Dax schließt kaum verändert

Der September gilt als der schwierigste aller Handelsmonate. Doch für 2017 irrt die Börsenweisheit. Mit dem Aufschlag von heute kommt der Dax auf ein Plus von sechs Prozent. Bis zum Rekordhoch fehlen keine 150 Punkte.


Gelassen hat der deutsche Aktienmarkt am Montag auf die hohen Verluste der Großen Koalition und den Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl reagiert. Der Dax drehte nach anfänglichen leichten Verlusten ins Plus und schloss am Abend kaum verändert bei 12.594 Punkten. Damit hielt sich die Aufregung trotz des für viele Börsianer doch überraschenden Wahlausgangs bislang in Grenzen.

Der Euro rutschte am Montag um mehr als einen halben US-Cent auf 1,1856 Dollar ab. Auch der im September zum zweiten Mal in Folge gesunkene Ifo-Geschäftsklimaindex belastete die Börsen nicht. Der MDax, in dem die Aktien mittelgroßer Konzerne vertreten sind, stieg um 0,05 Prozent auf 25.631 Punkte. Der Technologiewerte-Index TecDax legte um 0,4 Prozent auf 2.410 Zähler zu. Der Euro-Zonen-Leitindex Euro Stoxx 50 notierte 0,1 Prozent niedriger bei 3.538 Punkten.


„Für die Börsen ist das Ergebnis der Bundestagswahl eine faustdicke Überraschung“, sagte der Leiter des Portfoliomanagements beim Fondshaus Union Investment, Björn Jesch. Mit einer Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen habe an den Börsen kaum jemand gerechnet. „Politiker und Investoren müssen sich nun neu sortieren.“

„Die Sondierungen zwischen CDU, FDP und Grünen werden zäh, so viel steht fest“, sagte der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, Ulrich Stephan. „Vor allem bei Themen wie Digitalisierung und Bildung oder bei der künftigen Steuer-, Energie- und Europapolitik.“

Die Stimmung ist nach einem denkwürdigen Abend sehr gedämpft. Während Union und SPD ihre schlechtesten Ergebnisse seit 1949 einfuhren, hat die AfD den Einzug in den Bundestag mit über zwölf Prozent geschafft. Die FDP ist wieder da, auch die Grünen verbessern sich leicht. Da die SPD nicht erneut in eine Große Koalition bilden, sondern in die Opposition gehen will, ist eine stabile Zweierkoalition ausgeschlossen. Kanzlerin Angela Merkel wird wohl nur mit der FDP und den Grünen weiterregieren können. Für die Regierungsbildung bedeutet das viele Fragezeichen.


Die massiven Stimmverluste der beiden großen Parteien Union und SPD sowie der Wahlerfolg der rechten AfD haben in der deutschen Wirtschaft Unsicherheit und Sorge ausgelöst. „Die AfD im Deutschen Bundestag schadet unserem Land“, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer am Sonntag. Längerfristig negative Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland sieht auch das deutsche Handwerk. Zugleich fürchten viele Wirtschaftsvertreter nun eine Hängepartie bei der Regierungsbildung verbunden mit weniger politische Stabilität. „Wir brauchen in diesen schwierigen Zeiten eine stabile Regierung“, mahnte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Eric Schweitzer.


An der Börse sehen Analysten keine dauerhafte Belastung der Märkte durch das Ergebnis – getreu der alten Weisheit, dass politische Börsen kurze Beine haben. „Kapitalmärkte mögen keine Überraschung. Das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 lässt keine dramatische Politikwende in Deutschland erwarten. Obwohl der erstmalige Einzug der AfD in den Bundestag sicherlich ein großes internationales Medienecho auslösen wird, ist der direkte Einfluss der populistischen Parteien am rechten und linken Rand auf die deutsche Politik weiterhin sehr gering“, kommentiert etwa Till Galler von JP Morgan Asset Management den Wahlausgang.

Eine weitere vierjährige Amtszeit von Angela Merkel verspreche Kontinuität. „Die Märkte werden diese Wahl schnell abhaken und den Blick zunehmend nach Italien richten, wo laut aktuellen Umfragen ein radikaler Politikwechsel im nächsten Frühjahr im Rahmen des Möglichen ist.“ Einzig das Scheitern Merkels an der Aufgabe, in den kommenden Wochen eine Koalitionsregierung zu formen, könnte zu neuer Unruhe an den Märkte führen, glaubt Galler.



Populismus in Europa auf dem Vormarsch


Nick Clay, Fondsmanager bei Newton Investment Management, ist weniger optimistisch: „Da die deutsche Wirtschaft einer der größten Nutznießer des Projekts Europa ist und sich auch dank der im Jahr 2016 in China umgesetzten Ankurbelungsmaßnahmen momentan sehr gut entwickelt, kommt die Wiederwahl von Angela Merkel nicht überraschend. Wir könnten uns allerdings vorstellen, dass die optimistischen Schlüsse, die die Märkte aus diesem Wahlergebnis ziehen, voreilig sind.“

Der Analyst sieht die verbreitete Ansicht an den Märkten, dass der Populismus in Europa nach dem Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich seinen Zenit überschritten hat, sich das politische Umfeld nun wieder normalisiert, durch den Ausgang der Bundestagswahl infrage gestellt. „Unserer Meinung nach könnten sich diese Einschätzungen durchaus als Irrtümer erweisen, gerade wegen des Erstarkens der Rechtsaußenpartei AfD“.

Das Ergebnis werde Merkels Einfluss in der zukünftigen Koalition jedenfalls schwächen und könne auch Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen haben. „Die Märkte hatten ursprünglich erwartet, dass die Bundestagswahl die Weichen für eine enge Partnerschaft zwischen Merkel und Macron stellen und damit weiterhin eine Stütze für den Euro sein würde – mit direkten Vorteilen für die europäischen Aktienmärkte. Doch der Erfolg der AfD könnte einen Strich durch diese Rechnung machen.“ Dennoch erwarten die Analysten von Newton Investment Management keine Panik an der Börse. „Vor dem Hintergrund der eher besonnenen Reaktionen auf die größeren politischen Schocks der letzten Zeit, erwarten wir jetzt keine deutlichen Wertschwankungen.“



Unter den Dax-Werten könnten die Versorger RWE und Eon zu den möglichen Verlierer der Bundestagswahl zählen, erwarten Marktteilnehmer. Die Grünen würden sich in Koalitionsverhandlungen auf die Themen Umwelt und Energie konzentrieren und seien in einer starken Position, argumentierten die Analysten der Investmentbank Kepler Cheuvreux. Bei Braunkohle und Atomausstieg drohe somit neuer Gegenwind. Die Aktien von RWE verloren am Montag rund fünf Prozent und waren damit größter Verlierer im Dax. In ihrem Sog gaben die Papiere von Eon um 0,7 Prozent nach. Profiteure könnten dagegen die Produzenten alternativer Energien sein.

Die Aktien der Lufthansa legten um 0,5 Prozent zu. Anleger spekulierten darauf, dass die Airline den Zuschlag für große Teile der insolventen Air Berlin bekommt.



An der Wall Street haben die Anleger in Erwartung einer Rede von Fed-Chefin Janet Yellen im weiteren Wochenverlauf vorsichtig agiert. Der Dow Jones gab im Handelsverlauf um 0,4 Prozent nach.

In Tokio zog der Nikkei-Index am Montag um 0,4 Prozent auf 20.387 Zähler an. Er profitierte vor allem von einem schwächeren Yen und Spekulationen auf Neuwahlen. Der chinesische Shanghai Composite fiel um 0,4 Prozent auf 3341 Punkte. Der Ausgang der Bundestagswahl hat den Euro im asiatischen Frühhandel sinken lassen.

Nach dem vorläufigen Ergebnis erhielt die Union 33,0 Prozent der Stimmen nach 41,5 Prozent 2013. Die SPD sackte auf 20,5 (2013: 25,7) Prozent. Mit 12,6 Prozent wird die AfD, die 2013 mit 4,7 Prozent knapp den Einzug ins Parlament verpasst hatte, drittstärkste Kraft.

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KONTEXT

Welche politische Risiken Anlegern 2017 noch drohen

Mueller-Ermittlungen

Die andauernden Untersuchungen des US-Sonderermittlers Robert Mueller stellen eine latente Bedrohung für die Aktienmärkte dar. Seit dem 17. Mai geht der frühere FBI-Direktor möglichen Verbindungen von US-Präsident Donald Trump zu russischen Regierungskreisen nach. Über den momentanen Stand der Ermittlungen lässt sich nur mutmaßen - Mueller gibt keine öffentlichen Stellungnahmen ab.

Quelle: Die japanische Bank Nomura hat die politischen Risiken für die Märkte in den kommenden Monaten erfasst.

politischen Risiken für die Märkte

Bundestagswahl

Auch wenn ein Kanzlerwechsel hierzulande derzeit unwahrscheinlich erscheint: Die Bundestagswahl am 24. September wird an den Börsen genau beobachtet werden. Denn eine Veränderung der bestehenden Regierungskoalition sowie das Erstarken populistischer Kräfte könnte auf Anlegerseite ebenso zu Unsicherheiten führen.

EZB-Sitzungen

Tagt der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), spitzen alle Börsianer ihre Ohren. Was EZB-Chef Mario Draghi bei der obligatorischen Pressekonferenz verkündet, hat mitunter gravierende Auswirkungen auf den Kursverlauf. Derzeit steigt der Druck auf die Notenbanker ihre ultralockere Geldpolitik - ob der guten Wirtschaftslage - zu beenden. Konkrete Ankündigungen werden im Herbst erwartet, nachdem Draghi Anleger auf der Sitzung Anfang September erneut vertröstet hatte.

BoE Inflation Report

Im Zuge der Brexit-Verhandlungen kommt den Berichten der Bank of England (BoE) besondere Bedeutung zu. Der nächste vierteljährliche Inflationsreport der britischen Zentralbank erscheint am 2. November. Laut dem Finanzinstitut würden die Auswirkungen des Brexit für britische Bürger schon jetzt durch steigende Lebensmittelpreise spürbar. Zuletzt hatte die Bank die Aussicht auf Wirtschafts- und Einkommenswachstum zurückgeschraubt und die Inflationsprognose auf 2,7 Prozent erhöht.

OPEC-Sitzung

Am 30. November findet die nächste Tagung der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) statt - ein Schicksalstag für alle Anleger. Zuletzt hatte die OPEC eine gemeinsame Produktionskürzung beschlossen, um den Ölpreis zu stabilisieren und eine Übersättigung zu verhindern. Die Vereinbarung - mit einer Laufzeit bis Ende März 2018 - wurde jedoch nicht von allen Ländern eingehalten.

Fed-Spitze

Die erste Amtszeit der derzeitigen Fed-Chefin Janet Yellen endet im Februar 2018. Ob US-Präsident Donald Trump ihr eine zweite zugesteht, ist ungewiss. Lange Zeit galt Trump als harscher Kritiker von Yellens Niedrigzinspolitik. Neben Yellen wird der Ex-Vizechef von Goldman Sachs, Gary Cohn, als aussichtsreicher Kandidat für den Fed-Chefposten gehandelt.