Porsche-Familie sehnt sich mit Börsengang nach Wiedergutmachung

(Bloomberg) -- Der Börsengang von Porsche ist für die Familie hinter dem Sportwagenhersteller mehr als nur der womöglich größte der europäischen Börsengeschichte. Er bedeutet auch Wiedergutmachung für die schmachvolle Niederlage von 2009, als der Clan die Kontrolle über sein Kronjuwel an die Volkswagen AG abtreten musste.

Der IPO, der Porsche mit bis zu 85 Milliarden Euro bewerten soll - etwa so viel wie die Muttergesellschaft selbst - könnte VW rund 10,6 Milliarden Euro einbringen. Die Porsche-Familie, in der immer noch die Männer das Sagen haben, die 2009 nach der missglückten Übernahme von VW die Kontrolle über das Traditionsunternehmen verloren hatten, wird mit einer Sperrminorität aus dem Verkauf hervorgehen.

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Der Deal ist daher auch ein Comeback für die Porsche-Erben, die nach dem waghalsigen Übernahmeversuch des viel größeren Rivalen schwer angeschlagen waren. Die Unternehmen haben eine lange gemeinsame Geschichte, sowohl was das technische Erbe angeht, als auch über die Familienbande. Wolfgang Porsche, der Häuptling des Clans, ist der Cousin des verstorbenen Ferdinand Piëch, des langjährigen VW-Chefs, unter dem der Autobauer zu seiner heutigen Größe heranwuchs.

Porsches gescheiterter Volkswagen-Coup, ein dramatisches Kapitel deutscher Industriegeschichte, nahm ab 2005 seinen Lauf. In diesem Jahr begann Porsche still und heimlich Aktien von VW aufzukaufen, mit dem Ziel, die Kontrolle über den Wolfsburger Konzern zu erlangen, der damals 15mal so groß war wie die Zuffenhausener 911-Schmiede.

Doch die Finanzkrise machte Porsche und seinem ehrgeizigen Chefmanager Wendelin Wiedeking einen Strich durch die Rechnung. Die auf komplexen Optionsgeschäften aufgebaute Übernahmestrategie brach in sich zusammen.

Der erbitterte Machtkampf endete im Juli 2009 mit einer Betriebsversammlung im strömenden Regen, bei der das Porsche-Management und die Eigentümerfamilie ihre Niederlage eingestehen mussten. In einer tränenreichen Rede erklärte Wolfgang Porsche dennoch trotzig, dass “der Mythos Porsche lebt und niemals untergehen wird”.

Der Kollaps der Finanzmärkte erlaubte VW, den Spieß umzudrehen und statt dessen Porsche zu übernehmen, das sich nun neben Škoda und Seat als eine Konzernmarke unter vielen wiederfand. Den Porsches und Piëchs blieb immerhin eine Position als Großaktionär bei VW.

Das Erbe der Familie geht zurück auf den Großvater von Wolfgang Porsche, Ferdinand Porsche. Der Erfinder des Ursprungs-Volkswagens, später als Käfer bekannt, machte den Autobauer in Nazideutschland zum Großkonzern. Sein Sohn Ferry Porsche baute nach dem 2. Weltkrieg den Sportwagenbetrieb auf. Der erste Porsche, der auch so hieß, war der 1948 erstmals zugelassene 356 Roadster.

Der Clan zählt heute mehrere Dutzend Nachkommen, von denen nur wenige eine aktive Rolle im Unternehmen spielen. Viele leben nahe dem malerischen Alpenstädtchen Zell am See südlich von Salzburg, wo sich Wolfgang Porsche gerne in das Jagdschloss Schüttgut zurückzieht, das als Stammsitz der Familie gilt. Die Familienmitglieder sind bekannt dafür, in Oldtimern über die gewundenen Straßen zu kurven. Im Winter veranstaltet die Familie ein legendäres Eispisten-Rennen.

Porsche wäre nicht die erste Ausgliederung einer Sportwagenmarke, die die Gründerfamilie noch reicher macht. Ferrari NV sind um 265% gestiegen, seit Fiat die legendäre Marke an die New Yorker Börse brachte. Piero Ferrari - Sohn des Gründers Enzo - ist laut Bloomberg-Daten heute netto 4,1 Milliarden Dollar schwer.

“Die nächste Generation von Familienmitgliedern, die sich in verschiedenen Bereichen des Volkswagen-Konzerns einen Namen gemacht hat, sieht großes Potenzial für die Erschließung von Shareholder Value durch einen Börsengang von Porsche”, sagt Michael Dean, Analyst für die Autoindustrie bei Bloomberg Intelligence. “Man darf nicht vergessen, dass es sich um ein Familienunternehmen handelt.”

Komplexe Struktur

Die börsennotierte Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG wird ähnlich wie Volkswagen eine duale Aktienstruktur mit stimmberechtigten Stammaktien und stimmrechtslosen Vorzügen haben. Der geringe Streubesitz und die fragwürdige Unabhängigkeit des Managements - Porsche-Chef Oliver Blume ist bekanntlich seit neuestem im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender von VW - werfen dieselben Zweifel hinsichtlich der Führungskultur und Transparenz auf, die auch bei VW die Aktionäre zuweilen zur Verzweiflung treibt.

VW verkauft im Rahmen des Börsengangs 25% der nicht stimmberechtigten Vorzugsaktien an externe Investoren, und 25% plus eine Stammaktie an die Familienholding Porsche Automobil Holding SE. Damit die Familie Kauf finanzieren kann, wird VW eine Sonderdividende ausschütten.

Die neue Struktur erlaubt es der Familie, bei wichtigen strategischen Entscheidungen von Porsche ein Veto einzulegen. Seit der Übernahme durch VW musste die Marke manchmal Schritte mitmachen, die ihren Interessen zuwiderliefen, wie etwa der Plan, gemeinsam mit Audi in einem Werk in Hannover Elektrofahrzeuge zu bauen. Dennoch werden die beiden Unternehmen eng miteinander verbunden bleiben - und mit dem Bundesland Niedersachsen, VW-Großaktionär und -Standort.

“Die Familie soll die Stammaktien von Porsche bekommen und weiter das Sagen haben”, sagt Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment. “Es geht in typischer VW-Manier weiter: Echte Unabhängigkeit ist nicht in Sicht.”

Überschrift des Artikels im Original:

Porsche Family Seeks Redemption With IPO After Tearful Defeat

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