Politisches Herzblut

Ergo-Vertriebsvorstand Harald Christ will künftig stärker die SPD aufmischen. Spielten Differenzen im Management eine Rolle für den Wechsel?  


Er habe nie wirklich „Offensiv-Fußball“ spielen können, sagt Harald Christ auf die Frage, warum er als Ergo-Vertriebsvorstand den Versicherungskonzern zum Jahresende verlassen wird. Christ meint damit sein politisches Engagement. Seit fast 30 Jahren ist er SPD-Mitglied, zuletzt auch Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums. Nun aber will er sich „politisch stärker zu Wort melden“ als das mit seinem Vorstandsposten vereinbar wäre.
Nach Angaben des Unternehmens vom Dienstag scheidet Christ „auf eigenen Wunsch und im besten Einvernehmen“ zum 31. Dezember 2017 aus. Er wird durch Olaf Bläser, 48, ersetzt, bislang bereits Vorstand im Ergo Vertrieb.
Angesichts des AfD-Wahlergebnisses habe es bei ihm einen Stimmungswechsel gegeben, berichtete Christ. „Nur an der Seitenlinie stehen und meckern, das geht nicht“, sagte er. Es müsse nicht gleich eine Top-Position in der Partei sein, betont der 45-Jährige. „Aber natürlich werde ich mich so einbringen, dass ich in Zukunft für politisch verantwortungsvolle Aufgaben zur Verfügung stehe“, sagte Christ dem Handelsblatt.


Aus seinen Ambitionen hatte Harald Christ nie einen Hehl gemacht. „Ich werde der Politik sicher erhalten bleiben, in welcher Funktion auch immer“, hatte der 45-Jährige Vertriebsvorstand der Ergo-Versicherung, der 2009 schon SPD-Schatten-Wirtschaftsminister war, bereits im vergangenen Herbst im Interview mit dem Handelsblatt gesagt. Rund ein Jahr später hat sich der bullige Manager mit der markanten Brille, der von Ergo-Boss Markus Rieß erst vor zwei Jahren nach Düsseldorf geholt worden war, endgültig entschieden, sich vor allem wieder der Politik zu widmen.
Rieß habe nach Auskunft von Christ gefasst auf den Wechsel reagiert. „Er kennt mein politisches Herzblut. Er wusste davon, als er mich eingestellt hat“, betonte Christ. „Nun hat er für meinen Schritt Verständnis gezeigt. Das ist nicht selbstverständlich und eine große Geste.“
Mit Christ verliert die Munich-Re-Tochter einen der ungewöhnlichsten deutschen Finanzmanager, der stets zwischen Politik und Wirtschaft wandelte. Christ war als Vorstandschef und Gesellschafter des Fonds-Anbieters HCI Capital zu Vermögen gekommen und gilt seit seinem Ausstieg vor zehn Jahren als vermögend und wirtschaftlich unabhängig.
Bereits seit vielen Jahren engagiert sich Christ zudem für die SPD, derzeit etwa als Schatzmeister des SPD-Wirtschaftsforums, das vom ehemaligen TUI-Chef Michael Frenzel geleitet wird. Die Sozialdemokratie müsse ein Angebot machen an die sogenannte Mittelschicht und an den Mittelstand, sagte Christ nun dem Handelsblatt. Ohne die Mitte gewinne die SPD keine Wahl. „Dass ich einen Beitrag in die Mitte hinein leisten kann, ist unbestritten“, sagte Christ. „Ich will helfen, die SPD als starke Volkspartei in die Position zu bringen, dass sie den Kanzler stellen kann.“ Ob die SPD-Parteiführung seine Einmischung überhaupt wolle, sei ihm „relativ egal“.


Als Manager sammelte Christ schnell Meriten. So gilt der Ex-Banker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, als erfahrener Vertriebsmann, der vor dem Wechsel zu Ergo bereits die Postbank Finanzberatung AG leitete. In Düsseldorf fiel ihm mit dem Umbau des Vertriebs eine der Kernaufgaben bei der Restrukturierung zu. Zwar ist das Gemurre über die Zusammenlegung der früher getrennten Vertriebskanäle im Unternehmen vernehmlich, aber beim Umbau des Vertriebs gebe es deutliche Fortschritte, wie Ergo-Chef Rieß erst im Sommer betonte.
An Differenzen im Management liegt es wohl nicht, dass Christ nun nach Berlin strebt. Rieß hätte ihn gern gehalten, heißt es. Erst kürzlich lobte der Ergo-Boss die Arbeit des Vertriebschefs auf einer Führungskräftetagung der Munich Re ausdrücklich.
So ist das Band zwischen Christ und der Ergo auch nach seinem Abschied aus dem Vorstand nicht komplett gelöst. Christ bleibt Aufsichtsratsmitglied der zur Ergo zählenden Europäischen Reiseversicherung (ERV) und wechselt nach seinem Ausscheiden als Vorstand auch in den Aufsichtsrat der Ergo Beratung und Vertrieb, wie das Unternehmen mitteilte. Das ist nicht nur ein Zeichen der Wertschätzung, sondern auch ein cleverer Zug. Christ gilt als bestens vernetzt in Politik und Wirtschaft – und könnte noch ein wertvoller Kontakt für Ergo sein.