Polizei: Mordanschlag auf Ex-Spion in Großbritannien mit Nervengift

Auf den russischen Ex-Spion Sergej Skripal ist nach Erkenntnissen der britischen Polizei ein Mordanschlag mit einem Nervengift verübt worden

Der russische Ex-Spion Sergej Skripal sollte der britischen Polizei zufolge mit einem Nervengift ermordet werden: Skripal und seine Tochter seien in England Opfer eines "Mordversuchs durch Anwendung eines Nervenkampfstoffs" geworden, sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei, Mark Rowley, am Mittwoch in London. Neben Skripal und seiner Tochter schwebt inzwischen auch ein Polizeibeamter in Lebensgefahr.

Rowley machte zunächst keine genaueren Angaben zu dem eingesetzten Stoff. Die Polizei behandle den Fall als "schwerwiegenden Vorfall". Es sei davon auszugehen, dass Skripal und seine Tochter "gezielt angegriffen" worden seien. Auch ein Polizist, der als einer der ersten vor Ort eingetroffen war, befinde sich im Krankenhaus und schwebe in Lebensgefahr. Es gebe jedoch keine Hinweise auf eine Gefahr für die Bevölkerung.

Dem Boulevardblatt "Sun" zufolge benötigten mehrere Rettungskräfte, die Skripal und seine Tochter behandelten, anschließend medizinische Hilfe. Zwei Polizisten hätten über juckende Augen, Keuchen und Ausschlag geklagt.

Der frühere russische Geheimagent Skripal und seine Tochter waren am Sonntag bewusstlos, aber ohne sichtbare Verletzungen, auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum im englischen Salisbury südwestlich von London gefunden worden. Der 66-jährige Ex-Doppelagent und seine 33-jährige Tochter wurden in ein Krankenhaus in Salisbury eingeliefert. Die BBC berichtete am Mittwoch unter Berufung auf eine Quelle, Skripal gehe es "überhaupt nicht gut".

Ein Nervenkampfstoff ist eine chemische Substanz, die sich auf das Nervensystem auswirkt. Zu den Bekanntesten zählen Sarin, Tabun und VX. Mit letzterem wurde im Februar 2017 der Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un auf dem Flughafen Kuala Lumpur ermordet.

Die Gifte dringen durch Inhalation oder - wie bei VX - über die Haut in den Organismus ein. Zu den Symptomen zählen brennende Augen, Schmerzen, Husten und Atemprobleme. Sie können schnell zur Bewusstlosigkeit, zu Krämpfen und zum Tod führen.

Skripal war 2006 in Russland wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Er soll russische Agenten an den britischen Geheimdienst MI6 verraten haben. Im Zuge eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und den USA kam er 2010 nach Großbritannien.

Nach dem Fund Skripals und seiner Tochter in Salisbury am Sonntag übernahm die britische Anti-Terroreinheit die Ermittlungen und verwies auf die "ungewöhnlichen Umstände". Die Polizei rekonstruiert derzeit die letzten Aufenthaltsorte Skripals und seiner Tochter. Am Mittwoch wurde "als Vorsichtsmaßnahme" um eine Örtlichkeit im nahegelegenen Amesbury ein Sicherheitskreis gezogen.

Während die Polizei erklärte, in alle Richtungen zu ermitteln, kündigte der britische Außenminister Boris Johnson eine "angemessene und robuste" Antwort seiner Regierung an, sollte ein Staat hinter der Attacke stecken. In diesem Zusammenhang nannte er Russland.

Moskau erklärte, über keinerlei Informationen über den "tragischen" Vorfall zu verfügen. Das russische Außenministerium prangerte eine "anti-russische Kampagne" an. Es handle sich um "Provokationen", um den Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien zu schaden. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa warf Johnson "wilde" Äußerungen vor. "Weder Journalisten, noch die Bevölkerung, noch die Politiker" würden jemals wissen, "was wirklich passiert ist", sagte sie.

Die britische Premierministerin Theresa May bestätigte am Mittwoch, dass ihre Regierung einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland in diesem Sommer in Erwägung ziehen könnte, sollte Moskau in den Fall Skripal verwickelt sein. Der mögliche Boykott würde demnach für Regierungsvertreter, nicht aber für die Spieler gelten.

Die Zeitung "The Times" berichtete unterdessen, die britischen Ermittler wollten nun auch den Tod von Skripals Ehefrau untersuchen, die 2012 an Krebs gestorben war, sowie den Tod von seinem Sohn Alexander, der im vergangenen Jahr in St. Petersburg verstorben war.