Die Pirouetten der Telekom beim Glasfaserausbau

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Die Pirouetten der Telekom beim Glasfaserausbau

20 Jahre nach dem Fall des Telekom-Monopols will der Konzern den Glasfaserausbau beschleunigen - aber mit der Logik von damals. Er fordert Sonderregeln. Die Konkurrenz formiert sich zur Gegenwehr.


Auch wenn er immer wieder eine Absage bekam – Martin Wolff hat seine Suche nach einem Investor für den Sprung seiner Kommune ins Gigabit-Zeitalter nie aufgegeben. Zunächst hakte der parteilose Oberbürgermeister von Bretten in Baden bei den Telekomkonzernen nach: Wann sie denn endlich auch in seiner Stadt Glasfaser bis in jedes Haus legen würden, wollte er wissen. Wolff konnte ihnen sogar einen historischen Anlass bieten: In diesem Jahr wird das nordöstlich des IT-Zentrums Karlsruhe gelegene Städtchen 1250 Jahre alt. Doch Deutsche Telekom, Vodafone und Unitymedia lehnten ab.

Für eine Kleinstadt wie Bretten mit 29.000 Einwohnern lohne sich der Ausbau einfach nicht, so die Ansage. „Die Großen haben sich jahrelang die Rosinen in den Ballungszentren herausgepickt und den ländlichen Raum vernachlässigt“, sagt der 60-jährige Oberbürgermeister.

Wolff, ein überzeugter Marktwirtschaftler, hat das Schicksal der Brettener selbst in die Hand genommen. Um den 8700 Haushalten die Glasfaser bis ins Haus zu legen – nur so können Höchstgeschwindigkeiten von einem und mehr Gigabit pro Sekunde erreicht werden –, hat er einer neuen Glasfasergesellschaft das Buddeln gestattet. Die Breitbandversorgung Rhein Neckar (BBV) baut mit eigenem Geld nun ein neues Netz. Der erste Spatenstich fand vor den Sommerferien statt.


Als Investor im Hintergrund unterstützt ein Infrastrukturfonds mit rund zehn Millionen Euro das Vorhaben. Der Bouwfonds wurde von der niederländischen Rabo Real Estate Gruppe aufgelegt. Kommune, Netzbetreiber und Privatinvestor – so ein Bündnis in Sachen Breitbandausbau gibt es bisher noch nirgends in Deutschland. „Das größte Problem ist die Finanzierung der hohen Baukosten“, sagt BBV-Geschäftsführer Manfred Maschek. „Mit dem Bouwfonds haben wir eine gute Lösung gefunden“, fügt er hinzu.

Bretten mag damit den Weg in die digitale Zukunft für sich gefunden haben. Für viele andere Kleinstädte, Kommunen und Gemeinden gilt das nicht (siehe Grafik Seite 44). Dabei wurde vor bald 20 Jahren in Deutschland der Telekommunikationsmarkt liberalisiert. Dass ein privat finanziertes Modell wie in Bretten in Deutschland erstmals im Jahr 2018 fertiggestellt wird, ist eine Bankrotterklärung: Ohne staatliche Unterstützung sind außerhalb der Großstädte kaum neue Glasfasernetze entstanden. Die Öffnung der Märkte hat außer sinkenden Preisen kaum etwas gebracht.

Streitende Konzerne, unentschlossene Politiker und ein ehemaliger Monopolist, der immer wieder Sonderregelungen für sich herausschlägt, haben den Wettbewerb vielmehr ausgehebelt. Und die Verhinderungstaktik geht in die nächste Runde: Die Deutsche Telekom ist dabei, sich erneut einen Freifahrtschein auszuhandeln.


Dabei versprechen alle Bundestagsparteien ein Ende des Internetnotstands und den Bau von superschnellen Glasfasernetzen in Deutschland. Bis spätestens 2025, so steht es etwa in den Wahlprogrammen von CDU und SPD, soll in Deutschland ein nahezu flächendeckendes Glasfasernetz für alle 40 Millionen Haushalte und drei Millionen Unternehmen entstehen. Doch wer die Federführung beim Bau des mindestens 50 Milliarden Euro teuren Megaprojekts bis in alle Winkel Deutschlands übernimmt – und welche Formen von Wettbewerb dafür notwendig sind –, darüber ist in Berlin ein heftiger Streit entbrannt.

Das ungewöhnliche Kooperationsmodell aus Bretten sorgt dabei für besonders viel Diskussionsstoff – würde es sich doch für viele unterversorgte Regionen anbieten. Es wäre auf jede Kommune übertragbar: Die private Glasfasergesellschaft baut und betreibt das neue Netz, verkauft es aber kurz nach der Fertigstellung an den von der Rabobank aufgelegten Bouwfonds. Gegen eine mit der Kundenzahl wachsende monatliche Gebühr least die BVV die Nutzungsrechte dann wieder zurück. Mit diesem Sale-and-lease-back-Verfahren schließen Unternehmen und Kommunen schon lange Liquiditätslücken bei anderen langfristigen Vermögensanlagen wie Immobilien oder Maschinen. Auch wenn so manche Kommune damit keine guten Erfahrungen gemacht hat, Wolff hält es für die beste Option: „Ich bevorzuge private Initiativen, bevor die Stadtkasse mit den Steuergeldern angezapft wird.“


Doch die Deutsche Telekom will solche Initiativen – wie viele andere zuvor – in Zukunft am liebsten verhindern. Dafür bietet sie sich als Retter aus dem Glasfasernotstand an. Sie würde flächendeckend Glasfaser in jedes Haus ziehen. Bedingung: Berlin soll ihr die Konkurrenz auf Abstand halten.

In Kamingesprächen mit den beiden noch zuständigen Bundesministern, Brigitte Zypries (SPD) für Wirtschaft und Alexander Dobrindt (CSU) für Infrastruktur, rechnen die Lobbyisten von Telekom-Chef Tim Höttges derzeit vor, dass die Telekom solch eine Milliardeninvestition nur alleine stemmen könne, wenn sie von allen regulatorischen Zwängen und Pflichten befreit würde.



Gegenwehr der Telekom-Konkurrenten


In einem Papier für die Bundesnetzagentur wirbt die Telekom dabei besonders deutlich: „Eine grundsätzliche Abkehr von einer Logik, die in den letzten 20 Jahren eine Regulierung der Telekom als Normalfall betrachtet hat, ist dringend geboten.“ Ansonsten werde die Telekom die „äußerst hohen Risiken“ nicht eingehen.

Den Vorschlag findet nicht nur Brettens Oberbürgermeister befremdlich. Die größeren Telekom-Konkurrenten formieren sich zur Gegenwehr. Vor allem Vodafone befürchtet ein „Glasfaser-Monopol der Telekom“. Das Versprechen, im Alleingang solch ein Netz zu bauen, könne die Telekom ohnehin nicht halten. Dazu fehle ihr angesichts eines Schuldenbergs von mehr als 50 Milliarden Euro die Finanzkraft. „Kein Anbieter kann den Glasfaserausbau alleine stemmen“, attestiert auch Telefónica-Vorstand Valentina Daiber. Das Thema werde „nach der Bundestagswahl in allen Facetten und Modellen intensiv diskutiert werden“.

Dabei gibt es, auch jenseits von kommunaler Selbsthilfe wie in Bretten, durchaus Ideen für den Ausbau einer digitalen Netzinfrastruktur in alle Regionen. Doch bisher findet sich dafür in der Branche kein gemeinsamer Nenner.


Der Mobilfunkbetreiber Telefónica etwa stieß bereits im vergangenen Jahr eine konzertierte Aktion von Netzbetreibern, Staat und Finanzinvestoren an, um den Rückstand beim Bau von Glasfasernetzen aufzuholen. Weil sich in den meisten Regionen nur ein Glasfasernetz wirtschaftlich rentiert, sollten nach Auffassung von Telefónica die Betreiber ihre Aktivitäten zusammenlegen. Die Gründung dieser nationalen Glasfasergesellschaft sollte garantieren, dass sich die Netzbetreiber nicht auf den Ausbau in lukrativen Ballungsräumen konzentrieren, sondern genauso schnell auch die ländlichen Regionen versorgen. Exklusivrechte für einen Anbieter gäbe es dann nicht. Alle Telekomgesellschaften könnten ihre Kunden an dieses Netz anschließen.

Bei der Konkurrenz stößt solch ein Schulterschluss auf Widerstand. Vor allem die Telekom, die bisher fast vollständig auf den Glasfaserausbau bis in die Haushalte zugunsten der veralteten Kupferinfrastruktur verzichtete, will die Hoheit über ihre Netze behalten. Das Modell verschwand deshalb wieder in der Schublade. Politiker in Berlin finden die Idee „sympathisch“, aber stark macht sich dafür niemand. Telefónica will den Vorschlag modifizieren und arbeitet daran, bilaterale Kooperationspartner zu finden.


Fehlende Weitsicht in Berlin, kooperationsunwillige Konkurrenten und Investitionsbedarf in Milliardenhöhe – immerhin hat der Bau von Glasfaseranschlüssen, wenn schon nicht in Kleinstädten, so doch in Metropolen wie Köln und München geklappt. Zwei Millionen Anschlüsse wurden hierzulande verlegt. Doch auch in den Großstädten spielt die Telekom nicht die tragende Rolle, die sie jetzt beim landesweiten Ausbau verlangt: 90 Prozent der Glasfaserleitungen stammen von regionalen Anbietern, die kommunale Stadtwerke als größte Gesellschafter haben, so etwa Netcologne in Köln oder M-Net in München.

In den Glasfasermusterländern Europas engagieren sich die Kommunen ohnehin besonders stark. Schweden etwa gilt mit einer Glasfaserversorgungsquote von 40 Prozent (Deutschland: 7 Prozent) als Vorreiter. Wie Straße, Wasser und Strom müssen Kommunen als Teil der Daseinsvorsorge auch den Glasfaseranschluss bereitstellen.

Im Großraum Stockholm sind so inzwischen 98,7 Prozent der Fläche mit Leerrohren des kommunalen Glasfaserversorgers Stokab abgedeckt. Der lädt jede Telekomgesellschaft ein, eigene Glasfaserleitungen in die Leerrohre hineinzulegen. Weil die Kommune die hohen Kosten trägt, ist der Infrastrukturwettbewerb profitabel. Selbst dann, wenn – wie in Stockholm – ein 100-Megabit-Anschluss nur 15 Euro und der Gigabit-Anschluss nur 25 Euro kostet.


Bernd Beckert, der für die Bertelsmann-Stiftung die Ausbaustrategien vieler Glasfaseranbieter europaweit verglichen hat, empfiehlt auch in Deutschland ein stärkeres Engagement der Kommunen: „Es ist sinnvoll, das Prinzip der Daseinsvorsorge auf das Breitbandinternet auszuweiten.“

In Bretten will man unbedingt beim rein privaten Ansatz bleiben. Denn es dürfte Wettbewerb geben – die BBV hat versprochen, das neue Glasfasernetz auch für andere Anbieter zu öffnen. Bouwfonds-Manager Peter Selgert kann sich sogar vorstellen, mit dem Modell in Großstädte zu expandieren.

Seine Investoren, darunter langfristig denkende Versicherungen und Pensionskassen, hätten dafür nur einen Wunsch: dass die nächste Bundesregierung die ständigen Mauscheleien mit der Telekom beende. Seine Geldgeber suchten nach langfristig kalkulierbaren Anlageobjekten mit stabilen Renditen über eine Laufzeit von 25 bis 30 Jahren. „Die sollte die Bundesregierung nicht vergraulen.“