Portät eines Massenmörders: Die Details passen nicht zusammen

Stephen Paddock (Bild: Facebook)

So wie Massenschießereien in Amerika fast Alltag geworden sind – laut dem Gun Violence Archive waren es seit dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Jahr 2012 mindestens 1.518 –, so sind es auch die Details über die Amokläufer selbst, die in den Stunden nach diesen schrecklichen Angriffen typischerweise ans Licht kommen.

Er sonderte sich immer ab, wird ein Mitarbeiter sagen (Der Attentäter ist fast immer männlich.) Redete nicht viel, werden andere hinzufügen. Verärgert. Politisch. Ideologisch. Engstirnig. Sogar geisteskrank. Diese Aspekte treffen nicht zu 100 % immer zu – aber in den meisten Fällen sind sie ziemlich nahe daran.

Multimillionär und Immobilieninvestor Stephen Craig Paddock, ein 64-Jähriger aus Nevada, hat am Sonntag zehn oder noch mehr Gewehre in den 32. Stock des Mandalay Bay Resorts in Las Vegas geschafft und dann von dort aus das Feuer auf Konzertbesucher unter ihm eröffnet. Dabei wurden mindestens 59 Menschen getötet und über 520 verletzt. Und das Seltsame sowie Beunruhigende ist, dass wenige bis überhaupt keine Details, die bisher bekannt wurden, auf die typische Beschreibung passen.

Die Biografie eines Massenmörders hilft normalerweise dabei, seine Handlungen zu erklären und man kann daraus Hoffnung schöpfen, dass der nächste Schütze irgendwie gestoppt werden kann.

Aber bisher ist der Mann hinter dem tödlichsten Amoklauf in der modernen Geschichte der USA mehr ein Rätsel als dass seine Vergangenheit Licht in die Angelegenheit bringen könnte.

„Wir haben keine Ahnung, wie oder warum dies passiert ist“, erklärte Paddocks Bruder Eric gegenüber ABC News und fügte hinzu, dass es „dafür keinerlei Anlass“ gab und dass es „keine Geheimnisse in der Vergangenheit [seines Bruders]“ gebe.

Eric Paddock, links, Bruder des Amokläufers von Las Vegas, Stephen Paddock, spricht zu Journalisten vor seinem Zuhause in Orlando, Florida. Paddock sagte gegenüber dem Orlando Sentinel: „Wir sind völlig schockiert. Wir verstehen nicht, was passiert ist“. (Bild: John Raoux/AP)

„Wenn sie sein Leben umkrempeln, dann werden sie nichts finden“, schloss Paddock. „Wir verstehen es nicht.“

(Der IS veröffentlichte eine Stellungnahme und behauptete, dass Paddock kürzlich zum Islam konvertiert und ein Mitglied der Terrorvereinigung sei, aber bis Montagabend gab es keine Bestätigung für diese Behauptung. Eine schnelle Google-Suche zeigt, dass es in Mesquite, einer Stadt mit rund 17.000 Einwohnern, keine Moschee gibt.)

Vor dem Amoklauf am Sonntag schien Stephen Paddock seine Zeit eher unspektakulär zu verbringen.

Er wohnte in einem neuen 08-15-Haus in Mesquite, Nevada, 139 km nordöstlich von Las Vegas.

Mit Ausnahme eines kleineren Verstoßes, der geklärt wurde, war er nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, weder in Las Vegas noch in Mesquite und Texas, wo er vor seinem Umzug nach Nevada wohnte.

Paddock war laut den Behördendaten sowohl ein lizenzierter Jäger als auch ein Pilot, der zwei Flugzeuge besaß.

Polizisten vor dem Haus von Stephen Paddock in Mesquite, Nevada, am 2. Oktober 2017. (Bild: Mesquite Police via AP)

Um seine Lizenz als Privatpilot zu verlängern, die vor Kurzem ablief, hätte Paddock darlegen müssen, dass bei ihm weder eine Psychose noch eine bipolare Störung oder eine andere Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurde.

Paddock war auch kein Einzelgänger: Er hatte eine Freundin – die 62-jährige Marilou Danley – und war vorher, vor 27 Jahren, mit einer Frau, die jetzt in Südkalifornien lebt, verheiratet gewesen.

Und Paddock ging es auch finanziell gut: Erst war er Buchhalter oder Rechnungsprüfer (einmal auch für Lockheed Martin), dann kaufte, verkaufte und managte er Grundstücke und letztendlich vertrieb er sich als Rentner die Zeit als „professioneller Spieler“ (seine Bezeichnung), der laut einem Bericht der Washington Post regelmäßig mit Danley nach Las Vegas fuhr, um um viel Geld zu pokern.

Nachbarn in Florida, wo Paddock ein weiteres Haus besitzt, beschrieben den Reportern der Post ein Paar, das nach der „Vegas-Zeit“ lebte, also „bis Mitternacht aufblieb und bis Mittag schlief“ – was vielleicht für die meisten der Über 60-Jährigen eher ungewöhnlich ist, jedoch normal für die Tausenden von Casino-Gängern, die den Silver State bevölkern.

„Mein Bruder ist nicht wie Sie und ich“, sagte Eric Paddock zur Post. „Er schickt mir eine Nachricht und schreibt, dass er $ 250.000 im Casino gewonnen hat.“

Eric Paddock, links, mit seinem Bruder Stephen Craig Paddock. (Bild: John Raoux/AP)

Manche Nachbarn in Reno, Nevada, wo Stephen Paddock noch ein weiteres Haus besitzt, sagten den Reportern der Post, dass er „zurückgezogen“ oder „ruhig“ oder „unfreundlich“ war. Aber andere in Mesquite und Florida, wo Paddock scheinbar mehr Zeit verbrachte, sagten, dass er „ein guter Nachbar“ war und dass „da nichts Seltsames an ihm war“.

Nichtsdestotrotz, diese unterschiedlichen Aussagen können durchaus ein und dieselbe Person beschreiben, denn Stimmungen ändern sich. Allerdings deutet nichts darauf hin, dass dies ein Mann war, der kurz davor war, Hunderte von Leute zu erschießen.

Das Ungewöhnlichste an Paddock hat eigentlich überhaupt nichts mit Paddock zu tun. Paddocks Vater, Benjamin Hoskins Paddock, war, wie sich herausstellte, ein berüchtigter Krimineller, der von 1969 bis 1977 sogar auf der Liste der zehn meistgesuchten Ausbrecher des FBI stand. Der alte Paddock, der 1926 in Wisconsin geboren wurde und dessen Spitznamen unter anderem „Old Baldy“ und „Chromedome“ waren, raubte in Arizona Banken aus, floh aus dem Gefängnis in Texas und versuchte, in Oregon ein neues Leben als „Bingo Bruce“ – Manager eines Bingo-Ladens – aufzubauen, ein Versuch, der 1987 endete, als der Generalstaatsanwalt ihn in Bezug auf das Bingo-Geschäft wegen organisierter Kriminalität in sieben Fällen anklagte. Wie man auf einem Plakat des FBI einmal lesen konnte, war der ältere Paddock ein Mann, der „als Psychopath diagnostiziert“ wurde, offensichtlich „suizidale Tendenzen“ aufwies und „als bewaffnet und sehr gefährlich“ galt.

Links ein Foto vom FBI-Poster der zehn meistgesuchten Verbrecher mit Benjamin Hoskins Paddock und rechts ein Aktenfoto von Paddock, der unter dem Decknamen Bruce Ericksen in Land County, Oregon, lebte, nachdem er aus einem Gefängnis in Texas ausgebrochen war, weil er wegen Banküberfällen verurteilt worden war. Paddocks Sohn Stephen Paddock war der Schütze, der am Sonntag das Feuer auf ein Country Music Festival in Las Vegas eröffnete. (Bilder: FBI und Wayne Eastburn/Register-Guard via AP)

Vielleicht hat Stephen Paddock ja einige dieser Eigenschaften von seinem Vater vererbt bekommen, vielleicht schlummerten sie in ihm, bis der Sohn Mitte 60 war und plötzlich entschied, einen Massenmord zu verüben. Die rasante Verbreitung von Geschichten über „Bingo Bruce“ in den sozialen Medien legt nahe, dass es genau das ist, was wir hören wollen.

Oder vielleicht auch nicht. Wir wissen es einfach nicht. Bisher – und es ist noch sehr früh – ist alles, was wir wissen, das, was Paddocks Bruder Eric uns erzählt hat.

„Es macht absolut keinen Sinn und es gibt keinen Grund, warum er das getan hat“, sagte Eric Paddock zur Post. „Er ist einfach nur ein Typ, der Video-Poker spielte und Kreuzfahrten machte und bei Taco Bell Burritos aß. Es gibt keine uns bekannte politische Neigung und wir wissen von keiner religiösen Gesinnung.“

„Wir wissen gar nichts“, schloss Paddock.

Letztendlich werden weitere Informationen ans Licht kommen. Aber derzeit, in einem Moment, wo wir es gewohnt sind, dass diese Amokläufer mit bekannten Worten beschrieben werden – religiös, politisch, psychologisch, was auch immer –, trifft keine der herkömmlichen Erklärungen zu. Stephen Craig Paddock hätte jeder sein können. Und das könnte letzten Endes das Furchteinflößendste an ihm sein.

Andrew Romano