„Was in China gut funktioniert, lässt sich auch in Deutschland einsetzen“


In seiner Suite im Hotel Adlon Kempinski am Brandenburger Tor empfängt Richard Liu zum Interview. Als Teil einer Delegation um Chinas Premier Li Keqiang ist er nach Berlin gereist. Er war schon oft hier. Aber dieses Mal kommt er mit einer klaren Mission: den europäischen Markt zu erobern.

Herr Liu, Sie machen Ihr meistes Geld in China. Jetzt wollen Sie Ihr internationales Geschäft ausweiten. Was planen Sie in Deutschland?
Wir arbeiten schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit Herstellern aus Deutschland zusammen. Ich bin nach Berlin gereist, um zwei Ziele zu erreichen. Ich will das Geschäft erweitern. Mir geht es nicht mehr nur darum, Produkte von Deutschland nach China zu verkaufen. Ich möchte auch Produkte in Europa verkaufen. Zweitens möchte ich unser Geschäft auch auf die Versicherungsbranche ausweiten und plane dazu eine Partnerschaft mit der Allianz.

Der Verkauf von Versicherungsprodukten wie denen der Allianz war erwartet worden. Aber Ihr Fokus auf Kunden in Europa ist ein kompletter Kurswechsel. Jetzt wollen Sie also chinesische Produkte nach Deutschland verkaufen?
Mir geht es nicht nur um chinesische Produkte. Ich plane global. Ich möchte unterschiedliche Produkte verkaufen – auch lokale Produkte.


Das klingt ganz nach einem Frontalangriff auf Amazon …
Ich will Amazon nicht angreifen. Der Onlinehandel ist ein großes Geschäft. Ich denke, es ist nicht gut, wenn ein einzelner Anbieter den Markt kontrolliert. Das ist weder gut für die Konsumenten noch für Europa. Ein dominanter Spieler ist eine Gefahr. Je mehr Wettbewerb es gibt, desto besser ist das für die Konsumenten und die Produzenten.

Was planen Sie konkret?
Die finale Entscheidung steht noch aus. Ich komme oft hierher, um mit Konsumenten, Produzenten und der Regierung zu sprechen. Bis zum Ende dieses Jahres werden wir eine konkrete Strategie zur Erschließung des Marktes in Europa auflegen. Dann werden wir die Details bekanntgeben können.

Aber der Kern Ihres Plans ist es, direkt an Endkunden in Europa zu verkaufen?
Ja. Es geht nur noch darum, die Details zu klären. Aber unser Ziel ist klar.

Planen Sie auch Übernahmen? Mit dem Kauf eines Anbieters wie Zalando könnten Sie sich auf einen Schlag einen großen Marktanteil sichern.
Ich kann nicht sagen, dass solche Pläne nicht auf dem Tisch liegen. Ich kann aber sagen, dass wir derzeit nicht in vertieften Gesprächen für eine Übernahme mit der Firma stehen, die Sie gerade genannt haben.


Bereiten Sie dann andere Firmenkäufe vor?
Wenn wir eine gute Chance sehen, dann nutzen wir sie. Wir sind offen.

Sie haben ein großes Logistiknetz. Schauen Sie auch auf mögliche Übernahmen im Logistiksektor?
Wir wollen auf Partnerschaften mit Anbietern wie DHL oder UPS setzen. Das ist unsere erste Wahl.

In Frankreich planen Sie bereits ein Logistikzentrum, in Deutschland erwägen Sie einen ähnlichen Schritt. Wollen Sie wie in China bis zur Haustüre der Kunden liefern?
Wir gehen strategische Partnerschaften ein. Damit können wir die Vorteile beider Systeme nutzen. Wir werden ein sehr effizientes System aufbauen. Natürlich werden wir ein Netzwerk von eigenen Logistikzentren errichten. Für den letzten Schritt der Zustellung zu den Endkunden werden wir jedoch auf Partner setzen. Wir treten hier jedoch nicht als ein einfacher Kunde von DHL auf, sondern als strategischer Partner. Wir sind dazu in intensiven Gesprächen, aber eine finale Entscheidung steht noch aus.


JD.com liefert sich ein Wettrennen mit Alibaba um Kunden in Europa. Alibaba hat bereits ein Büro in München. Wie wollen Sie mithalten?
Wir haben schon ein Büro in Paris und Mitarbeiter in London und Mailand sowie ein Forschungszentrum in Cambridge. Bis zum Ende dieses Jahres werden wir ein Büro in Deutschland eröffnen. Auch in weiteren Städten in Europa werden wir Präsenzen einrichten.

In Cambridge entwickeln Sie Ansätze zur künstlichen Intelligenz, um Logistiknetze effizienter zu machen. Sie wollen diese Technik auch verkaufen. Haben Sie schon Kunden in Europa?
In China haben wir bereits eine Vielzahl von Großkunden. Unsere Produkte sind zentral für die Steuerung ihrer Logistikzentren. In Europa werden wir wohl noch etwas Zeit brauchen. Deshalb sind unsere Logistikzentren in Europa auch so wichtig: Sie sollen zur Schau stellen, wie effizient und schnell unsere Warenabfertigung funktioniert. Damit können wir Werbung für unsere Technik machen und die Fähigkeiten unserer Ansätze präsentieren.

Wie laufen die Gespräche mit DHL über den Einsatz Ihrer Technik?
Wir führen schon seit langer Zeit Gespräche. Wir sind in der gleichen Branche. In China gibt es bereits kleinere Kooperationsprojekte. Ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch enger mit westlichen Logistikkonzernen wie DHL oder UPS zusammenarbeiten werden.

Warum sollte DHL mit Ihnen zusammenarbeiten? Sind Ihre Logistikzentren wirklich besser als die von DHL?
Ja, da bin ich mir sicher. Technologie kennt keine Grenzen. Was in China gut funktioniert, lässt sich auch in Deutschland einsetzen.


Aber wo ist Ihre Technik konkret überlegen?
Die meisten Logistikunternehmen in Europa konzentrieren sich auf Maschinen. Aber unser Fokus liegt auf künstlicher Intelligenz. Deshalb sehe ich auch keine direkte Konkurrenz zu den bestehenden Logistikern. Wir können uns ergänzen. Wir wissen, wie sich Maschinen effizient einsetzen lassen. Mit Fives, einem französischen Hersteller von Sortiermaschinen, haben wir bereits eine gute Zusammenarbeit. Wir sind kein Konkurrent, sondern ein Partner. Unser System ist von Anfang an auf einen optimalen Kontakt zu den Endkunden ausgelegt. Darin können wir europäischen Logistikkonzernen voraus sein.

Wenn Ihr System so gut ist, warum machen Sie dann keinen Profit? Für das vergangene Geschäftsjahr haben Sie einen Verlust von umgerechnet rund 1,6 Millionen Euro verbucht ...
Das kann ich ganz einfach beantworten: Bei JD konzentrieren wir uns auf das langfristige Geschäft. Uns geht es nicht darum, kurzfristigen Profit zu machen. Mir geht es um die grundlegenden Fragen: Wie kann ich meinen Kunden bessere Dienste anbieten? Ich will die Firma so ausrichten, dass sie für 100 oder 200 Jahre Bestand hat.

Wann werden Sie Gewinn erwirtschaften?
Schon vor fünf Jahren habe ich gesagt, dass ich über Nacht die Firma auf einen Profit umkrempeln könnte. Hinter der Aussage stehe ich bis heute. Aber es geht nicht um Gewinn. Es geht darum, der beste Anbieter auf einem Markt zu sein. In China sind wir der beste Anbieter. Die Kunden bringen uns das höchste Vertrauen entgegen. Das ist langfristig viel mehr wert als ein hoher Profit. Aber ich bin überzeugt, dass wir sehr hohe Profitraten einfahren können.


Und wann ist der richtige Zeitpunkt, die Firma auch auf Gewinn auszurichten?
Das kann ich Ihnen jetzt nicht sagen.

Wenn Ihre Firma so viel besser als Ihr Rivale Alibaba ist, warum haben Sie dann nur rund ein Drittel Marktanteil in China, während Alibaba rund zwei Drittel auf sich vereint?
Es ist unfair, uns zu einem bestimmten Zeitpunkt mit Alibaba zu vergleichen – wir sind sieben Jahre später als Alibaba in den Markt eingestiegen. In den 14 Jahren seit Gründung von JD haben wir höhere Wachstumsraten als unsere Wettbewerber eingefahren. Und ich bin auch zehn Jahre jünger als Alibaba-Gründer Jack Ma. Sie können uns also nicht direkt vergleichen. Ich bin mir sicher, dass wir in ein paar Jahren deutlich größer als Alibaba sein werden: beim Umsatz, beim weltweiten Außenumsatz und beim Gewinn.

In Deutschland werden chinesische Übernahmen kritisch gesehen. Vergangenes Jahr wurde die Außenwirtschaftsverordnung verschärft. Können Sie die Sorge vor chinesischen Investoren nachvollziehen?
Nein, absolut nicht. Restriktionen für Investitionen sind der falsche Weg. Europa sollte offen sein. Jedes Land sollte offen sein. China ist der wichtigste Markt für deutsche Autos. Davon profitieren beide Seiten. Abschottung ist der falsche Weg.


Aber noch ist China nicht offen. Chinesische Firmen sind an unserer größten Bank beteiligt, am Autobauer Daimler, und sie haben den Flughafen in Hahn gekauft. In China wäre das nicht möglich. Glauben Sie, dass sich China komplett öffnen wird?
Ich bin mir sicher, dass sich China weiter und weiter öffnen wird. Chinas Zentralregierung begrüßt jegliche Investitionen aus dem Ausland. Das Land öffnet sich immer weiter. Das wichtigste Ziel von Regierungen, Firmen und Organisationen ist es, das Leben der Menschen zu verbessern und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das sollte Priorität haben. Und daran sollten wir gemeinsam arbeiten.

Peking hat eine Öffnung versprochen, aber noch immer sind viele Sektoren für ausländische Firmen verschlossen. Internetfirmen wie Facebook und Google werden blockiert. Wird sich das ändern?
Ich bin kein Politiker. Das kann ich nicht entscheiden.

Die Politik hat aber direkte Auswirkungen auf Ihr Geschäft. China und die USA überziehen sich gegenseitig mit Strafzöllen. Das kann auch Sie treffen. Steuern wir auf einen Handelskrieg zu?
Krieg ist immer schlecht. Ich hoffe, dass die USA und China eine Einigung finden werden.

Hat damit Ihr Deutschland-Besuch zu tun? Wollen Sie stärker auf Europa setzen, weil die Beziehungen zu den USA in Gefahr sein könnten?
Wenn es wirklich zu einem Handelskrieg zwischen China und den USA kommt, dann könnte das eine Chance für Europa sein. Dann würden wir sicherlich mehr Produkte aus Europa für den chinesischen Markt einkaufen.

Herr Liu, vielen Dank für das Gespräch.