„Plötzlich taucht wieder russische Technik auf“

Bis vor kurzem galten Nordkoreas Raketen als Witz. Nun sorgen sie für eine verbale Eskalation. Raketenexperte Markus Schiller erklärt, wie Nordkorea so rasch Fortschritte machen konnte – und die Rolle Russlands.


Herr Schiller, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem nordkoreanischen Raketenprogramm. Hat es Sie überrascht, dass Pjöngjang offenbar viel weiter ist als bisher angenommen
Ja und Nein zugleich. Ich habe den Nordkoreanern nie zugetraut, dass sie so etwas alleine hinbekommen. Vor fünf Jahren mussten sie auf Paraden ja noch Attrappen vorführen, weil sie nichts anderes hatten. Ich habe damals gedacht: Die sind Jahrzehnte von funktionsfähigen Interkontinentalraketen entfernt. Aber nun fliegen die Raketen. Allerdings nur, weil sie auf russischen Triebwerken basieren.


Auf russischen Triebwerken?
Ja, das gesamte Raketenprogramm der Nordkoreaner konnte doch nur mit russischer Hilfe entstehen. Das fing schon während der 80er Jahre mit sowjetischer Hilfe an und ging in den 90ern weiter als russische Wissenschaftler nach Nordkorea gingen. Um die Jahrtausendwende aber geriet der Austausch ins Stocken. Zumindest haben wir zuletzt kaum noch russische Technik in nordkoreanischen Raketen entdeckt. Jetzt taucht aber plötzlich wieder welche auf. Und zwar gehäuft.


Haben die Nordkoreaner nicht vielleicht einfach einen technologischen Sprung hingelegt?
Das glaube ich nicht. Wir reden hier über ein Land, dass es noch nicht einmal schafft, seine Stromversorgung sicherzustellen oder vernünftige Druckluftschläuche zu produzieren. Länder wie China oder Russland haben für ähnliche Entwicklungen 15 bis 20 Jahre gebraucht. Und Nordkorea soll es in bloß fünf Jahren schaffen obwohl es mit wirtschaftlichen Sanktionen belegt ist? Das wäre schon sehr verwunderlich.

Der Kreml streitet jegliche Verbindung zu Nordkorea ab. Woher kommen die russischen Bauteile wie etwa die Triebwerke dann?
Man kann sie jedenfalls nicht einfach so am Markt kaufen, gerade weil es Sanktionen gegenüber Nordkorea gibt. Solche Geschäfte funktionieren nur, wenn der Verkäufer gute Verbindungen zur Regierung hat, oder wenn die richtigen Leute aktiv wegschauen. Ich würde der russischen Regierung aber nie unterstellen, dass sie solche Deals von oberster Stelle genehmigt. Es ist genauso gut möglich, dass sehr gut organisierte Kriminelle solche Triebwerke nach Nordkorea schmuggeln, womöglich über Drittländer. Russland und Nordkorea besitzen immerhin eine gemeinsame Grenze.


Haben Sie in Ihren Analysen auch Hinweise auf Bauteile aus anderen Ländern gefunden?
Das Gesamtkonzept der neuen Raketen deutet sehr auf Russland oder die Ukraine hin. Aber wenn es um kleinere Details geht, finden sich oft auch Bauteile aus ganz anderen Ländern. In der Unha-Rakete, eigentlich ein Sattelitenträger, den man aber auch militärisch nutzen kann, fanden sich zum Beispiel Teile aus China, aus der Schweiz oder aus den USA. Solche kleineren Bauteile reisen oft um die ganze Welt.


„Putin verursacht gerne Trubel“

Wie stellen Sie überhaupt fest, woher ein Raketen-Bauteil stammt?
Das kann man sich wie bei verschiedenen Automarken vorstellen. Ein Audi bleibt immer ein Audi und sieht anders aus als ein BMW. Und einen Mercedes werden Sie auch nie mit einem Opel verwechseln. Es gibt sozusagen verschiedene Ingenieurshandschriften. Man muss sie nur lesen können.

So einfach geht das?
Naja, bei den nordkoreanischen Raketen konnten wir auf gute Bilder und Videos zurückgreifen. Wenn man die Fotos der nordkoreanischen Rakete und dem russischen Original nebeneinander legt, sieht selbst ein Laie gewisse Ähnlichkeiten. Dazu kommen kompliziertere Analysen: Mithilfe der Videoaufnahmen können wir den Schub der nordkoreanischen Rakete schätzen. Er passt zu dem des russischen Originals. Dann haben wir uns das Volumen der Tanks angeschaut. Auch das passt ins Bild. Es geht am Ende darum, möglichst viele Puzzleteile zu sammeln und zu schauen, ob sie ineinander passen. Hier funktioniert das perfekt.


Woher stammen die Triebwerke der nordkoreanischen Raketen genau?
Sie stammen von der RD250-Familie ab, deren Vorläufer schon in den 60er-Jahren als Basis für R16-Raketen dienten. Das ist sehr interessant, denn bislang trugen fast alle russischen Bauteile in Nordkorea die Handschrift des russischen Makejew-Büros. Das ist diesmal aber nicht der Fall.

Und was heißt das konkret?
Entweder hatten die Nordkoreaner noch Bauteile in ihren Lagern, die sie bislang nie genutzt haben, oder es gibt neue Lieferungen nach Nordkorea – auf welchen Wegen auch immer.


Welches Interesse könnten die Russen haben ihre Bauteile nach Nordkorea zu liefern?
Ich bin kein Politikwissenschaftler und weiß wie gesagt nicht, ob der russische Staat oder kriminelle Banden dahinter stecken. Aber wenn man sich die Außenpolitik Putins anschaut, sieht man ja, dass er gerne Trubel und Unruhe verursacht.


KONTEXT

Zur Person

Zur Person

Markus Schiller beschäftigt sich seit Jahren mit dem nordkoreanischen Raketenprogramm. Er hat an der TU München im Bereich Raumfahrttechnik promoviert und für die amerikanische RAND-Corporation zum Thema Nordkorea geforscht. Viele Jahre hat er für das Beratungsunternehmen seines Doktorvaters Robert Schmucker gearbeitet. Seit 2015 ist er Chef seines eigenen Beratungsunternehmens „ST Analytics“ für Raketentechnologie.