Glasners "komplizierte" Amtszeit

Niclas Löwendorf
·Lesedauer: 8 Min.

Platz vier nach 18 Spieltagen, 32 Punkte auf dem Konto: Trotz schwieriger Umstände läuft es für den VfL Wolfsburg in dieser Spielzeit richtig gut (Bundesliga: VfL Wolfsburg - SC Freiburg, ab 18 Uhr im LIVETICKER). Die Niedersachsen sind in der Bundesliga-Spitzengruppe angekommen und wollen auch im DFB-Pokal ein Wörtchen mitreden.

Dort empfangen die Wölfe am Mittwoch den fünfmaligen Pokalsieger FC Schalke 04. SPORT1 zeigt das Spiel im Achtelfinale des DFB-Pokals live ab 17.30 Uhr im Free-TV.

Wolfsburg hatte sich in seinen ersten beiden Pokal-Partien in dieser Saison jeweils klar durchgesetzt. In der ersten Runde schlug man Union Fürstenwalde mit 4:1, in der zweiten Runde fuhr der Pokalsieger von 2015 ein 4:0 gegen den SV Sandhausen ein.

Für Gegner Schalke war es der einzige Wettbewerb, in dem es während der Sieglos-Serie von 30 Spiele Erfolgserlebnisse gab. Aber auch nur gegen unterklassige Gegner: 4:0 gegen Schweinfurt 05 und 3:1 gegen SSV Ulm. (Spielplan DFB-Pokal)


Im SPORT1-Interview spricht Trainer Oliver Glasner über seine bisherige Amtszeit, Torjäger Wout Weghorst und die schwierige Lage auf Schalke.

SPORT1: Ihre Mannschaft steht aktuell auf Platz vier. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, aber trotzdem ein schönes Gefühl, oder?

Glasner: Es ist ein sehr schönes Gefühl, aber am meisten freuen mich die Leistungen der Mannschaft. Wir machen einen sehr stabilen Eindruck, viele Spieler sind in einer guten Form. Das Resultat ist, dass wir viele Spiele gewonnen haben und in der Tabelle gut dastehen.

SPORT1: Vor genau einem Jahr hatte der VfL nach 18 Spieltagen 24 Punkte und lag auf Platz neun. Was sagt das über die Entwicklung aus?

Glasner: Wir haben eine gute Entwicklung genommen, sind stabiler. Die Jungs wissen, was sie zu tun haben, egal mit oder ohne Ball. Die Abläufe haben sich verbessert. Ich hoffe natürlich, dass das auch so weitergeht.

SPORT1: Sie sind nun seit eineinhalb Jahren in Wolfsburg. Sie haben sich gut zu recht gefunden, oder?

Glasner: "Trainieren kurz, aber sehr intensiv"

Alle Video-Highlights des DFB-Pokals in der SPORT1-Mediathek und in der SPORT1 App

Glasner: Es waren sehr komplizierte eineinhalb Jahre. Durch Corona hatten und haben wir große Herausforderungen. Der Terminplan im Sommer und jetzt im Winter ist sehr kompliziert. Das wird im kommenden Sommer nicht viel anders aussehen.

SPORT1: Wie sehen Sie die Gesamt-Entwicklung des VfL Wolfsburg?

Glasner: Die Vorsaison mit Platz sieben und dem Erreichen des Achtelfinals in der Europa League war eine sehr, sehr gute Saison. Die Niederlage in der Qualifikation in Athen war sehr bitter, andererseits hatten wir dadurch mehr Trainingszeit. Wir profitieren davon. Das hatten wir zuvor nicht so oft. Aber anders wäre es uns dann schon lieber gewesen.

SPORT1: Der VfL hat bislang die meisten Sprints und die meisten intensiven Läufe gemacht. Was sagt das aus?

Glasner: Das zeigt, dass die Mannschaft körperlich in einer sehr guten Verfassung ist und dass die Jungs bereit sind in jedem Spiel an ihre Grenzen zu gehen. Mich als Trainer freut es, wenn ich sehe, dass wir die Dinge aus dem Training im Spiel so gut umsetzen. Wir trainieren zwar recht kurz, aber dafür sehr intensiv. Alles was du im Training machst kannst du im Spiel anwenden und deswegen ist es das Resultat, auf der einen Seite, dass die Jungs so super mitziehen und auf der anderen Seite wie wir seit mittlerweile eineinhalb Jahren trainieren.

SPORT1: Meiste Sprints und meisten intensive Läufe heißt aber auch, dass die Mannschaft diszipliniert ist, oder?

Glasner: Ja, aber das ist auch, dass was wir spielen wollen. Wir versuchen den Gegner immer wieder unter Druck zu setzen. Wir haben fast jeden Spieltag die meisten Sprints auch gegen den Ball in Richtung des gegnerischen Tors. Das heißt, dass wir immer wieder nach vorne attackieren, Druck auf den Ball bekommen. Das beginnt in der vordersten Reihe, setzt sich über die Außenverteidiger fort, über das zentrale Mittelfeld. Das ist unsere Idee. Das bedarf auf der einen Seite taktisches Verständnis, aber ganz wichtig ist auch immer wie wir das umsetzen.

SPORT1: Auch Wout Weghorst macht viele Sprints und Läufe. Gerade für einen Stürmer ist das schon besonders.

Glasner über Weghorst: Hat eine super Mentalität

Werde Deutschlands Tippkönig! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Glasner: Wout schießt die Tore für den VfL, aber er ist auch unser erster Verteidiger. Er hat eine super Mentalität in der Defensive mitzuarbeiten. Wir haben gewisse Auslöser, wo wir zu attackieren beginnen und da ist Wout meistens unser erster Spieler. Das macht ihn sehr, sehr wertvoll für die Mannschaft.

SPORT1: Nach dem Spiel gegen Freiburg geht es kommende Woche im DFB-Pokal zur Sache. Welchen Stellenwert hat der Pokal für Sie?

Glasner: Einen sehr hohen. Letztes Jahr sind wir leider schon früh gegen Leipzig ausgeschieden und jetzt wollen wir gegen Schalke ins Viertelfinale einziehen. In meiner aktiven Karriere durfte ich zweimal Pokalsieger werden. Das ist ein schönes Gefühl. Hier in Deutschland hat der Pokal noch eine größere Bedeutung als in Österreich.

SPORT1: Welcher Stellenwert hat der Pokal für die Mannschaft?

Glasner: Da ist es dasselbe, wobei wir noch gar nicht über den Pokal sprechen. Erst einmal gilt der Fokus Freiburg. Die haben aus den letzten zehn Spielen nur eins verloren. Wir Trainer beschäftigen uns aber schon damit, weil wir in sechs Tagen drei Spiele haben. Das ist der kürzeste Rhythmus, indem du drei Spiele haben kannst. Das wird sehr knackig, aber wir freuen uns darauf, da wir auch fast alle Spieler zur Verfügung haben.

SPORT1: Wenn man hier in den PK-Raum hereinkommt, steht dort ja auch der DFB-Pokal. Lacht der Sie das eine oder andere Mal an und denken Sie vielleicht mal ein Stückchen weiter?

Glasner über das DFB-Pokal-Finale: "Ein großer Anreiz"

Glasner: Jetzt noch weniger, da du momentan noch im Hamsterrad Bundesliga bist und nächste Woche kommt dazwischen der DFB-Pokal. Klar ist, dass es eine große Chance ist, auch jetzt im Achtelfinale zu stehen. Du hast noch drei Spiele und dann stehst du im Finale in Berlin. Marcel Schäfer war damals beim Pokalsieg mit dabei. Es soll mega sein, vor allem, wenn das Stadion voll ist, eine Riesenatmosphäre. Das ist schon ein großer Anreiz für uns. Schalke spielt eine schwierige Bundesliga-Saison, aber der Pokal ist für sie ja auch eine Chance aus einer schlechten Saison eine gute zu machen.

SPORT1: Der FC Bayern ist schon aus dem Pokal ausgeschieden. Hat er dadurch nochmal einen höheren Stellenwert?

Glasner: Ich weiß gar nicht, wie oft Bayern im Finale stand und es dann auch gewonnen hat. Jetzt sind sie eben mal draußen, aber es gibt noch so viele gute Mannschaften. Zumindest wird es nicht schwieriger den Pokal zu gewinnen.

SPORT1: Wie bewerten Sie die Lage auf Schalke?

Glasner: Es ist eine sehr schwierige Lage. In meinem ersten halben Jahr haben sie eine überragende Hinrunde gespielt. Aus der Ferne kam dann ein völlig unerwarteter Einbruch, der dazu geführt hat, dass man 30 Spiele sieglos war. Ich habe aber den Eindruck, dass sich Schalke in den letzten Spielen ein bisschen gefangen hat. Sie werden den Pokal als eine Riesenchance für sich und den Klub sehen.

SPORT1: Ist es trotzdem eher ein dankbares Los?

Glasner: Das ist ein Wort, dass ich nie verwenden würde in einem Spiel. Wir haben vor jedem Gegner Respekt. Jedes Team gibt ihr bestes, um ein Spiel zu gewinnen. Es gibt keine dankbaren oder undankbaren Gegner. Nichtsdestotrotz wollen wir Schalke das Leben schwer machen und ins Viertelfinale einziehen.

SPORT1: Zurück zu Wout Weghorst: Das Transferfenster endet bald. Sind Sie froh, dass er immer noch hier auf dem Trainingsplatz herumläuft?

Glasner: Damit beschäftige ich mich nicht. Ich habe mit Wout einen sehr engen Austausch. Wir haben darüber gesprochen, aber Wout hat ja auch deutlich gesagt, dass er sich in Wolfsburg richtig wohlfühlt. Er weiß, was er an der Mannschaft, am Klub hat. Dennoch kannst du nie etwas ausschließen, bis das Transferfenster schließt. Aber momentan mache ich mir überhaupt keine Sorgen, dass uns Wout im Winter verlässt.

SPORT1: Das heißt sie wünschen sich, dass der Torjäger bei Ihnen bleibt?

Glasner: Ganz klar. Ich wünsche mir, dass jeder Spieler bei uns bleibt, weil jeder Spieler seinen Anteil dazu beigetragen hat, dass wir da stehen, wo wir jetzt stehen.

SPORT1: Ganz allgemein gefragt: Gewöhnt man sich schon daran, dass die Ränge leer sind?

Glasner: "Emotionen kommen aktuell zu kurz"

Glasner: Leider ja. Es ist nichts Außergewöhnliches mehr, dass man die Stimmen hört, die gegnerische Bank hört, was auf dem Platz passiert. Daran willst du dich nicht gewöhnen, aber wir Menschen ticken so, dass wir uns fast an alles gewöhnen. Wir wünschen uns alle eine Rückkehr, ich befürchte aber, dass das noch eine Weile dauern wird. Umso schöner wird es dann, wenn die Stadien wieder voll sind.

SPORT1: Gibt es auch Vorteile durch diese Situation?

DAZN gratis testen und die Champions League live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Glasner: Nein. Und wenn es welche gibt, möchte ich sie nicht haben. Ich habe über den Pokalsieg gesprochen, zusammen mit den Fans, mit der Mannschaft feiern. Das ist das was dann auch am Ende hängen bleibt, diese Emotionen, diese Gefühle. Und die kommen in dieser Phase jetzt schon zu kurz.

SPORT1: Das heißt, dass das Pokalfinale in dieser Saison auch ein besonderes sein wird, wenn vielleicht keine Fans dabei sind?

Glasner: Absolut. Das hat man auch in der letzten Saison gesehen bei Leverkusen gegen Bayern. Das war ein richtig gutes Spiel, aber die Zuschauer haben schon sehr gefehlt.