Porsche-Betriebsratschef bezieht Prügel

Uwe Hück steigt für soziale Zwecke regelmäßig in den Boxring. Am vergangenen Freitag war es wieder soweit. Das Städtchen Gifhorn im VW-Stammland war Treffpunkt für die Box-Prominenz mit einem überraschendem Ausgang.


Wahrscheinlich ist es der erste Boxring, über dem die weiß-rote Fahne der IG Metall hängt. Überall in der Sporthalle laufen die Ordner der Gewerkschaft in ihrem hellroten T-Shirt herum, gut zu erkennen an dem Aufdruck „Du bist nicht allein“. Prominenz ist auch dabei, der mächtige Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh streift durch die Sitzreihen. Karlheinz Blessing, Personalvorstand bei VW und Osterlohs wichtigster Verhandlungspartner im Konzern, ist auch in das Sportzentrum Süd gekommen. Im sportlichen Freizeitlook und einmal ohne Anzug und Krawatte.

Das kleine Heide-Städtchen Gifhorn, 20 Kilometer von Wolfsburg entfernt, erlebt an diesem Freitag einen ganz besonderen Abend. Die Volkswagen-Prominenz hat sich angemeldet, um einen der Ihren zu unterstützen. Uwe Hück, ansonsten als einflussreicher Porsche-Betriebsratschef und laufstarker Metaller bekannt, hat sich auf von Weg von Stuttgart nach Gifhorn aufgemacht, um in den Boxring zu steigen. Hück ist 55 Jahre alt, für aktive Boxer ein außergewöhnliches Alter. „Blaue Flecke für soziale Zwecke“, lautet das Motto, das den Porsche-Betriebsratschef nach Gifhorn gebracht hat. Er will helfen und nimmt dafür in Kauf, dass er im Boxring bei dieser Benefiz-Gala verprügelt werden könnte.


Es ist kurz nach 22 Uhr, hinter den gut 1000 Zuschauern liegen bereits sechs Vorkämpfe. Da beginnt der Einmarsch der Gladiatoren. Den Anfang macht Firat Arslan, ein Deutsch-Türke aus dem Schwäbischen und amtierender Box-Europameister, ein echter Profi also und der Gegner von Uwe Hück. Dann folgt der Porsche-Betriebsratschef. Im Hintergrund läuft Musik von Udo Lindenberg, Hück betritt den Boxring. Natürlich hat er die Sympathien des Publikums auf seiner Seite. „Uwe, Uwe“, hallt es durch die Gifhorner Sporthalle.

„Fighting for hope“, Kämpfen für Hoffnung, steht auf dem Boxdress des Betriebsratschefs. Nicht zum ersten Mal wagt er sich für einen guten Zweck in den Ring. Für Uwe Hück hat das gewissermaßen schon Tradition. Mehrmals im Jahr zieht er die Boxhandschuhe an, um Geld für eine gute Sache zu sammeln. Meist in seiner schwäbischen Heimat, im Frühjahr sogar in Kapstadt in Südafrika. Hück kennt keine Angst vor Prügel: In jungen Jahren und vor seiner Zeit bei Porsche war er Europameister im Thaiboxen. In dieser Kampfsport-Variante dürfen auch Beine und Füße eingesetzt werden, der oberste Porsche-Betriebsrat kann sich aber auch gut allein mit den Fäusten zur Wehr setzen. „Normales Boxen eignet sich besser für Charity-Events, mit dem Thaiboxen geht das nicht ganz so gut“, erzählt Hück.

An diesem Abend in Gifhorn dreht sich alles um das Schicksal von Eddy Gutknecht, einem einstmals hoffnungsvollen Nachwuchsboxer, der vor dem Beginn seiner Profi-Karriere bei Volkswagen in Wolfsburg gearbeitet hatte. Gutknecht hatte Ende vergangenen Jahres bei einem Boxkampf in London schwere Kopfverletzungen erlitten und ist nun dauerhaft auf Pflege angewiesen. Seine Familie braucht Geld. Deshalb hatte die Wolfsburger IG Metall die Idee, den Porsche-Betriebsratschef für einen Benefiz-Kampf ins Niedersächsische zu holen. Schließlich ist Porsche auch eine Tochter des Volkswagen-Konzerns.

Hück müht sich redlich gegen seinen übermächtigen und zehn Jahre jüngeren Gegner. „Uwe, rechts und dann links“, ruft ihm jemand aus dem Publikum zu. Doch auch jeder Box-Laie erkennt schnell, dass Firat Arslan mit angezogener Handbremse gegen den Porsche-Betriebsrat angetreten ist. Schließlich ist es eine Benefiz-Veranstaltung, bei der niemand ernsten Schaden nehmen soll, auch Uwe Hück nicht. „Heute gibt es keinen Verlierer“, hatte der Ringsprecher schon vor dem Kampf angekündigt. Und nach der ersten Runde sagt er: „Niemand hat das Gefühl, dass hier irgendetwas abgesprochen sein könnte.“ Jeder im Publikum schmunzelt.


Auftritt soll friedlicher Kampf sein


Auch wenn es an diesem Abend keinen finalen K.O.-Schlag geben wird, ist es für die beiden Kämpfer echte körperliche Anstrengung. Acht Runden jeweils zu zwei Minuten müssen Hück und Arslan antreten. Der Schweiß rinnt, in den Kampfpausen haben die Helfer ordentlich zu tun. Der Porsche-Betriebsrat begleitet fast jede Attacke auf den Gegner mit einem lauten Stöhnen. Auch bei ihm ist alles am Ende immer gut kontrolliert, der Auftritt in Gifhorn soll jedem Besucher als friedlicher Kampf in Erinnerung bleiben. Trotzdem ist die Stimmung gut, fast wie bei jedem Boxkampf. Immerhin ist es der Wolfsburger IG Metall und dem VW-Betriebsrat gelungen, echte Box-Prominenz an Ring zu holen. Deutschlands früherer Vorzeige-Profi Axel Schulz ist gekommen, auch Ulli Wegner, der beste Box-Trainer des Landes. Und genauso Heinz Hoenig, bekannter Schauspieler mit starker Affinität zum Boxen.

Die Zeit vergeht im Flug und schnell sind die acht Runden vorüber. Uwe Hück hat die körperlichen Strapazen überstanden und steht – wie anfangs versprochen – nicht als Verlierer im Ring. „Unentschieden“, so lautet das Urteil, das der Ringrichter verkündet. Hück und Arslan sind beide ohne größere Blessuren davongekommen, jeder hat entscheidende Kopftreffer vermieden.


Uwe Hück ist trotzdem außer Atem, als er nach dem Kampf zum Mikrophon greift und sich bei allen Organisatoren ordentlich bedankt. Es soll nicht sein letzter Auftritt in einem Boxring gewesen sein, der Porsche-Betriebsratschef kündigt gleich wieder neue Kämpfe an. Hück ist auch in dieser Situation ein kämpferischer IG-Metaller, der sich für seine Gewerkschaft einsetzt. Bei der IG Metall werde echte Solidarität gelebt, wie der Benefiz-Boxkampf für den behinderten Kollegen Eddy Gutknecht beweise, sagt er. „Wir sind keine Blender wie die AfD“, ruft Hück ins Publikum, „sondern echte Metaller.“

Für die Familie Gutknecht hat sich der Auftritt des Porsche-Betriebsratschefs auf jeden Fall gelohnt. Mindestens 50.000 Euro werden nach diesem Boxkampf auf ihrem Konto landen, vielleicht wird es sogar noch etwas mehr. Und die gewohnten Auseinandersetzungen bei Volkswagen zwischen Arbeitnehmern und Management sind an diesem Abend auch einmal für einige Stunden vergessen.

KONTEXT

Uwe Hück - Vom Lackierer zum Millionär

Herkunft

Uwe Hück wurde am 22. Mai 1962 als eines von fünf Geschwistern in Stuttgart geboren. Nachdem er früh seine Eltern verloren hatte, wuchs er in verschiedenen Kinderheimen auf. Sein älterer Bruder nahm sich 1990 das Leben.

Ausbildung

Nachdem er zeitweise eine Sonderschule besuchen musste, machte Hück schließlich seinen Hauptschulabschluss ("Dort erkannte endlich ein Lehrer, dass ich gar nicht dumm bin", Focus, 26/2008). Mit 15 Jahren verließ er sein Heim und absolvierte von 1977 bis 1981 eine Lehre als Maler und Lackierer.

1982 bis 1987

Nach seiner Karriere als professioneller Thaiboxer heuerte Hück 1985 bei Porsche als Lackierer an. Drei Jahre zuvor trat er in die SPD ein und machte als streitbarer Vertreter bald auf sich aufmerksam. 1987 wurde er Vertrauensmann in der IG Metall.

1990 bis 2002

1990 rückte er in den Betriebsrat. Seit 1994 für diese Arbeit freigestellt, übernahm er 1997 den Vorsitz des Betriebsrats der Standorte Zuffenhausen und Ludwigsburg, bevor er 2002 zum Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats gewählt wurde.

2005

2005 handelte Uwe Hück einen Standortsicherungsvertrag der Porsche-Betriebe in Deutschland bis zum Jahr 2010 aus. Dieser sah eine Stellengarantie vor sowie Investitionen von gut 600 Millionen Euro.

Juli 2010

Nach schwierigen Verhandlungen erkämpfte der im März 2010 für weitere vier Jahre als Porsche-Betriebsratschef gewählte Hück dann im Juli 2010 eine weitere Jobgarantie für 8.600 Porsche-Beschäftigte bis 2015. Mit der Aushandlung der fünfjährigen Standortsicherung habe man nach seinen eigenen Worten "einen intergalaktischen Erfolg erzielt" und "die höchsten Investitionen in der Porsche-Geschichte festgeschrieben".

August 2010

2010 übernahm Hück bei der Porsche AG den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitz. Nachdem er sich monatelang für das Stammwerk Zuffenhausen als Produktionsstandort des neuen Hybrid-Sportwagens "918 Spyder" eingesetzt hatte, bekam der Stammsitz vom Porsche-Aufsichtsrat Ende Juli 2010 schließlich den Zuschlag für den Bau des innovativen Drei-Liter-Wagens.

Oktober 2010

Im Vorfeld der Verhandlungen hatte Hück auf eine Beschleunigung der geplanten Ablösung des Wiedeking-Nachfolgers Michael Macht durch den designierten neuen Porsche-Chef Matthias Müller gedrängt, der bei den Gesprächen über die Standortsicherung auch schon mit am Tisch saß und nun bereits zum 1. Okt. 2010 seinen Dienst in Zuffenhausen antrat. "Arbeiterführer Hück blockiert den Konzern nicht, behält aber seinen Querkopf und zwingt Wolfsburg zu Zugeständnissen", wertete das Handelsblatt (22.7.2010) diesen Vorgang.