahr markierte einen Bruch mit scheinbaren Gewissheiten, dazu gehört auch der Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen und der Transpazifischen Partnerschaft. 2018 richtet sich der Blick auf die Nafta-Neuverhandlungen zwischen den USA, Kanada und Mexiko – auf dem Spiel steht die Zukunft der größten Freihandelszone der Welt.

Hoffnung auf einen gemäßigten, von der internationalen Gemeinschaft gezähmten Präsidenten darf man sich kaum machen. Das noch junge neue Jahr startete er aggressiver als je zuvor, verschickte wütende Tweets gegen Pakistan („nichts als Lügen und Betrug“), das iranische Regime („brutal und korrupt“) und Nordkorea („verbraucht und ausgehungert“).

4. Der Krisenmanager

Trump kann sich durchaus präsidial und besonnen verhalten. Auf den Wirbelsturm „Harvey“, der schwere Schäden im Bundesstaat Texas hinterließ, reagierte er souverän mit Anteilnahme und Reisen ins Überschwemmungsgebiet. Sein Umgang mit dem Hurrikan „Maria“, der unter anderem die Karibikinsel Puerto Rico zerstörte, war jedoch ein Desaster. Öffentlich attackierte er die Bürgermeisterin der Hauptstadt San Juan, Carmen Yulin Cruz, und warf ihr Führungsschwäche vor.


Dabei braucht eine Nation gerade in Krisenzeiten ein einendes Oberhaupt. Ähnlich, wie es George W. Bush kurz nach dem 11. September 2001 tat. Doch Trump machte sich extrem angreifbar für Vorwürfe der Befangenheit oder gar ideologischer Verblendung: Den Terroranschlag in New York – begangen von einem Migranten, der über die Visa-Lotterie einreiste – erklärte er schon als Beweis für das „laxe Einwanderungssystem“, noch bevor Einzelheiten feststanden. Nach dem Massaker auf einem Country-Music-Festival, das ein weißer Waffensammler in Las Vegas anrichtete, verbat sich Trump hingegen Rufe nach schärferen Gesetzen.

Teilnehmer eines rechtsextremen Aufmarsches in Charlottesville, bei dem eine Gegendemonstrantin getötet wurde, nahm der US-Präsident in Schutz. Und zur großen gesellschaftlichen Sexismus-Debatte, die in Politik, Wirtschaft und Entertainment-Industrie zu einer Rücktrittswelle führte, schweigt Trump weitgehend. Wohl nicht ohne Grund: Er selbst wird von siebzehn Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigt.

5. Der Pöbler der Nation

Manchmal scheint es, als sei Trumps Präsidentschaft ein einziger Witz. Seine Sprache („So SAD!“), Auftritte und Entgleisungen gehen als Spottobjekte um die Welt: Trump, wie er kurz vor der Sonnenfinsternis mit bloßem Auge ins Licht schielt. Trump, der beim Nato-Gipfel den Premier von Montenegro beiseite drängelt. Trump, der sich vertwittert und „Covfefe“ als neues Wort erfindet. Trump auf dem Golfplatz. Trumps Frisur.

Amerikanische Medien unterscheiden mittlerweile zwischen „Teleprompter-Trump“, der nach Skript seiner Berater funktioniert, und „Twitter-Trump“, der unkontrolliert eine Beleidigung nach der nächsten verschießt. Die andere Seite dieser ungefilterten Präsidentschaft ist besorgniserregend: Dann, wenn Trump die Russland-Ermittlungen als „Hexenjagd“ schmäht, Medien mit Lizenzentzug droht, islamfeindliche Propaganda verbreitet – oder, wie zu Beginn des neuen Jahres, damit prahlt, sein „Atomknopf“ sei „viel größer“ als der von Kim Jong Un.


Es ist, als hätte Trump seinen aggressiven Kandidatenmodus aus dem Jahr 2016 nie abgelegt. Das dürfte in diesem Jahr, wenn Halbzeitwahlen für den Kongress anstehen, noch zunehmen. Dann kann Trump erneut den Wahlkämpfer geben, der Republikaner im ganzen Land unterstützt. Mit Furor – und vielen, vielen Tweets.