Populismus-Autorin Temelkuran: "In Europa herrscht echte Panik."

"Ich denke, dass dies eine tiefere Krise ist, und die Krise der Demokratie ist sehr stark mit der Krise des Kapitalismus verflochten."

Das sagt die türkische Autorin Ece Temelkuran, die ein Buch über den Aufstieg des Rechtspopulismus geschrieben hat. Wir haben sie gefragt, was sie über den Zustand der Demokratie in Europa denkt.

Euronews: Werden die europäischen Demokratien einig durch den Winter kommen?

Temelkuran: In Europa herrscht echte Panik, und ich spüre sie überall, wo ich hingehe. Das Problem ist, dass die globale Debatte oder die europäische Debatte über Demokratie zwei Lesarten hat. Eine davon versucht uns zu sagen, dass, wenn wir die Dinge hier und da ein bisschen reparieren können, wenn wir diesen oder jenen Führer loswerden können, dann wird alles wieder so sein wie gewohnt. Ich denke jedoch, dass dies eine tiefere Krise ist. Die Krise der Demokratie ist sehr stark mit der Krise des Kapitalismus verflochten.

Euronews: Wie groß sind Ihrer Meinung nach Leute wie Viktor Orban eine Gefahr für das Projekt Europäische Union?

Temelkuran: Sie sind es für die Politik, die globale Politik im Allgemeinen, weil diese Typen, auch wenn sie nicht an der Macht sind, die Politik verändern. Sie ziehen die gesamte politische Sphäre nach rechts. Also muss sich auch das Zentrum im richtigen Spektrum neu positionieren. Die Welt wird also autoritärer. Es sind nicht nur Orban oder Trump oder Boris Johnson oder Recep Tayyip Erdogan als Personen. Sie verändern das Gesicht der Politik. Das ist also gefährlich, denn jetzt gibt es Menschen in Europa, die autoritäre Führer fordern. Das ist nicht gut, weil es uns, Leute wie mich, in eine komische Situation bringt, als würden wir, die Demokratie vor den Menschen schützen. Also müssen wir die Politik wieder nach links verschieben.

Euronews: Was sagen Sie Leuten, die nicht wählen wollen?

"Wählen ist keine Demokratie. Sie sollte sowieso nicht auf Abstimmung reduziert werden. Aber ich verstehe diese Menschen, weil sie kein Vertrauen in diese Art von Demokratie haben, die nichts für ihr Leben ändert. Also müssen sie ändern, was Demokratie ist. Also müssen sie auf der Straße sein und ihre Forderungen vortragen. Denn was uns heute an der Politik begeistert, passiert leider außerhalb der Parlamente."

Das Gespräch führte Meabh Mc Mahon.