Ein politisch sensibler Aufschwung

Das Ifo-Institut hebt seine Wachstumsprognose deutlich an. Die frohe Botschaft scheint aber in Zeiten von Trumps Kritik an deutschen Handelsüberschüssen politisch extrem sensibel. Eine Analyse.


Der Aufschwung geht nun doch ungebremst weiter, ja er verstärkt sich sogar noch etwas. Das ist die Botschaft des Ifo-Instituts mit seiner revidierten Wachstumsprognose für Deutschland. Im Dezember hatte das Institut noch eine Wachstumsabschwächung des Bruttoinlandsprodukts auf 1,5 Prozent in diesem und 1,7 Prozent im nächsten Jahr prognostiziert. Nun sollen es doch 1,8 und 2,0 Prozent werden.

„Wie schon in den vergangenen Jahren wird der Aufschwung von der Binnenkonjunktur und dort insbesondere von der Bauwirtschaft und dem Konsum getragen“, erläutert Timo Wollmershäuser, der Leiter der Ifo-Konjunkturforschung in einer Pressemitteilung. Die Feststellung überrascht, lässt sich doch der Prognosetabelle entnehmen, dass der private Konsum in diesem Jahr nur um 1,2 Prozent und im kommenden Jahr um 1,6 Prozent zulegen soll. Das ist deutlich weniger als die rund zwei Prozent in den Vorjahren und auch deutlich weniger als das Wachstum der Wirtschaftsleistung insgesamt. Ein Wachstumstreiber, der deutlich hinter dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum zurückbleibt.


Wie geht das? Das sieht eher so aus, als würde das im Export und mit Bauinvestitionen verdiente Geld nur teilweise seinen Weg zu den konsumierenden privaten Haushalten finden. Das wäre Wasser auf die Mühlen derer, die wie OECD, Europäische Zentralbank und deutsche Gewerkschaften meinen, es wären etwas höhere Lohnsteigerungen angezeigt.

Auch die Feststellung, die „bisher enttäuschenden Unternehmensinvestitionen“ würden anziehen, ist nur bedingt in den Prognosedaten nachzuvollziehen. Die Ausrüstungsinvestitionen, normalerweise ein guter Indikator für Expansionspläne der Industrie, sind danach in diesem Jahr mit 1,0 Prozent Zunahme noch schwächer angesetzt als 2016. Erst für 2018 wird ein deutlicher, aber in Anbetracht des sehr niedrigen Niveaus immer noch nicht berauschender Anstieg um 3,8 Prozent – man muss wohl sagen – erhofft.

Letztlich ist also auch das Anziehen der Industriekonjunktur nicht mehr als eine direkte Reaktion auf die eigentliche Triebfeder des verstärkten Aufschwungs: den Export, den das Ifo-Institut erst verschämt an dritter Stelle als Stütze nennt. Er soll dieses und nächstes Jahr um jeweils viereinhalb Prozent zulegen. Der Import soll zwar noch etwas stärker steigen. Das schlägt aber wegen dessen viel geringerem Niveau weniger zu Buche.

Auf Nachfrage erläutert Konjunkturchef Wollmershäuser, dass die sehr niedrige Zahl für den Konsum im Jahresdurchschnittsvergleich die Dynamik im Jahr 2017 etwas unterzeichne, bestätigt aber, dass sein Instituts ein exportgetriebenes Wachstum prognostiziert. Der Welthandel habe ordentlich an Schwung gewonnen, und davon profitiere Deutschland, so dass sich die Konjunktur wandle „weg vom binnengetriebenen Aufschwung zu einem exportgetriebenen.“ Das wäre aber wohl keine schöne Überschrift zu Zeiten, zu denen der US-Präsident wegen der jetzt schon sehr hohen Überschüsse Deutschlands mit Handelssanktionen droht.


Denn das prognostizierte Exportwachstum führt dazu, dass der Überschuss in der Leistungsbilanz, der misst, wie viel mehr Geld Deutschland aus dem Ausland einnimmt als im Ausland ausgibt, auch 2018 noch die gleichen exorbitanten 8,3 Prozent der Wirtschaftsleistung wie 2016 beträgt, Es wäre das achte Jahr in Folge mit einem Überschuss von mehr als sechs Prozent und das vierte mit einem Überschuss von mehr als acht Prozent. Das gab es kaum je in einem großen Nicht-Ölexportland. Es wirft die Frage auf, wie Deutschland schadlos von diesen Überschüssen herunterkommen soll, die relativ bald an Grenzen der Verschuldungsfähigkeit der Abnehmerländer stoßen werden.

Das ist eine Frage, mit der sich das Ifo-Institut nicht ansatzweise beschäftigt. Stattdessen scheint es zu meinen, das Problem gehe weg, wenn es einen exportgetriebenen Aufschwung als vom heimischen Konsum getrieben darstellt - und einen langen Erklärkasten hinzufügt, der darlegt, dass immerhin der letzte Anstieg des Überschusses von sechs auf über acht Prozent im Wesentlichen von einem Ölpreisrückgang getrieben war.

KONTEXT

Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands

Die Trump-Verunsicherung

US-Präsident Donald Trump hat den Freihandel in Frage gestellt. Die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft macht sich zunehmend Sorgen.

Der wichtigste Handelspartner

Tatsächlich sind die USA unter den Einzelstaaten der wichtigste Handelspartner. 2015 wurden nach endgültigen Ergebnissen Waren im Wert von rund 174 Milliarden Euro zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gehandelt (Exporte und Importe). Insgesamt gingen knapp 10 Prozent der deutschen Exporte in die USA. Von dort kamen 7 Prozent der deutschen Importe.

Die Nachbarstaaten

Lange Zeit war Frankreich für Deutschland das wichtigste Land bei der Ein- und Ausfuhr von Waren. 2014 wurde Frankreich jedoch von den USA überholt. Dazu trugen der schwächere Euro, aber auch das vergleichsweise stärkere Wirtschaftswachstum in den USA bei. Drittwichtigster Handelspartner für Deutschland sind die Niederlande, die mit ihren Häfen ein wichtiger Umschlagplatz für den Welthandel sind.

Die Euro-Zone

Als Staatenverbund ist die EU der größte Handelspartner Deutschlands. Von den deutschen Exporten gehen 58 Prozent in die übrigen Länder der EU. In die Länder der Euro-Zone gehen 36 Prozent der Ausfuhren.

Der Kontinent Nr. eins

Wichtigster Kontinent außerhalb Europas für den Handel ist Asien, noch vor Amerika. Allein nach China gehen rund sechs Prozent der Exporte. Insgesamt belegt China als Handelspartner den vierten Platz. Bei den Importen liegt das Land für Deutschland sogar auf Platz eins. Fast zehn Prozent der Einfuhren kommen von dort.

Die Mini-Partner

Nach Afrika gehen lediglich zwei Prozent der deutschen Exporte und nach Australien und Ozeanien weniger als ein Prozent.

Quelle: dpa / alle Werte für 2015