Post-Corona-Sommerferien: Warum Teenager jetzt wirklich eine Pause brauchen

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Selten ging es Teenagern so schlecht wie in diesen Wochen. Depressionen, Ängste, Probleme mit dem Online-Unterricht, Einsamkeit aufgrund langer Kontaktsperren sowie das Gefühl der Orientierungslosigkeit haben um sich gegriffen.

Auf diese Post-Corona-Sommerferien fiebern sie deswegen besonders hin. Für viele Teeanger, die bereits jetzt oder gegen Mitte/Ende Juli endlich frei haben, heißt es, ein Stück Leben wieder zu erobern. Sich endlich wieder ausgiebig mit Freunden zu treffen, abzuhängen, an den See oder ins Schwimmbad zu fahren, eine Reise mit Gleichalterigen zu unternehmen, ein Leben ohne wöchentlich wechselndes Regelwerk.

Deswegen ist es für sie besonders wichtig, diesen Sommer eine Pause zu haben, um sich psychisch zu regenerieren. Die vergangenen Monate waren für viele aus verschiedenen Gründen belastend.

Einige hatten dieses Jahr nur wenigen Wochen Schule in Präsenz, ihnen fehlen die Kontakte mit Gleichalterigen, die in den Teenagerjahren besonders wichtig sind für die Entwicklung. Die immer enger werdenden Beziehungen in der Peergruppe dienen dazu, sich von den Eltern abzulösen. Was aber, wenn man sie ein Jahr lang nicht treffen kann? Wie sich von den Eltern distanzieren, wenn diese den ganzen Tag zu Hause sind, wenn diese gestresst sind durch Homeschooling, Kurzarbeit oder Existenzängste?

Quarantäne statt Abschlussparty

Dazu kommt der Ärger in der Schule. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler sind in einigen Fächern komplett abgehängt und leiden unter dem Druck, dass sie schlechter als andere mit dem Distanz-Unterricht zurecht gekommen sind. Ein mieses Zeugnis gibt einigen dann den Rest. Leon, 14 Jahre, ein Gymnasiast aus Berlin, ist schon seit Wochen aus seinem Französisch-Unterricht ausgestiegen. Seine Lehrerin erreicht ihn nicht mehr. Gegenüber seinen Eltern erklärt er, er mache einfach nicht mehr mit, egal, was sie dazu sagen würden. Es ist ihm und seinen Eltern völlig schleierhaft, wie er den Rückstand im nächsten Schuljahr aufholen soll. Dennoch haben sie sich entschieden: Leon muss jetzt erst einmal abschalten.

Andere Schüler waren im Ausland in der Schule, etwa in Großbritannien, und haben monatelang Online-Unterricht gehabt, konnten in ihren Ferien nicht nach Hause fliegen aufgrund der zweiwöchigen Quarantäne, die sich nach jeder Landung aus England angeschlossen hat. Heimweh und die Trauer darüber, dass Familienfeiern ohne sie abliefen sowie die Angst, dass ihre Freunde sie nicht mehr mögen, wenn sie nach dem Jahr zurück in ihren Klasse kommen, prägen ihre Gedankenwelt.

So hat Louisa aus München, 15 Jahre, sich nicht mehr von den Mitschülerinnen und Schülern ihres britischen Internats in der Nähe von London verabschieden können. Mehr als 30 Schüler waren mit der Delta-Variante des Coronavirus infiziert und sie eine enge Kontaktperson. Statt auf Abschlussparties zu feiern, musste sie 14 Tage alleine in ihrem Quarantäne-Zimmer ausharren. Täglich durfte sie 20 Minuten in Begleitung eines Lehrers in Freie – „wie im Gefängnis“, konstatiert ihre Mutter. Ihre englischen Freunde, sofern sie nicht Kontaktperson waren, sollten früher zu den Eltern nach Hause, damit der Covid-Ausbruch eingedämmt werden konnte. Louisa hat nun Angst, dass sie einige nie wieder sieht. Und die Freunde zu Hause hat sie wochenlang nicht getroffen. Das Jahr in England fand keinen richtigen Abschluss, zu Hause muss sie nun erst wieder ankommen.

Für Jugendliche ist die Pandemie eine Zeit der besonderen Verluste

Um solche negativen Erlebnisse zu verarbeiten, benötigen Teeanger Zeit, schreibt die Psychologin und Autorin Lisa Damour in der "New York Times". „Für Heranwachsende war die Pandemie geprägt von dem Gefühl des Verlustes“, so die Psychologin, „Ausgefallen sind die Sportveranstaltungen, die Ferien mit den Großeltern, wichtige Geburtstage oder andere Pläne, die sie vorher hatten.“ Einige haben den Tod von nahen Menschen zu verarbeiten.

Als Eltern soll man den Heranwachsenden die Zeit geben, die sie benötigen, um mit den Erlebnissen fertig zu werden und Resilienz aufzubauen. Denn an negativen Erlebnissen können Jugendliche wachsen. Das gehört zu den wesentlichen Dingen, die sie diesen Sommer lernen sollten – und das ist wichtiger als Geometrie oder Französisch.

Deswegen sollten Eltern offen dafür sein, was ihre Teeanger diesen Sommer machen wollen. Denn jeder geht anders um mit den Erfahrungen, so Damour. Der eine kann in der freien Zeit mit Freunden wieder Halt finden und dem Gefühl, dass es anderen auch so ergangen ist wie ihm oder ihr. Jemand anderes findet in einem organisierten Sommercamp in der Wildnis wieder zu sich selbst, beim Paddeln, Feuer machen oder draußen schlafen.

Falls Jugendliche ein schlechtes Gewissen haben, dass sie jetzt auch einmal nichts tun dürfen oder Spaß haben, obwohl ja das Schuljahr auch von viel Nichtstun geprägt war, sollten Eltern ihre Sprösslinge beruhigen. Das erzwungene Nichtstun in der Pandemie war von Druck und Zwang gekennzeichnet – das hat mit Erholung nichts zu tun. Nun geht es darum, die Seele baumeln zu lassen, sich psychisch durch das zu stärken, was einem Freude bereitet. Das ist in der Regel Muße.

Natürlich können Jugendlichen nicht komplett drüber bestimmen, was im Sommer passiert. Es gibt Pflichten, Jobs, Aufgaben zu Hause. Aber bei allen anderen Dingen sollten sie ein größeres Mitspracherecht haben als üblich. Schon allein, um das Gefühl zu bekommen, dass sie die Dinge wieder selbst steuern können und nicht – wie in den vergangenen Monaten – dass sie sich einem Regelwerk unterwerfen und anpassen müssen, dass an den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen vorbei konzipiert wurde.

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