Der plötzliche Abgang von Sergio Marchionne trifft Fiat Chrysler schwer


Sergio Marchionne war für Fiat Chrysler mehr als ein Vorstandschef. Pullover statt Anzug, Charme statt Eintönigkeit – der kanadisch-italienische Manager war eine schillernde Persönlichkeit. Wer ihn deswegen unterschätzte, wurde schnell eines Besseren belehrt. Marchionne führte den Autokonzern mit eiserner Hand, erstaunliche Erfolge gaben ihm einen Ausnahmestatus im Konzern. Doch plötzlich muss er von der Spitze abtreten. Eine Krankenhausoperation an der Schulter scheint katastrophal verlaufen zu sein.

Fiat Chrysler steht unter Schock. Seit 2004 führte Marchionne Fiat, fusionierte den italienischen Hersteller 2009 mit Chrysler aus den USA. Es gab viele Pessimisten und Zweifler an dem transatlantischen Bündnis, die der 66-Jährige aber überzeugen konnte. Dazu reicht ein Blick auf den Aktienkurs, der sich seit dem Zusammenschluss weit mehr als verdreifachte.

Eigentlich wollte Marchionne 2019 abtreten. Sein Abgang trifft das Unternehmen daher nicht völlig unvorbereitet, wie man an den rasch verkündeten Neubesetzungen sieht – sein Nachfolger als neuer Konzernchef wird Mike Manley. Trotzdem reißt Marchionne ein großes Loch. Investoren ist klar, was sie an ihm verlieren. Die Aktie kippte um mehr als zwei Prozent am Montag nach unten, der erste Handelstag nach seinem am Wochenende bekanntgegebenen Rücktritt.

Mit Marchionne verliert Fiat Chrysler die seltene Gabe des Managers, Finanzanalyst und Pokerspieler zugleich zu sein. Obsessiv beschäftigte er sich mit Zahlen, Kosten und Abschreibungen waren sein Reich, der Bleistift konnte nicht spitz genug sein. Sein Hintergrund als Analyst machte ihn aber nicht risikoscheu. Leidenschaftlich gern spielt er Karten. Wenn das Blatt gut war, scheute er sich nicht vor hohen Einsätzen zurück.


Bislang brachte das große Erfolge für Fiat Chrysler. Beispielsweise setzte der Konzern frühzeitig in den USA alles auf Geländewagen und Pick-ups. Erst vor Kurzem machte es Ford nach. Die Ernte kann Manley am morgigen Mittwoch einfahren und einen stolzen Quartalsgewinn von wohl 2,1 Milliarden Dollar verkünden.

Sicher: Einige Wetten von Marchionne könnten nicht aufgehen. So kümmerte er sich wenig um Elektroantriebe oder selbstfahrende Autotechnik. Der vor wenigen Wochen von ihm vorgestellte Fünfjahresplan dazu kam reichlich spät, im Vergleich zu anderen Herstellern hinkt Fiat Chrysler bei den wichtigen Zukunftsthemen hinterher.

Diese großen Herausforderungen muss der Konzern nun ohne ihn stemmen. Marchionne hinterlässt ein Vakuum, das sich nicht so leicht füllen lässt. Er hielt das Unternehmen zusammen, war Antreiber und Sinngeber für Fiat Chrysler. Diese Rolle kann sein Nachfolger nicht von heute auf morgen einnehmen.