Ein Plädoyer gegen das Home-Office


Ab und an landen Initiativbewerbungen in meinem Posteingang. Die ignoriere ich normalerweise. Sie wissen schon: Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung und kann mir gut vorstellen meine Kenntnisse und Fähigkeiten bei einer Tätigkeit in Ihrem Haus zum Einsatz zu bringen. Mit freundlichen Grüßen. Gern mit Tippfehlern versehen, oftmals macht sich der geneigte Bewerber noch nicht einmal die Mühe näher zu benennen, um welche Position er sich bewirbt. Ob er weiß, in welcher Branche wir tätig sind, ist zu bezweifeln.

Nun hatte ich kürzlich eine ausgesprochen attraktiv gestaltete Bewerbung in gedruckter Form auf dem Tisch. Tatsächlich: Eine vollständige Bewerbungsmappe. Janine D. hat sie mir geschickt. Janine ist allem Anschein nach eine hochqualifizierte Bewerberin. Sie scheint erahnt zu haben, was wir hier brauchen, ihre Qualifikation passt 1:1 dazu, sie spricht drei Sprachen fließend, sie weiß dem Foto nach nicht nur ihr Profil, sondern auch sich selbst ansprechend zu präsentieren.

Ich will Janine D. sofort live sehen. Ich will mich augenblicklich von Angesicht zu Angesicht davon überzeugen, dass es dieses Feenwesen wirklich gibt. Die Mitarbeiterin, die alles kann, was mir hier gerade fehlt. Zu gut würde das passen. Wenn nicht… Ich kann Janine D. nicht ins Büro einladen. Janine D. pendelt, so entnehme ich dem Anschreiben, derzeit zwischen Karlsruhe (Wohnort) und Wiesbaden (Arbeit). Sie will sich beruflich vor allem dahingehend verändern, dass sie ihre neue Stelle bevorzugt im Home-Office antreten will. Sie freut sich auf einen Skypecall, damit wir uns persönlich kennenlernen können. „Und weg isse“ – aus meinem Kopf.


Ich mag den Ausdruck Home-Office nicht, und ich mag es besonders wenig, wenn man schon mit Home-Office anfängt, bevor man überhaupt nur ein Wort gewechselt hat. Ich höre sie schon, die Home-Office-Fraktion: Der Arbeitnehmer spare Zeit und der Arbeitgeber spare Kosten, heißt es da, wenn man keine weiten Strecken zum Arbeitsplatz zurücklegen muss, sondern nur die Treppe runterschlurfen. Ganz hervorragend: Je nach Persönlichkeitsstruktur kann der geneigte Mitarbeiter dann entweder erst gemütlich die Zeitung fertiglesen oder er kann noch mehr arbeiten – ohne vor den Kollegen doof dazustehen.

Im Home-Office ist man zu Hause – und dort ist es doch am gemütlichsten. Das taugt manch einem offensichtlich als Argument, fürs Arbeiten gar nicht erst das Haus zu verlassen. Meiner Meinung nach gilt das Gegenteil: Ich brauche es beim Arbeiten nicht gemütlich – und ich kann auch keine Leute leiden, die es beim Arbeiten gemütlich haben wollen. Hart arbeiten, hart feiern.

Ja, beschimpft mich ruhig. Aber nichts fühlt sich besser an als ein Feierabend, den man sich wirklich verdient hat. Übrigens hat ein solcher Feierabend nichts mit Jogginghosen, Puschen und Netflix zu tun. Dabei habe ich nichts – aber auch gar nichts – gegen Jogginghosen. Eine hochwertige Jogginghose, gut kombiniert, macht was her. Die kann man (fast) überall tragen. Aber eine Jogginghose als Argument um seine Arbeit nicht Büro sondern zu Hause zu verrichten? Das geht gar nicht.


Am Rande des Nervenzusammenbruchs

Und dann „last but not least“: Die liebe Familie. Ein beliebtes Todschlag-Argument. Wenn ich Mitarbeitern das Home-Office versage, habe ich wohl kein Herz für Familien. Ich muss ein schlechter Mensch sein. Kinder habe ich wohl keine. Sonst verstünde ich doch, dass man seine Süßen auch mal sehen will.

Du liebe Güte, seien wir doch mal ehrlich: Wer tagsüber für seine Kinder da ist, arbeitet nachts. Und ist spätestens nach einem dreiviertel Jahr am Rande des Nervenzusammenbruchs. Außer man gibt seinen Lieben zu verstehen, dass sie einen zwischen 9 Uhr und 17 Uhr nicht ansprechen dürfen. Beliebt macht man sich damit allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht mal beim Familienköter.

Ich mag einfach, wenn beim Arbeiten gearbeitet wird. Und ich mag, wenn ich weiß, dass es meine Mitarbeiter krachen lassen, wenn ich sie nicht mehr sehe. Dann ist Spaß angesagt. Stress kann ich gern während der regulären Arbeitszeit machen.

Also, liebe Janine D: Es wird nichts mit uns.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.